Theater-Wiege Leipzig
Die „Berüchtigte Bande“ attackiert mit Molière und Shakespeare
Von Holger Gemmer
Leipzig ist die Wiege des anspruchsvollen deutschen Theaters, und bis Mitte des 20. Jahrhunderts zählte die Messestadt stets zu den führenden Bühnen im deutschsprachigen Raum. Eine packende Geschichte, die sich kurz und knapp kaum erzählen lässt. Werfen wir deshalb zunächst einmal einen groben Blick auf die Anfänge. Bereits das aber kann eine Menge Ansporn für die Zukunft sein.
In Leipzig verbannte die Schauspielpionierin Friederike Caroline Neuber (8.3.1697–29.11.1760) gemeinsam mit dem Theaterreformer und langjährigen Universitätsrektor Johann Christoph Gottsched (2.2.1700–12.12.1766) am 17. Oktober 1737 symbolisch den Hanswurst von der Bühne. Sie taten das ungefähr dort, wo sich heute das „Ring-Café“ befindet – im Groß-Bosischen Garten, der sich auf dem weitläufigen Terrain zwischen Roßplatz und Nürnberger Straße erstreckte.
Bis dahin hatten weitgehend Wandertruppen mit ihrem Possenspiel die deutsche Bühnenlandschaft beherrscht. Es gab kaum feste Häuser, aufgetreten wurde vor allem an Handelsplätzen und auf Jahrmärkten, und so entwickelte sich bereits frühzeitig ab dem 16. Jahrhundert auch in der Messestadt Leipzig eine Theatertradition.
Als erster großer Name taucht der gebürtige Hallenser Schauspieler und Theaterprinzipal Johannes Velten (27.12.1640–8.4.1693) auf, der mit seiner „Berüchtigten Bande“ von 1679 bis 1692 in Leipzig auf Höhe des heutigen „Handelshofes“ unter anderem mit Molière und Shakespeare attackierte und zudem Bestrebungen nach einer Reform des Bühnengeschehens anstieß. Nicht zu vergessen an dieser Stelle auch, dass in Leipzig nach Hamburg im Jahre 1693 die zweitälteste deutsche Oper entstand.
Als Gründungsakt des anspruchsvollen Theaters im deutschsprachigen Raum gilt indes die Aktion von Neuber und Gottsched. Sie hatten sich bereits 1727 kennengelernt und begannen 1730 konsequent mit ihrer Theaterreform. Zum Verständnis: Wenn man heute Marcel Reich-Ranicki als Literaturpapst bezeichnet, dann ist Johann Christoph Gottsched im Vergleich dazu der Prophet. Er wollte deshalb auch unbedingt anspruchsvolle Literatur auf der Bühne realisieren – und diese zu einer bürgerlichen Bildungsanstalt entwickeln.
Friederike Caroline Neuber setzte vor allem auf Talente und begeisterte ihr Publikum immer wieder mit einem exzellenten jungen Ensemble. Ebenso gab sie neu auf den Markt drängenden Autoren eine Chance – und protegierte deshalb 1748 kurzerhand das Erstlingswerk eines Newcomers: „Der junge Gelehrte“ von Gotthold Ephraim Lessing (22.1.1729–15.2.1781). Aufgeführt wurde es auf einer Bühne in der Nikolaistraße, wo sich heute der verfallene „Oelßners Hof“ befindet. Ein geschichtsträchtiger Komplex, auf dessen weitläufigem Terrain zudem der Drucker Timotheus Ritzsch 1650 die erste Tageszeitung der Welt herausbrachte.
Die Inszenierungen der Neuberin fanden besonders bei den Studenten der Universität Leipzig großen Anklang, doch mit Johann Christoph Gottsched gab es zunehmend Spannungen. Dabei ging es um Streitigkeiten über – Werktreue … Während Gottsched auf absolute Exaktheit setzte und beispielsweise für antike Stücke etwa die Toga als Bekleidung forderte, favorisierte die Neuberin zeitgenössische Kostüme. Das führte schließlich zum Bruch, der schließlich sogar in eine Art Rosenkrieg mündete – während Lessing später die Vorleistungen von Neuber und Gottsched wesentlich vollendete und 1755 mit seiner „Miss Sara Sampson“ das erste deutsche Trauerspiel auf die Bühne brachte.
Nachdem mit Friederike Caroline Neuber, Johann Christoph Gottsched und Gotthold Ephraim Lessing die kontinuierliche Entwicklung der großen Leipziger Theatergeschichte begonnen hatte, erfolgte der nächste große Sprung am 10. Oktober 1766 mit der Eröffnung des Theaters auf der Rannischen Bastei, dem später so genannten Alten Theater, durch Gottlieb Benedict Zehmisch (21.5.1716–29.3.1789), einen der größten sächsischen Rauchwarenunternehmer.
Der Kaufmann hatte sich zuvor schon als Initiator und Finanzier der Großen Konzerte, aus denen das Gewandhausorchester hervorging, einen Namen als Kulturförderer gemacht. Für den Bau des Theaters auf der Rannischen Bastei investierte er einen Großteil seines Vermögens. Als kongenialen Partner gewann er den Schauspieler und Theaterprinzipal Heinrich Gottfried Koch (9.1.1703–3.1.1775), der 1749 Nachfolger der Neuberin geworden war und der Leipziger Bühne durch die Einbeziehung bedeutender Künstler zu hohem Ansehen verhalf.
Zu den besonderen Höhepunkten in der Geschichte dieses Hauses zählen die Uraufführungen von Friedrich Schillers „Don Carlos“ am 14. September 1787 und „Jungfrau von Orleans“ am 11. September 1801. Präziser: Nach gängiger Zählung wurde der „Don Carlos“ am 29. August 1787 in Hamburg uraufgeführt, die rund zwei Wochen später in Sachsen stattfindende Inszenierung war von Schiller eine extra für das Leipziger Haus geschaffene Bühnenfassung.
Der Jurist und Ratsherr Heinrich Blümner (18.8.1765–13.2.1839) war unter anderem Mitglied der Gewandhaus-Konzertdirektion und Redakteur der Leipziger Literaturzeitung, bevor er 1816 gemeinsam mit Karl Theodor Küstner (26.11.1784–28.10.1864) auf der Basis des Theaters auf der Rannischen Bastei wesentlich die Errichtung eines Stadttheaters initiierte und realisierte. Der sächsische König genehmigte diesen Titel gegen die jährliche Zahlung von 500 Talern, und Küstner war es schließlich, der den Bau mit 3.000 Talern – an die Stadt abzuführendem – Pachtzins pro Jahr zum Teil selbst finanzierte und ab dem 26. August 1817 das Haus als Theaterdirektor zu einer der ersten Adressen in Deutschland entwickelte. Frustriert über die mangelnde Unterstützung durch die Stadt legte er am 11. Mai 1828 jedoch sein Amt nieder und leitete anschließend unter anderem die Bühnen Berlins.
Karl Theodor Küstner gründete bereits 1821 in Leipzig einen Theaterpensionsfonds zur Altersabsicherung der Schauspieler, führte Tantiemenzahlungen für Autoren ein und förderte einen nationalen Theater-Zusammenschluss zum „Deutschen Bühnen-Cartell-Verein“. Er verfasste unter anderem einen „Rückblick auf das Leipziger Stadttheater“ (1830) und ein „Handbuch für Theaterstatistik“ (1855). Heinrich Blümner hatte bereits 1818 bei Brockhaus eine „Geschichte des Theaters zu Leipzig von dessen ersten Spuren bis auf die neueste Zeit“ veröffentlicht. Mit einem üppigen Erbe legte er zudem das finanzielle Fundament des von Felix Mendelssohn Bartholdy (3.2.1809–4.11.1847) 1843 begründeten Konservatoriums für Musik. Seine Bibliothek mit 7.300 Bänden vermachte er der Leipziger Stadtbibliothek.
Die große Leipziger Theatergeschichte endet hier nicht. Vielmehr folgte ein großes Jahrhundert, das Leipzig als eine der führenden Bühnen im deutschsprachigen Raum erlebte. Das aber ist eine andere Geschichte. Sie lässt sich sukzessive bis in die Gegenwart fortsetzen.