Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Nach Fjodor M. Dostojewski
Tiefes Misstrauen und Abscheu gegen die Welt und das eigene Dasein sind die beherrschenden Gefühle von Dostojewskis Kellerlochmenschen. Ein namenloser Angestellter, der sich dem Diktat der Zeit verweigert und sein Leben lieber in einem Kellerloch fristet. Hier räsoniert er über den unerbittlichen Trommelschlag eines Zeitgeistes, der versucht, die Ideale von Aufklärung und individueller Freiheit mittels evolutionärer Vervollkommnung und technologischem Fortschritt mit der Utopie eines neuen Menschen in Einklang zu bringen. Sein Fazit ist erschreckend: „Wir sind Totgeborene, werden wir doch schon lange nicht mehr von lebendigen Vätern gezeugt, und das gefällt uns immer besser und besser. Wir bekommen Geschmack daran. Bald werden wir so weit sein, daß wir von einer Idee gezeugt werden.“ Sein Rückzug aus der Gemeinschaft, sein Ausstieg aus der ‚Komödie des Lebens‘ ist darum nur konsequent.
Dostojewski ist mit seiner Erzählung „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ nicht nur die präzise Beschreibung einer sich im Umbruch befindenden und gleichzeitig tief verunsicherten Gesellschaft gelungen, Friedrich Nietzsche feierte sie darüber hinaus als „wahren Geniestreich der Psychologie“. Dostojewski stellt darin Fragen zu unserem Zusammenleben. Fragen, die in unserer von Kapitalismus und Egoismus bestimmten Gesellschaft nichts von ihrer Radikalität verloren haben. Und er gibt Antworten, die exemplarisch auch für den Zustand im Hier und Jetzt stehen, indem er die Entwicklung und Ausformulierung des eigenen Egos zum höchsten Ziel erhebt und damit den Solidaritätsgedanken zum Abschuss freigibt: „Ich sage, die Welt mag untergehen, ich aber will immer meinen Tee trinken.“
Michael Billenkamp
mit Manolo Bertling, Edgar Eckert, Sarah Franke, Manuel Harder, Benjamin Lillie
Regie: Martin Laberenz
Konzeptioneller Mitarbeiter: Christoph Wirth
Ausstattung: Peter Schickart
Dramaturgie: Michael Billenkamp