Marquis de Sade
Gespräch zwischen einem Priester und einem Sterbenden (1782)
Von dem Fenster seiner Zelle hinab
ruft ein Gefangener die Menge zusammen
und fordert sie auf, seinen Kerker als Symbol der Despotie zu zerstören.
Die Zeit: Die ersten Julitage des Jahres 1789.
Der Ort: Die Pariser Bastille.
Der Mann: Donatien Alphonse, Marquis de Sade,
seit zwölf Jahren wegen Unzucht und Gotteslästerung inhaftiert.
Der für die Festung zuständige Offizier wird unruhig.
In dieser aufrührerischen Zeit ist kein Exzess des Pöbels auszuschließen. Eilig wird Sade in eine entlegene Festung abtransportiert.
Die Sache erfolgt so schnell, dass er die Manuskripte nicht mitnehmen kann,
die er seit Jahren heimlich schreibt und in seinen Zellenmauern versteckt. Wie wir wissen, war die Vorsichtsmaßnahme umsonst.
Die Bastille wurde doch gestürmt und in ihren Trümmern
sind kostbare Schriften des Marquis für immer verschollen.
Dennoch wurden wie durch Wunder einige gerettet, unter anderen das folgende Gespräch zwischen einem Priester und einem Lebenden,
heute zum ersten Mal auf Deutsch vorgetragen.
PRIESTER: In diesem schicksalhaften Augenblick, wo der Schleier der Illusion zerreißt, um dem verführten Menschen das grausame Bild seiner Irrtümer und Laster zu zeigen, bereut Ihr, mein Sohn, nicht die vielen Verwirrungen, in die Euch menschliche Schwäche und Gebrechlichkeit geführt haben?
STERBENDER: Ja, mein Freund, ich bereue.
PRIESTER: Nun, so nutzt die glücklichen Gewissensbisse, um in der kurzen Zeit, die Euch noch verbleibt, vom Himmel die allgemeine Vergebung Eurer Sünden zu erlangen. Und bedenkt wohl, dass Ihr sie nur durch die Vertiefung in das sehr heilige Sakrament der Buße vom Ewigen erhalten werdet.
STERBENDER: Ich begreife dich ebenso wenig, wie du mich verstanden hast.
PRIESTER: Wie das?
STERBENDER: Ich sagte dir, dass ich bereue.
PRIESTER: Das habe ich vernommen.
STERBENDER: Ja, aber ohne mich zu verstehen.
PRIESTER: Was für eine Auslegung?
STERBENDER: Hier ist sie … (steht plötzlich auf und spricht mit feierlicher Stimme) Erschaffen von der Natur mit sehr lebhaften Sinnen, mit sehr starken Leidenschaften, einzig und allein in diese Welt gesetzt, um mich diesen hinzugeben und jene zu befriedigen, und da die Auswirkungen meiner Erschaffung notwendigerweise nur aus den ursprünglichen Absichten der Natur folgen oder, wenn es Dir lieber ist, wesentliche Verzweigungen ihrer Pläne bis in mein Ich darstellen, und zwar auf Grund ihrer Gesetze, so bereue ich, ihre Allmacht nicht in ihrer ganzen Tragweite erkannt zu haben, und meine Gewissensbisse beziehen sich allein auf den durchschnittlichen Gebrauch, den ich von meinen (deiner Meinung nach verbrecherischen, meiner Meinung nach ganz selbstverständlichen) Fähigkeiten gemacht habe, die sie mir gab, um ihr zu dienen. Ich habe ihr manchmal widerstanden, dies bereue ich. Verblendet durch die Absurdität deiner Ideen, habe ich durch sie die Heftigkeit der Begierden bekämpft, die ich durch eine sehr viel göttlichere Eingebung erhalten hatte, und dies bereue ich. Ich habe nur Blüten gepflückt, wo ich reiche Frucht hätte ernten können … (legt sich wieder hin) Dies also sind die wahren Gründe meines Bedauerns. Schätze mich hoch genug, um mir nicht andere unterzuschieben.
PRIESTER: Wohin treiben Euch Eure Irrtümer? Wohin führen Euch Eure Trugschlüsse? Ihr verleiht dem Geschaffenen die ganze Macht des Schöpfers. Und jene unglückseligen Neigungen, die Euch irrgeleitet haben – Ihr seht nicht, dass sie nur die Auswirkungen jener verderbten Natur sind, der Ihr Allmacht zuschreibt.
STERBENDER: Freund, mir scheint, dass deine Dialektik so fadenscheinig ist wie dein Geist. Ich wünschte, du überlegtest genauer oder du ließest mich in Frieden sterben. Was verstehst du unter Schöpfer, und was verstehst du unter verderbter Natur?
PRIESTER: Der Schöpfer ist der Herr des Weltalls; er ist es, der alles erzeugt, alles erschaffen hat und alles durch die bloße Wirkung seiner Allmacht erhält.
STERBENDER: Dann ist er ganz sicher ein großer Kerl. Aber schön und gut. Sag mir, warum dieser Mann, der doch so mächtig ist, nichtsdestoweniger eine Natur geschaffen hat, die deiner Meinung nach verderbt ist.
PRIESTER: Welches Verdienst hätte der Mensch, wenn ihm Gott nicht den freien Willen gegeben hätte? Und welches Verdienst wäre es, sich seiner zu erfreuen, wenn auf Erden nicht die Möglichkeit bestünde, das Gute zu tun und das Böse zu meiden?
STERBENDER: So hat dein Gott also alles verquer machen wollen, nur um seine Kreatur in Versuchung zu führen bzw. zu prüfen. Er kannte sie demnach nicht, er wusste demnach nicht, wie die Sache ausgehen würde?
PRIESTER: Er kannte sie zweifellos. Aber noch einmal, er wollte ihr das Verdienst der Wahl lassen.
STERBENDER: Wozu sollte das wohl gut gewesen sein, wo er doch wusste, welche Seite sie wählen würde und dass es nur an ihm lag, dem Allmächtigen, wie du ihn nennst, dass es nur an ihm lag, sage ich, die gute Seite wählen zu lassen.
PRIESTER: Wer begreift die unermesslichen, unendlichen Ziele, die Gott mit den Menschen verfolgt? Wer begreift dies alles, was wir rund um uns sehen?
STERBENDER: Derjenige, der die Dinge vereinfacht, mein Freund, derjenige vor allem, der die Ursachen nicht vervielfacht, um die Wirkungen besser vernebeln zu können. Wozu bedarfst du einer zweiten Schwierigkeit, wenn du nicht einmal die erste erklären kannst? Wozu, wenn es möglich ist, dass die Natur aus sich heraus bewirkt hat, was du deinem Gott zuschreibst, willst du ihr einen Herrn beibringen? Die Ursache dessen, was du nicht begreifst, ist vielleicht das Einfachste von der Welt. Vervollkommne dein körperliches Wesen, und du wirst die Natur besser verstehen. Reinige deinen Verstand, verbanne deine Vorurteile, und du wirst deines Gottes nicht mehr bedürfen.
PRIESTER: Unglückseliger, den ich nur für einen Deisten hielt. Ich hatte wohl Waffen, dich zu bekämpfen, aber jetzt sehe ich, dass du gottlos bist. Und wenn sich dein Herz der Unermesslichkeit authentischer Beweise verweigert, die wir tagtäglich von der Existenz des Schöpfers erlangen – so habe ich dir nichts mehr zu sagen. Ein Blinder weiß nicht, was Licht ist.
STERBENDER: Mein Freund, gesteh es ein, dass von zweien ganz sicher derjenige der Blinde ist, der sich eine Binde um die Augen knüpft, und nicht der, der sie sich vom Kopfe reißt. Du konstruierst, du erfindest, du kommst vom Hundertsten ins Tausendste – ich zerstöre, ich vereinfache. Du häufst Irrtum auf Irrtum. Ich bekämpfe sie alle. Wer von uns beiden ist der Blinde?
PRIESTER: Ihr glaubt also nicht an Gott?
STERBENDER: Nein. Und das aus einem ganz einfachen Grund. Wo das Begreifen versagt, ist der Glaube tot. Selbst dir misstraue ich, ob du an den Gott glaubst, den du mir predigst – denn du kannst ihn mir nicht beweisen, denn du hast nichts, ihn mir zu definieren, du begreifst ihn infolgedessen nicht. Und weil du ihn nicht begreifst, kannst du mir kein einziges vernünftiges Argument entgegenhalten. In einem Wort: Was die Grenzen des menschlichen Geistes übersteigt, ist entweder nebulös oder unnütz, und weil dein Gott nur eines von beiden sein kann, wäre ich ein Narr, wenn ich an Ersteres, ein Dummkopf, wenn ich an Letzteres glaubte.
Mein Freund, weise mir die Trägheit der Materie nach, und ich werde hinsichtlich des Schöpfers mit dir übereinstimmen. Beweise mir, dass die Natur sich nicht selbst genügt, und ich werde dir gestatten, ihr einen Herrn zu geben. Bis dahin aber erwarte nichts von mir, ich ergebe mich nur der Evidenz, und die empfange ich durch meine Sinne; wo sie enden, ist mein Glaube ohne Kraft. Ich glaube an die Sonne, weil ich sie sehe, ich verstehe unter ihr den Mittelpunkt der Vereinigung aller entzündbaren Materie der Natur, ihr periodischer Lauf findet mein Wohlgefallen, ohne dass er mich in Erstaunen versetzt. Es handelt sich dabei um ein physikalisches Geschehen, das vielleicht ebenso einfach ist wie das der Elektrizität, das uns aber zu begreifen versagt bleibt. Was brauche ich noch weiter zu gehen, und würde ich weiterkommen, wenn du mir deinen Gott noch oberhalb dessen hinbautest, wo ich dann doch noch einmal ebenso viel Mühe aufwenden müsste, um den Baumeister zu begreifen, wie um sein Werk zu definieren?
Du hast mir infolgedessen mit der Errichtung deines Hirngespinstes gar keinen Dienst erwiesen, du hast meinen Geist verwirrt, aber nicht erhellt, und anstelle von Anerkennung schulde ich dir nur Hass. Dein Gott ist eine Maschine, die du hergestellt hast, um deine Leidenschaften zu bedienen, und nach ihrer Maßgabe lässt du sie sich bewegen. Aber sobald sie meine Leidenschaften behindert, ist es doch mein gutes Recht, die Maschine über den Haufen zu werfen. Und wenn meine schwache Seele einmal der Gelassenheit und der Philosophie bedarf, so komme mir nicht und schrecke sie mit deinen Sophismen, die sie ängstigen, ohne zu überzeugen, die sie erzürnen, ohne sie zu bessern. Diese Seele, mein Freund, wurde von der Natur nach ihrem Gefallen geformt. Sie ist das Ergebnis der Organe, die die Natur mir nach ihrem Belieben und nach ihren Absichten und Bedürfnissen bildete. Und da sie der Laster wie der Tugenden gleicherweise bedarf, so hat sie mich Ersteren in die Arme geführt, wenn es ihr so gefallen hat, wie sie mir das Verlangen nach Letzteren einhauchte, wenn sie es wollte, und ich habe mich ihnen ebenfalls hingegeben. Sieh ihre Gesetze als einzige Ursache unserer menschlichen Unbeständigkeit an, und suche in ihnen keine anderen Grundsätze als ihren Willen und ihre Bedürfnisse.
PRIESTER: Demnach ist alles auf der Welt notwendig.
STERBENDER: Ganz sicher.
PRIESTER: Aber wenn alles notwendig ist, so ist also alles geregelt.
STERBENDER: Wer spricht vom Gegenteil?
PRIESTER: Und wer kann alles regeln, wie es ist, wenn nicht eine allmächtige und weise Hand?
STERBENDER: Entzündet sich Pulver nicht zwangsläufig, wenn man es in Brand steckt?
PRIESTER: Ja.
STERBENDER: Welche Weisheit siehst du darin?
PRIESTER: Gar keine.
STERBENDER: Es ist also möglich, dass es notwendige Dinge ohne Weisheit gibt. Infolgedessen ist es auch möglich, dass alles einer ersten Ursache entspringt, ohne dass dieser Ursache Vernunft oder Weisheit innewohnt.
PRIESTER: Worauf wollt Ihr hinaus?
STERBENDER: Dir zu beweisen, dass alles sein kann, wie es ist und wie du es siehst, ohne von Weisheit oder Vernunft geführt zu sein. Natürliche Wirkungen müssen natürliche Ursachen haben, ohne dass ihnen widernatürliche untergeschoben zu werden brauchen. Um mich zu vergewissern, dass dein Gott ein Hirngespinst ist, bedarf es keiner anderen Überlegung als der, die mir die Gewissheit seiner Nutzlosigkeit liefert.
PRIESTER: Wenn dem so ist, so erscheint es mir wenig angebracht, mit Euch über Religion zu sprechen.
STERBENDER: Warum nicht? Nichts bereitet mir solches Vergnügen wie der Nachweis, bis zu welchem Punkte die Menschen in diesen Dingen Fanatismus und Torheit getrieben haben. Obgleich entsetzlich, ist das Schauspiel doch immer interessant. Stehe mir offen Rede und Antwort und verbanne jeglichen Egoismus. Wenn ich schwach genug wäre, um mich von deinen lächerlichen Gedankengängen von der fabulösen Existenz jenes Wesens überraschen zu lassen, welches die Religion notwendig macht: Zu welcher Form des Kults ihm gegenüber würdest du mir dann raten? Möchtest du, dass ich die Träumereien eines Konfuzius eher akzeptierte als die Absurditäten Brahmas? Sollte ich die große Schlange der Neger anbeten, das Gestirn der Peruaner oder den Gott der mosaischen Heerscharen? Welcher mohammedanischen Sekte sollte ich mich deiner Meinung nach anschließen, welche christliche Häresie bevorzugen? Überleg dir deine Antwort gut.
PRIESTER: Kann sie uneindeutig sein?
STERBENDER: Dann ist sie egoistisch.
PRIESTER: Nein, ich liebe dich ebenso wie mich, wenn ich dir zu dem rate, woran ich glaube.
STERBENDER: Und wir lieben uns alle beide recht wenig, wenn wir solchen Irrtümern hörig sind.
PRIESTER: Wer kann denn vor den Wundern unseres göttlichen Erlösers die Augen verschließen?
STERBENDER: Der in ihm nur den allergewöhnlichsten Betrüger sieht und den simpelsten aller Heuchler.
PRIESTER: O Götter, ihr vernehmt und zürnet doch nicht!
STERBENDER: Nein, mein Freund, alles ist in bester Ordnung, denn dein Gott, sei es nun Ohnmacht, Vernunft oder alles, was du willst, in diesem Wesen, das ich nur einen Augenblick lang einräume, weil ich mich zu dir herablasse oder, wenn du lieber so willst, mich deinem begrenzten Gesichtskreis unterordne, denn dieser Gott, sag ich, wenn er existiert, wie du törichterweise glaubst, kann, um uns zu überzeugen, nicht zu solch lächerlichen Mitteln Zuflucht nehmen, wie dein Jesus vermutet.
PRIESTER: Wie, und die Prophezeiungen, die Wunder, die Märtyrer, all das sind keine Beweise?
STERBENDER: Nach welcher Logik sollte ich als Beweise anerkennen, was selbst beweisbedürftig ist? Da die Prophezeiung der Geschichte angehört, kann sie für mich keine andere Beweiskraft haben als alle anderen historischen Tatsachen auch, von denen drei Viertel sehr zweifelhaft sind. Wer kann mir übrigens mit Sicherheit sagen, dass diese Prophezeiung nicht nachträglich gemacht worden ist, dass sie nicht Auswirkung der Kombination der allereinfachsten Politik war, wie etwa diejenigen, die unter einem gerechten König auch eine glückliche Herrschaft erblickt, oder Frost im Winter?
Was deine Wunder angeht, alle neuen Sektenstifter haben Wunder getan, und was noch viel merkwürdiger ist, alle haben Dummköpfe gefunden, die daran geglaubt haben. Dein Jesus hat nichts Außerordentlicheres getan als Apollonios von Tyana, und niemand verfällt darauf, diesen für einen Gott zu halten.
Um Märtyrer hervorzubringen, braucht es nur Begeisterung und Widerstand dagegen. Ach, mein Freund, wenn es wahr wäre, dass der Gott existierte, den du predigst, hätte er dann Wunder, Märtyrer und Prophezeiungen nötig, um sein Reich zu erbauen? Von einem Ende des Universums zum anderen liebten ihn, dienten ihm und beteten zu ihm die Menschen nur auf eine Weise. Es wäre denen ebensowenig möglich, diesen Gott zu verkennen, als dem verborgenen Hang zu seinem Kult zu widerstehen. Was aber sehe ich anstelle dessen im Universum? Ebenso viele Götter wie Länder, ebenso viele Arten, diesen Göttern zu dienen, wie es Köpfe gibt oder Vorstellungen. Geh, Prediger, du beleidigst deinen Gott, wenn du ihn mir so zeigst, lass mich ihn ganz und gar leugnen, denn wenn er existiert, beleidige ich ihn durch meine Ungläubigkeit viel weniger als du durch deine Lästerungen. Komm zur Vernunft, Prediger, dein Jesus ist nicht mehr wert als Mohammed, Mohammed nicht mehr als Moses, und sie alle drei nicht mehr als Konfuzius, der wenigstens ein paar gute Grundsätze aussprach, während die drei anderen schwachsinnig daherredeten. Im Allgemeinen sind all diese Leute nur Betrüger, über die sich der Philosoph lustig macht, an die die Kanaille geglaubt hat und die die Justiz hätte aufhängen lassen sollen.
PRIESTER: Ach, leider hat sie es für einen von den vieren allzusehr getan!
STERBENDER: Es ist derjenige, der es am ehesten verdiente. Er war aufrührerisch, lärmend, verleumderisch, ein grober Possenreißer von losen Sitten und von gefährlicher Boshaftigkeit. Er beherrschte die Kunst, damit das Volk zu täuschen, und machte sich infolgedessen strafbar in einem Königreich in dem Zustand, in dem sich damals das von Jerusalem befand. Es war demnach sehr weise, sich seiner zu entledigen. Wer sein Land und seinen König nicht liebt, verdient das Leben nicht.
PRIESTER: Schließlich aber nehmt Ihr wenigstens an, dass etwas auf das Leben folgt. Es ist unmöglich, dass Euer Geist nicht hin und wieder die dichte Finsternis des Schicksals zu durchdringen suchte, das uns erwartet. Welche Lehre kann ihn besser befriedigen als diejenige, die für den Bösen mannigfache Strafen und für den Guten eine Ewigkeit an Lohn kennt?
STERBENDER: Welche, mein Freund? Die des Nichts. Niemals hat sie mich erschreckt, und ich sehe in ihr nur Tröstung und Schlichtheit. Übrigens ist dieses Nichts weder schrecklich noch absolut. Nichts vergeht, mein Freund, nichts wird zerstört in der Welt. Heute Mensch, morgen Wurm, übermorgen Fliege, heißt das nicht immer existieren?
Eh, warum sollte ich für Tugenden belohnt werden, an denen ich kein Verdienst habe? Warum für Verbrechen bestraft, über die ich nicht Herr war? Kann dein angeblicher Gott meine Erschaffung gewollt haben, bloß um sich das Vergnügen zu bereiten, mich zu bestrafen, und dies einzig und allein aufgrund einer Wahl, über die er mir nicht die Entscheidung ließ?
PRIESTER: Ihr habt sie.
STERBENDER: Nach deinen Vorurteilen wohl. Doch die Idee der menschlichen Freiheit wurde allein deswegen erfunden, um die der Gnade zu fabrizieren, die euren Träumereien so gewogen war.
Welcher Mensch würde das Verbrechen begehen, neben dem er den Galgen errichtet sieht, wenn er frei wäre, es nicht zu begehen? Wir werden von einer unwiderstehlichen Kraft getrieben und sind niemals auch nur für einen Augenblick imstande, uns für etwas anderes entscheiden zu können als für die Seite, zu der wir neigen. Es gibt keine einzige Tugend, die für die Natur nicht notwendig ist, und umgekehrt kein einziges Verbrechen, das sie nicht braucht, und im Aufrechterhalten des vollkommenen Gleichgewichts zwischen beiden besteht ihre ganze Kunst. Schuldig gesprochen werden können wir nicht mehr als die Wespe, die ihren Stachel in deine Haut bohrt.
PRIESTER: So darf uns also auch das größte Verbrechen keinerlei Abscheu einflößen?
STERBENDER: Das habe ich nicht gesagt. Es genügt, dass das Gesetz es unter Strafe stellt, um uns Schrecken und Widerwillen einzuflößen. Aber ist das Verbrechen einmal begangen worden, dann ist es vergeblich, sich fruchtlosen Gewissensbissen auszuliefern. Und noch absurder ist es, zu befürchten, dass wir in einer andern Welt ihretwegen bestraft werden, wenn wir schon das Glück hatten, in der hiesigen der Strafe zu entgehen.
Ganz sicher muss man Verbrechen vermeiden, soweit man es kann, aber aus Vernunft, und nicht aus falscher Furcht. Alle menschliche Moral liegt in diesem einen Satz beschlossen: Die anderen ebenso glücklich machen, wie man es selbst zu sein begehrt, und ihnen niemals mehr Böses antun, als man selbst empfangen möchte. Dies, mein Freund, dies sind die einzigen Grundsätze, die wir befolgen sollten. Und es bedarf weder der Religion noch eines Gottes, um an ihnen Gefallen zu finden und sie zu billigen. Es bedarf nur eines guten Herzens.
Aber ich fühle dass ich ermatte, Prediger. Komm, gib doch deine Vorurteile auf. Sei menschlich, ohne Furcht und ohne Hoffnung. Vergiss deinen Gott und deine Religion. All das dient nur dazu, dem Menschen das Schwert in die Hand zu geben und Blut auf Erden fließen zu lassen. Verzichte auf die Vorstellung eines Jenseits, es gibt keins, aber verzichte nicht auf die Lust, diesseits glücklich zu sein und glücklich zu machen …
Mein Freund, die Wollust war seit jeher das liebste meiner Güter, ich habe sie mein Leben lang angebetet und beabsichtige, mein Leben in ihrem Schoß zu beschließen. Mein Ende naht. Sechs Frauen, schöner als der Tag, warten im Boudoir nebenan. Komm, nimm deinen Teil und suche so wie ich, zwischen ihren Schenkeln all die Trugschlüsse des Aberglaubens zu vergessen und alle dummen Irrtümer der Heuchelei.