The Matthew Herbert Big Band
Der britische Elektronik-Aktivist Matthew Herbert hat unterschiedliche Pseudonyme, aber immer ein ähnliches Anliegen: Musik mit konkreten Sounds und konkreten Ideen zu machen. Nie würde Herbert von einem Unterhaltungskonzern vorgefertigte Klänge benutzen – weder für seine House-Music-Projekte noch für seine erweiterte Big Band. Immer will er mit seinen Audio-Samples von Körperfunktionen, Tierfabriken oder Fast-Food-Molochen auf Zusammenhänge verweisen, die auf dem Dancefloor oder im Konzertsaal normalerweise nicht thematisiert werden. Was 1995 mit einer Klangsinfonie einer Chipstüte begann, endet 2008 vorläufig beim Geräusch eines brennenden Sarges.
Das soeben erschienene zweite Album seiner Big Band bedient sich zwar der scheinbar lebensbejahenden „Schmissigkeit“ des Swing-Formats. Die Sounds und Texte erzählen allerdings von Krieg und Tod. The Matthew Herbert Big Band führt ironisch die Tradition von Big Bands der 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts weiter, deren Funktion oft gerade in der eleganten Übertönung des Kriegsgeheuls lag.
Dass ein House-Avantgardist wie Herbert die Nähe zur Big Band findet, ist weniger dem Zwang zur Originalität als einer historischen Folgerichtigkeit geschuldet. Swing steht am Anfang jener Traditionslinie, die später zu den ausladenden Arrangements von Disco geführt hat und von dort zu den stimmlichen Extravaganzen wichtiger Schulen der House Music. Es ist eine Musik, die den coolen Temperaturen in Jazz oder Techno die Hitze des Überschwanges und auch der Deutlichkeit entgegenstellt.
The Matthew Herbert Big Band klingt so dicht und dynamisch, wie man es von einem derart mächtigen Klangkörper erwartet – und der unter den Bedingungen der Digitalisierung in einer marktüblichen Kostenrechnung gar nicht mehr vorgesehen ist. Die Parodie der Tradition und der Spaß am großen alten Besteck wird beim Live-Auftritt sichtbar werden. Doch immer wieder signalisieren elektronische Interventionen und kleine Groove-Einheiten, dass auch dieser Swing ein halbes Jahrhundert Dancefloor nicht ignorieren will.
Christoph Gurk/Tobi Müller
Weitere Informationen unter:
www.matthewherbert.com
matthewherbert@myspace.com






