Meine wichtigsten Körperfunktionen

Von Jochen Schmidt

Meine Unselbständigkeit. Mein Geiz. Meine Vorbildlichkeit, Ängstlichkeit, Unordentlichkeit. Meine Egozentrik und meine Hilfsbereitschaft. Meine Vielschichtigkeit, meine Vergesslichkeit und so weiter.

Dass man sich nach seiner Kindheit noch einmal selber, als Ansammlung von Charaktereigenschaften, adoptieren muss, ist eine Erkenntnis, mit der wir uns mehr oder weniger traumatisiert an der nächsten Ecke ausgesetzt finden. Und wenn sich das, was man da als Mensch angeboten bekommt, als bloßer Katalog der Unzulänglichkeiten liest, hilft einem wohl nur noch Žižeks „Liebe dein Symptom wie dich selbst!“.

Jochen Schmidts „Meine wichtigsten Körperfunktionen“ ist für uns deshalb der Versuch – trotz Unattraktivität, Anspruchslosigkeit, Empfindsamkeit, Todessehnsucht, Kurzsichtigkeit, Grübelei und Inkompetenz –, mit einer an Don Quijote erinnernden Tapferkeit doch noch glücklich zu werden.

Wenn also die Neurosen unserer Schauspieler wie glucksende Innereien lärmen, dann ist die Vorstellung ihrer wichtigsten Körperfunktionen kein falsches Versprechen: ein Seelen-Strip des neuen Schauspiel-Ensembles, der keine Organe freilegt, sondern die Frage nach dem Verhältnis von Körper und Geist vollendet ignoriert. Organisch ist noch nicht einmal der Symptomschmerz, den er beim Publikum erzeugt. – So genau will man sich dann doch nicht wiedererkennen.

                                            Anja Nioduschewski


mit Manolo Bertling, Anna Blomeier, Martin Brauer, Artemis Chalkidou, Sebastian Grünewald, Sylvia Habermann, Manuel Harder, Ellen Hellwig, Matthias Hummitzsch, Andrej Kaminsky, Andreas Keller, Jörg Kleemann, Guido Lambrecht, Thomas Lawinky, Paul Matzke, Hagen Oechel, Peter René Lüdicke, Lore Richter, Emma Rönnebeck, Sarah Sandeh, Melanie Schmidli, Sebastian Sommerfeld, Holger Stockhaus, Berndt Stübner, Barbara Trommer, Birgit Unterweger, Henrike von Kuick, Anita Vulesica, Cordelia Wege

Regie: Sebastian Hartmann