Ego-Shooter: Generation Peer

Nach Henrik Ibsen. Studioproduktion der HMT Leipzig

Peer Gynt sucht das Abenteuer, will den Erfolg um jeden Preis. Dafür belügt er seine Mutter und verlässt seine große Liebe. Seine Suche führt ihn um die halbe Welt, aber erst kurz vor seinem Tod legt er Rechenschaft über sich ab: „Habe ich jemals wirklich gelebt, oder habe ich immer nur Rollen gespielt, bin durch mein Leben gehetzt, einem absurden Traum nachgerannt? War ich in all den Jahren einmal ich selbst?“ Peers Ziel ist das höchste: Er will Kaiser werden. Aber Peer scheitert, muss scheitern an seinem Größenwahn. Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis, sich zeitlebens selbst verleugnet zu haben: Das eigene Ich als Zwiebel – nur Schalen, kein Kern. Mit seinen Phantasiegespinsten verweigert sich Peer der Realität und damit sich selbst. Der Traum vom großen Erfolg, vom schnellen Glück, vom Reichtum über Nacht und die Unzufriedenheit mit dem Hier und Jetzt sind Antrieb und Ausdruck für die Wünsche und Sehnsüchte heutiger Jugendlicher. Wenige realisieren, dass sie bei ihrer Suche dem Gynt’schen Ich nacheifern und sich auf diesem Weg selbst verlieren. Die Figur des realitätsfernen Träumers und Lügners Peer Gynt ist längst zum Prototypen eines narzisstischen Lebensmodells geworden, das für unsere Gesellschaft charakteristisch ist.

                                    Michael Billenkamp

mit Natalia Belitski, Georg Böhm, Johann David Talinski, Lisa Jopt, David Kosel, Lucas Prisor, Albrecht Schuch, David Simon

Regie: Martina Eitner-Acheampong
Bühne: Marie Roth
Kostüme: Yvette Schuster
Dramaturgie: Michael Billenkamp, Johannes Kirsten

Dauer: 1 Stunde 30 Minuten

Gewinner des Haupt- und Publikumspreises beim Theatertreffen deutschsprachiger Schauspielstudenten 2009 im Theater der Künste, Zürich

„Die Generation Peer sind wir alle“  LVZ vom 26.03.09

Nicht erst seit dem Amoklauf von Winnenden stehen Ego-Shooter als Mittel der Realitätsflucht in der Kritik. Im 19. Jahrhundert suchte Henrik Ibsens Figur Peer Gynt in Lügengeschichten einen Weg aus der Wirklichkeit. In der Skala verbinden acht junge Schauspieler in „Ego-Shooter: Generation Peer“ die beiden Fluchtstrategien. Wer oder was ist diese Generation? Wofür steht sie? Wir haben nachgefragt.

Johann David Talinski
1. Die „Generation Peer“ vereint alle, die auf der Suche nach sich oder auch nur nach irgendetwas sind.
2. Für die Notwendigkeit, erwachsen zu werden.

Natalia Belitski
1. „Generation Peer“ sind junge Leute, die den konsequenzfreien Tag ohne Ende leben.
2. Für eine Sicht auf die heutige, so oft zum Untergang verurteilte Fun-Generation, in der jeder nur nach dem großen, nicht immer ernst gemeinten „Ich selbst“ sucht.

David Simon
Ich sehe keine absolute „Generation Peer“, eher eine allgemeine gesellschaftliche Tendenz nach dem Motto: „Jeder denkt nur an sich.“ Die Frage ist aber: Wenn jeder nur an sich denkt, ist dann wirklich an jeden gedacht?

David Kosel
„Generation Peer“ ist die Fun-Generation. Was erreichen wollen, ohne Rücksicht auf Verluste und das Wohl der anderen. „Peer“ vereint in sich das Menschliche und das Unmenschliche – Angst, Liebe, Hass, Sehnsucht, Gleichgültigkeit et cetera –, um anschließend alles und auch gleich sich selbst in Frage zu stellen. Eine Antwort erhält man nicht.

Lisa Jopt
1. „Generation Peer“ ist eine Kombination von verschiedensten Charakterzügen, alle unter dem einem Motto: „Was kostet die Welt?“
2. „Peer“ steht für ein zielloses, freies Leben in Kopf, Bauch und Herzen.

Georg Boehm
1. Die „Generation Peer“ sind wir alle.
2. Sie steht für Entgrenzung, Verantwortungslosigkeit, Sucht …

Albrecht Schuch
1. „Generation Peer“, das ist der Gedanke, gemeinsam nichts mehr bewegen zu können, der Gedanke, dass Pferdestehlen alleine mehr Spaß macht.
2. Für eine scheuklappenartige Standpunktlosigkeit.

Lucas Prisor
1. Die „Generation Peer“ ist das Narzisstische, Egomane, ja Gefährliche jedes Menschen. Sie betrifft nicht nur die Moderne, die Globalisierung oder den Kapitalismus, sondern – wie Ibsen zeigt – die zeitlose Verweigerung, über sich selbst, seine Umwelt und seine Mitmenschen nachzudenken.
2. Für das Bewusstsein, dass aller Ursprung in einem selbst rührt, dass soziale Einflüsse sekundär sind. Das ist wichtig!