Das Leipziger Centraltheater
Leipziger Neueste Nachrichten, Montag, den 1. September 1902, Seite 6f.
Das Leipziger Centraltheater, über dessen festliche Eröffnung wir schon gestern kurz berichteten, darf nicht nur mit jedem ersten Großstadt-Vergnügungsetablissement erfolgreich in Concurrenz treten, es verdient vielmehr seiner ganzen inneren Bauart und Ausstattung nach e i n z i g genannt zu werden. Daß bei der Einrichtung des eine Grundfläche von rund 3700 Quadratmeter bedeckenden Etablissements die Errungenschaften der Neuzeit nach jeder Hinsicht ihre Anwendung gefunden haben, ist selbstverständlich und es würde dies das Leipziger Centraltheater nicht als einzig hinzustellen vermögen. Wohl aber verdient diese neue mit anheimelnder Pracht ausgestattete Vergnügungsstätte jene Bezeichnung in Bezug auf ihren harmonischen Ausbau im Ganzen und auf ihre vornehme Gestaltung im Einzelnen. Die Architekten S c h m i d t und Baurath J o h l i g e haben hier im Verein mit anderen künstlerischen Händen und unter Benutzung von Material leistungsfähigster Firmen eine Verkehrsstätte geschaffen, die dem Ansehen Leipzigs als Großstadt in hohem Maße zu Gute kommt.
Wir haben vor etlichen Wochen schon den Centraltheaterbau des Näheren beschrieben, heute, da er vollendet dasteht, und wir ihn in seiner ganzen Ausdehnung bis in die entlegendsten Räume kennen gelernt haben, bedarf das Bild, das wir seiner Zeit von dem Centraltheater gaben, der Vervollkommnung. Zunächst sei noch bemerkt, daß das ca. 1600 Sitzplätze enthaltende Theater (Eingang: Bosestraße) einen Flächenraum von 1560 Quadratmetern einnimmt, während auf den großen Saalbau (Ecke Gottsched- und Bosestraße) 1220 und auf den Restaurationsraum mit den kleinen Festsälen (Ecke Thomasring und Bosestraße) 920 Quadratmeter entfallen. Den Verkehr für das ganze Grundstück vermitteln zwei große Durchfahrten, vom Thomasringe und von der Gottschedstraße ausgehend und jeder Zu- und Abfuhr zum Bühnenraum und zur Bewirthschaftung eine breite Straße lassend. Der Grundton sämmtlicher Räume ist cremefarbig gehalten und weist als Verzierungen in der verschiedensten Art Goldschmuck auf. Wie alles Einzelne in den gesammten Räumen seinen aparten Reiz hat, so haben diesen vornehmlich auch die Beleuchtungskörper, wie dies in erster Linie der Theaterraum beweist. Marmorsäulen und Marmortreppen vervollständigen allenthalben den Eindruck der Gediegenheit. Angenehm berührt es, daß, obgleich man durchweg in der Ausschmückung mit allem Modernen hat rechnen müssen, nirgends Uebertriebenheit und damit Unschönheit sich geltend macht. Imponirend wirkt im Theater die unmittelbare Verbindung des Zuschauerraumes mit den Erfrischungsräumen und es ist diese Einrichtung des Promenoirs ja für Leipzig, wie schon früher erwähnt, vollkommen neu.
Bezüglich der Platz- und Preisverhältnisse sei ganz ausdrücklich darauf hingewiesen, daß von jedem Seiten- und Eckplatz und auch von jedem entfernt liegenden Platz die Bühne in ihrer ganzen Breite zu übersehen ist. Von entfernten Plätzen kann bei der Intimität der Raumverhältnisse des Theaters überhaupt kaum die Rede sein. Bessere nummerirte Plätze, als wie sie der Theaterraum für 1 Mk., für 75 Pfg. und für 50 Pfg. in der Mitte des ersten Ranges und über demselben aufweist, dürfte kein Theater der Welt aufzuweisen haben.
Das zu ebener Erde gelegene Restaurant hat gewölbte, von Marmorsäulen getragene Decken. Die Thüren nach dem Thomasring zu sind vollständig zu öffnen und es ist gestattet, im Sommer einen breiten Streifen des Fußweges vor dem Hause zum Aufenthalt für die Gäste mit in Benutzung zu ziehen. Ueber diesen Fußweg befindet sich der Balcon des Cafés, der auch ein Sitzen im Freien und eine schöne Aussicht auf die Promenade gewährt, welche, nach dem einzeln zum Abbruch gelangende Häuser der Barfußgasse weggerissen sein werden, den Durchblick bis auf den Markt freiläßt. Im gewissen Sinne modern ist das über dem Restaurant gelegene Café hergestellt. Originell wirken hier die reichgegliederten Säulen, die zugleich die Beleuchtungskörper tragen. Am Säulenschaft fallen die in weißem cararischen Marmor getönten strengen Gewändfigürchen, vom Bildhauer Mayr modellirt, sowie die reiche Capitälausbildung angenehm auf. An diesen Caféraum schließt sich in ebenso reizvollem Schmuck der Billardsaal. Im zweiten Obergeschosse befinden sich zwei mit einander leicht in breite Verbindung zu bringende Gesellschaftssäle, zu denen von der Durchfahrt aus eine dreiarmige Treppe führt und die, ihrer ganzen anmuthigen Anlage nach, sicher von Gesellschaften überaus reich in Anspruch genommen werden. Im Parterre neben dem Restaurant werden schmucke, kleine Räume dem weintrinkenden Publicum willkommen sein. Die gesammten Küchen- und Wirthschaftsräume nebst Zubehör sind vorsorglich in größter Raumfreiheit angelegt. Fast jeder Raum hat seinen eigenen Zugang, ist vom andern leicht zu trennen oder mit demselben zu verbinden und Treppen, Nothausgänge u. s. w. giebt es gerade genug, um nicht ermüdend zu wirken.
Der große Saal weist mit seinen breiten Galerien 1180 Quadratmeter benutzbare Fläche auf und gewährt etwa 2000 Personen bequemen Aufenthalt. Mit seinen maurischen Architecturformen, deren Bemalung sehr decent gehalten ist, macht dieser Saal, zu dem auch eine große dreiarmige Treppe in elegantester Herstellung führt, einen entzückenden Eindruck und die am Sonnabend nach der Varieté-Vorstellung zum Festmahl geladenen Gäste gaben ihrer Freude über diesen herrlichen Aufenthaltsraum unumwunden Ausdruck. Es herrschte die ungezwungenste Stimmung während der Tafelgenüsse, mit denen sich Herr Director Anton R o h r , dem als bewährten Fachmann der gesammte Wirthschaftsbetrieb des Central-Theaters übertragen ist, in jeder Beziehung tadellos eingeführt hat, und die Hauscapelle regte unter Leitung ihres Capellmeisters Willy W o l f unermüdlich zu immer besserer Laune an. Rechtsanwalt Dr. Felix Z e h m e brachte mit wenig Worten den Toast auf Kaiser und König in zündender Weise aus. Commerzienrath W a s e l e w s k y erläuterte kurz den Bau des neuen Central-Theaters und ließ seine Rede in einem Hoch auf die Stadt Leipzig ausklingen. Oberbürgermeister Justizrath Dr. T r ö n d l i n knüpfte an die Schlußworte des Vorredners an, indem er sagte, daß jedes Hoch auf die Stadt Leipzig dankbaren Widerhall beim Rath finde, der sich seiner Zeit der Frage, ob es angebracht sei, für Leipzig an Stelle der niedergerissenen Centralhalle eine neue Vergnügungsstätte zu schaffen, nicht verschlossen habe. Der Fremdenverkehr müsse gehoben werden und zur Hebung des Verkehrs werde dieses schöne, neue Etablissement in bester Weise beitragen. Nicht nur in seiner Formgebung sei dasselbe modern, sondern auch in seinem Zweck und in seiner Aufgabe. Es sei auf dem ehemaligen place de repos erbaut, werde aber das Gegentheil von einem Platze der Ruhe sein, denn nur reges Leben solle in ihm herrschen. Möchte es nach Verdienst gerecht gewürdigt werden und in dem, was es leiste, seine Anerkennung finden. In diesem Sinne möge das Leipziger Central-Theater blühen und gedeihen. Director W i e ß n e r gedachte dann dankend der Gründer des aus der Leipziger Bürgerschaft hervorgegangenen Theaters, der Staats- und städtischen Behörden, die dem Unternehmen sympathisch gegenüberstehen, sowie Aller, die an dem Baue mit gearbeitet haben. Seine Rede gipfelte schließlich in einem Hoch auf die Architecten und Gewerke. In vorgerückter Stunde ergriff noch Herr Willy R i e d e l das Wort zu angenehmer Rede, um sein Glas auf das Wohl der anwesenden Damen zu leeren.
Ueber die dem Festmahl vorangegangene Variétévorstellung sei im Anschluß an unseren gestrigen Vorbericht noch mitgetheilt, daß dieselbe mit einem vom genannten Hauscapellmeister schwungvoll componirten Festmarsch, sowie mit einem von Fräulein Anna N o l e w s k a vom Stadttheater empfindungsvoll gesprochenen Prolog eröffnet wurde. Der Verfasser Carl Crome-Schwiening ließ denselben in einer Huldigung der Stadt Leipzig ausklingen und dazu hatte der Director des Theaters, Herr Albert K l e i n , ein allegorisches Bild imposandt zu stellen gewußt. Auf die hervorragenden Einzelleistungen der engagirten Kräfte werden wir noch Gelegenheit haben zu sprechen zu kommen.
Der Herr Oberbürgermeister, der neben dem commandirenden Genral Excellenz von Treitschke von der Mitte des Balcons aus der Vorstellung beiwohnte, hatte in seiner Rede beim Festmahle sehr zutreffend geäußert, es sei eine alte Erfahrung in Leipzig, daß man das Neue zwar immer mit voller Freude aufnehme, später aber dieselbe meist in eine strenge Kritik umwandle, mit auswärts Vergleiche ziehe und dann gewöhnlich sage, daß wir uns mit auswärts nicht messen könnten.
Möge der Leipziger – dies unser Wunsch zur Eröffnung des Centraltheaters – seine eigenen Vergnügungsstätten so pflegen, daß sie gut prosperiren, dann wird er nicht nach auswärts zu fahren brauchen, denn die hiesigen Directionen werden dann im Stande sein, uns das Beste und Neueste zuerst bringen zu können. Möge dies Letztere dann aber auch des neuen Central-Theaters ernste und vornehmste Aufgabe sein!
M. H.