Vatermord

Nach Arnolt Bronnen
Eingeladen zum Festival Radikal Jung München 2011

Deutschland einig Vaters Land? Die Geschichte der Väter ist zunächst deren Geschichte als Söhne. Söhne von Familienvätern, Übervätern, geistigen Vätern, abwesenden Vätern, Ersatzvätern ... Und es ist eine Geschichte, in der diese Väter nicht selten getötet werden: mit Händen, Waffen, Worten, Blicken, in Gedanken, im ödipalen Reflex, in den politischen Arenen – und auch in der Kunst.

Jede neue Generation erlebt zwangsweise ihre Abgrenzung gegenüber dem Alten, jedes Ich seine Abnabelung. In der unweigerlichen Konkurrenzgeste steckt die Gewalt der unerklärten Liebe, die Frage nach der Anerkennung von Autorität und natürlich die Fiktion, alles anders machen zu können. So begründet sich im Kleinen wie im Großen eine Ideengeschichte des symbolischen Vatermordes, der auch seine real Toten fordert. Deutschland als Vaterland denken meint, seine geistige Vaterschaft, den Totentanz der Väter, eine Art Revue erleben.

Für Arnolt Bronnen war Deutschland ein biografisches Minenfeld. Mehr als das Kind seiner Eltern war er ein Kind seiner Zeit, in der sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit pathetischer Erregtheit zahlreiche Jugendbewegungen formieren. Ihr privater Schrei nach Zukunft versteht sich als ästhetisch-politisches Programm. Sie rufen eine neue Zeit aus, die im Ersten Weltkrieg schnell altert und im Zweiten aus „Wandervögeln“ „Hitlerjungen“ rekrutiert. Bronnen selbst vollzieht seinen symbolischen Mord am jüdischen Vater, indem er sich für seinen „Ariernachweis“ kurzerhand zum Sohn eines anderen erklärt. Im literarischen VATERMORD verbaut er dem Jungen Walter den erträumten Zukunftshorizont durch häusliche Enge, in der die Verdrängung des Vaters so gewaltig und die beruflichen Erwartungen an den Sohn so erdrückend sind, dass die Befreiungsschläge tödliche Wunden reißen.

                                        Anja Nioduschewski

mit Günther Harder, Marek Harloff, Okka Hungerbühler, Janine Kreß, Thomas Lawinky, Frank Raschke, Lenja Raschke, Berndt Stübner

Regie: Robert Borgmann
Bühne: Susanne Münzner
Kostüme: Janina Brinkmann
Musikalische Leitung: Frank Raschke
Licht: Ralf Riechert
Ton: Anko Ahlert, André Rauch
Dramaturgie: Anja Nioduschewski

Dauer: ca. 2 Stunden 15 Minuten


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