Toleranz und Dialog
Aus: Neues Forum Leipzig (Hg.): Jetzt oder nie – Demokratie! Leipziger Herbst ’89. Leipzig 1990.
Einer der „Leipziger Sechs“, die am Abend des 9. Oktober zu Toleranz und offenem Dialog aufriefen, war Dr. Kurt Meyer, zu diesem Zeitpunkt Sekretär der SED-Bezirksleitung. Am 15. Dezember 1989 antwortet er auf Fragen des Neuen Forums.
Wie erklären Sie sich aus dem sozialen, aus dem kulturellen Umfeld der Stadt, dass es gerade in Leipzig zu einer solchen Protestbewegung für Demokratie gekommen ist? Wie schätzen Sie die Rolle der Kunst, der Künstler bei der Beförderung dieser Bewegung ein?
Da gibt es so etwas wie ein positives Widerspruchserlebnis. In Leipzig hat sich über Jahre hinweg eine sehr kritische Atmosphäre entwickelt, die in hohem Maße durch Intellektuelle, vor allem aber durch Künstler beeinflusst worden ist. Ich erinnere an die beiden Leipziger Kabaretts, die seit langem mit ihren Programmen auf die Lösung der Widersprüche und damit natürlich auf eine politische Wende hingearbeitet haben.
Ich erinnere an das, was sich seit acht, neun Jahren am Schauspielhaus tut. 1982 habe ich als Außenstehender miterlebt, wie die FDJ nach ihrer Kulturkonferenz Volker Brauns „Schmitten“ absetzen wollte. Es gab Leute, die dazu nicht bereit waren. In Leipzig brachte man Schatrow, Bulgakow, Aitmatow auf die Bühne. Viele Schriftsteller haben auf Änderungen gedrängt. Nehmen Sie Heiduczeks „Tod am Meer“ und die unverständliche Entscheidung, es nicht wieder aufzulegen bis zum letzten Jahr. Solche kulturpolitischen Dummheiten haben zur Verschärfung der Widersprüche beigetragen. Kampagnen, wie die zwischen 1979 und 1981 gegen Erich Loest, konnte die intellektuelle Szene nicht wegstecken, wenn sie sich selbst treu bleiben wollte.