FANZ 89/09
„Insofern glaub ich, dass es eine Suche ist, diese bedingungslos ehrliche, aus dem Bauch herauskommende Energie wiederzufinden, die man aber ganz schwer zu fassen kriegt, wenn man sie gedanklich oder nennen wir es mal intellektuell versucht zu transportieren. Das führt, glaube ich, dazu, dass man entweder in den Rückzug geht und sagt ‚OK, das war ’ne schöne Jugendzeit und ich arrangier mich jetzt mal ’n bisschen‘; oder man versucht relativ verzweifelt, nach dieser Zeit zu graben, und sagt ‚Ich will dieses Gefühl wieder haben‘. Ich versuch das wahrscheinlich auch, weil mich das so maßgeblich geprägt hat, dass ich viele Dinge danach einfach nicht mehr ernst nehmen kann.“ „Klar, früher waren es die BÖHSEN ONKELZ, jetzt ist es RAMMSTEIN, und es wird immer Gruppen geben, die Gefühle ausdrücken, also Gefühle von Generationen.“ „Nach der Wende ging’s ja richtig los. Da waren echt krasse Leute unterwegs. Wenn die dir Dresche angeboten haben, dann meinten die das ernst, die meinten nicht nur ‚Ich schubs dich mal ’n bisschen rum‘.“ Nach Arbeitspräsentationen und Diskussionen stehen im Langzeitprojekt FANZ 89/09 jetzt die Interviews im Mittelpunkt, die während der Recherche von Mareike Mikat geführt wurden. Die Interviews sind Ausgangsmaterial für den Versuch, das Phänomen der Generation Übergangsphase theatralisch zu verarbeiten und auf die Bühne zu bringen. Pubertät, also persönliche Wende, und gesellschaftlicher Umbruch fielen hier zusammen, alles wurde umgeworfen, alles verändert und keine Richtung ausgewiesen, der man hätte folgen können. Die Musik, die harten Texte der BÖHSEN ONKELZ verliehen vielen Mitgliedern dieser Generation jenen Halt und Ausdruck, den sie anderswo nicht fanden.
Im Anschluss an die Präsentation am 22.04. diskutieren Regisseurin Mareike Mikat, Soziologe Wolfgang Engler (angefragt) und Stephan Weidner (BÖHSE ONKELZ) über die Zeit nach 89, die Auswirkungen des Systemwechsels auf das Selbstverständnis damaliger Jugendlicher und die Rolle, die die Musik der BÖHSEN ONKELZ dabei spielte.
Johannes Kirsten
Mit: Natalia Belitski, Peter Schneider, Melchior Walther
Idee und Projektleitung: Mareike Mikat
Musikalische Leitung: Peter Schneider
Video: Enno Seifried
Dramaturgie: Johannes Kirsten