Theater und Musik

Eröffnung des Leipziger Schauspielhauses.

Leipziger Neueste Nachrichten, Freitag, den 12. September 1902, Seite 7

Zur Eröffnungsvorstellung des Leipziger Schauspielhauses war ein erlesenes Publicum zusammengekommen, dem der Ausdruck der Spannung auf das Antlitz geschrieben war. Die Theaterfrage in Leipzig ist eine viel- und langumstrittene gewesen, sodaß man allerseits mit größtem Interesse diesem 10. September entgegensah. Gewiß kann eine gesunde Concurrenz zur Hebung unserer Theaterverhältnisse nur beitragen. Und andere Städte haben längst den Beweis erbracht, wie sehr durch einen ehrlichen Wettbewerb die Leistungen der einzelnen Institute in die Höhe getrieben werden. Von diesem Standpunkte aus können wir deshalb auch das Unternehmen des Directors Hartmann nur willkommen heißen!

Naturgemäß wendete sich das Interesse des Publicums in erster Linie dem neuen Hause zu, in dem schon lange vor Beginn der Vorstellung Herren und Damen, die letzeren in glanzvollen Toiletten besichtigend auf und ab promenirten. Die Veränderungen, die das Gebäude erfahren hat, erstrecken sich in erster Linie auf die Bühne, auf die Künstlergarderoben und auf den Zuschauerraum. Die Bühne ist wesentlich vertieft und der Schnürapparat den Verhältnissen der modernen Technik angepaßt worden. Die Garderoben wurden vermehrt und erweitert und der Zuschauerraum ist in seinen Sitzverhältnissen bedeutend verbessert worden. Die einzelnen Stühle sind breiter und viele jener Plätze auf den Rängen, von denen aus in dem früheren Zustande das Auge des Zuschauers nur schwer die Bühne erreichen konnte, sind überhaupt in Fortfall gekommen. Die Zugangsräume haben ihre ursprüngliche Form behalten, doch sind die einzelnen architektonischen Linien durch eine Bestreichung mit Goldbroncefarbe den weißgetünchten Flächen gegenüber stärker betont worden.

Alsdann trat das Interesse für die künstlerischen Darbietungen in den Vordergrund. Schiller, Goethe und ein zeitgenössischer Dichter kamen zu Worte. Der Gedanke, dem Publicum an einem Abend sechs Einacter vorzusetzen, ist an sich ja nicht gerade ein glücklicher. Allein man muß ihn gelten lassen, da die Direction wohl diese Wahl getroffen haben mag, um zu zeigen, daß das vorhandene Künstlermaterial allen Stilarten gerecht zu werden vermag. Und wir waren thatsächlich überrascht zu sehen, welche Menge von tüchtigen Künstlern an diesem Abende herausgestellt wurde. Auch das, was an Decorationen in den vielen einzelnen Bildern an diesem Abende gezeigt wurde, war alles neu hergestellt. Und Herr Decorationsmaler Grüger in Borsdorf, aus dessen Atelier die Decorationen stammen, hat besonders mit der Winterlandschaft in Wallensteins Lager, die die Stadt Pilsen im Schnee zeigt, und mit der Decoration für das Vorspiel zu den „ruhmlosen Helden“ Ehre eingelegt.
Um schließlich noch der Costüme Erwähnung zu thun, soll gesagt sein, dass auch nach dieser Seite hin ein neuer und respectabler Fundus vorhanden ist.

Im Mittelpunkte des Interesses stand bei dem Eröffnungsabend die Novität „Ruhmlose Helden von Paul Busson. Vier dramatische Balladen mit einem Vorspiel.“ Das Werk gehört jener Gruppe von dramatisirten Kleinigkeiten an, die Mode geworden, nachdem Sudermann uns seine „Morituri“ gegeben. Locker wie bei diesen, vielleicht noch lockerer und schwächer ist das Band, das die vier Einacter Bussons mit einander verknüpft. Und durch die Zwischenactsmusik war dafür gesorgt, daß die Stimmung verloren ging. Ueber den Werth der Zwischenactsmusik als solcher hat übrigens bei dieser Gelegenheit auch das Leipziger Publicum sein Urtheil abgegeben. – Skizzenhaft nur ist die Ausgestaltung, die Busson den einzelnen Stücken gegeben hat, so daß trotz der derbsten Wirkungen das Interesse für das Werk erlahmte. Dabei ist der Gedanke, der diesem Stücke untergelegt ist, weder uninteressant noch unpoetisch, und er hätte in den Händen eines stärkeren Dichters die Basis zu einem beachtenswerthen Drama abgeben können. Sentimentale, manchmal ins Transcendente hinüberspielende Gedanken sind in der Litteratur der letzten Jahre des öfteren aufgetaucht, sie bilden ein Gegengewicht zu der Hast und der Aufgeregtheit des modernen Lebens. Es sei hier nur, um bei der dramatischen Litteratur zu bleiben, an „Zaza“, „Cyrano de Bergerac“ (letzter Act) und an „Die drei Reiherfedern“ erinnert. Busson richtet in seinen „ruhmlosen Helden“ den Blick auf die letzten Punkte des Werdens und Vergehens. Er zeigt uns einige Menschen, die als Helden aus dem Leben gehen, stumm und bescheiden, und ohne von ihren Mitmenschen in ihrer Heldenhaftigkeit erkannt worden zu sein. Sie kommen, vollenden ihr Werk und scheiden wieder. Die Welt aber geht ruhig, als ob nichts vorgefallen wäre, ihren alten Gang weiter. Nur dem Dichter ist es vergönnt, einen ahnungsvollen Blick in das dunkele Reich des Unerforschbaren zu thun. Busson zeigt uns einen dieser gottbegnadeten Menschen, der in dem Schmerz um soviel Größe, die unerkannt und ungewürdigt bleibt, den Räthseln des Lebens nachgeht. An einer Meeresküste, wir wollen sie das Gestade der Abgeschiedenheit nennen, sehen wir ihn in einem Zwiegespräche mit dem Tode, der jedoch seinen Fragen nicht Bescheid thut, ihn aber an den Bruder Schlaf verweist. Dieser zeigt ihm nun im Traume einige jener dahingeschiedenen ruhmlosen Helden, deren Schicksal die folgenden vier Balladen dem Zuschauer vor Augen führen. In „Leben um Leben“ sehen wir zwei gefangene Araberhäuptlinge, Omar und Hassan, die zum Tode verurtheilt sind. Kriegsgefahren haben ein inniges Band um sie gezogen und sie imponiren in ihrer Einmüthigkeit dem Muley Bey, der nun einen von ihnen begnadigen will. Sie sollen um das Leben loosen. Muley Bey will Hassan, den stärkeren, erhalten sehen. Er sagt diesem, in welcher Schale das Todesloos liege. Hassan aber will den Freund erhalten und greift nach dem Todesloos. In den „Flüchtlingen“ sehen wir eine Jungfrau, die ihre Ehre verhandelt, um den Geliebten zu retten, sich aber in dem Augenblick ersticht, als sie den bedungenen Preis zahlen soll. Die Heldenhaftigkeit Rogers in „Coeurdame“, der in den Kasten der Wanduhr fliehen muß, als sein Stelldichein bei Yvone durch die Ankunft von deren Gemahl gestört wird, liegt nach der negativen Seite des Schweigens hin, als ihm in seinem Versteck die Kugel aus der Pistole des hintergangenen Gatten durch die Brust geht, und dann in der Energie, daß er sich todtwund bis außerhalb des Bereiches des Hauses schleppt, so daß der Hintergangene nie Kenntnis von der Wirkung seines Schusses erhält. Ein ganzer Held ist wieder der Schulmeister in dem um 1813 spielenden „Morgenroth“. Er führt einen Theil der französischen Armee in einen Hinterhalt, in dem sie umkommen muß. Er gesteht seine Absicht und weigert sich auch, den Officieren und Soldaten einen Fußpfad zu zeigen, auf dem eine Flucht möglich wäre, trotzdem er weiß, daß er sterben muß, wenn er nicht ihren Wunsch erfüllt. Und er stirbt. – Schauspielerisch ragten hervor: Herr Hans Marr, der das Heldenhafte in dem Charakter Hassans (Leben um Leben) hervorzuheben wußte und besonders für den Entschluß, in den Tod zu gehen, einen vortrefflichen mimischen Ausdruck fand. In den „Flüchtlingen“ fielen Fräulein Elisabeth Kirch und Herr Arthur von Gerwitz vortheilhaft auf. Herrn Lothar Mehnert standen als Vicomte in der „Coeurdame“ alle Töne eines in seinem Cynismus abstoßenden Menschen zur Verfügung. Herr Max Brückner und Frl. Margarethe Frey waren in ihren Rollen nicht weniger gut.

In dem großen Apparat, der in „Wallensteins Lager“ in Bewegung gesetzt wurde, klappte aus begreiflichen Gründen nicht alles in der Art, wie man es bei einem eingespielten Ensemble zu sehen gewohnt ist. Immerhin gelangten aber die einzelnen Gruppen als solche zu ihrer Geltung, auch da, wo sie sich nicht ohne Weiteres dem Ganzen einfügen wollten. Die Inscenirung war eine stimmungsvolle und der, Pilsen im Schnee zeigende Prospect gab in seiner winterlichen Ruhe einen vortrefflichen Hintergrund zu dem bunten Treiben im Lager. Von schauspielerischen Leistungen möchten wir zuerst des Kapuziners des Herrn Eggeling Erwähnung thun. Er war gut in seiner Maske, originell in der Auffassung seiner Rolle. Er weiß mit seinem Organ haushälterisch umzugehen und ist sogar da noch der Wirkung seiner Worte sicher, so seine stimmlichen Mittel der Uebermacht der Menge schon nicht mehr gewachsen sind. Eine prächtige Gestalt stellte Herr Hofmann in dem Wachtmeister auf die Bühne. Ruhig und überlegen und fast zu vornehm für den Unterofficier. Den Kürassier vom wallonischen Regiment spielte Herr Hans Marr. Ernst und nicht ohne gewisse Größe in seinem herben Reiterstolz.

Stilgerecht und gut war die Aufführung der Goetheschen „Geschwister“. Alles war auf jenen Ton der Liebenswürdigkeit und des Gefälligen abgestimmt, wie es ein Werk verlangt, das in der Zeit der „schönen Seelen“ geschrieben ist, jener Zeit der absoluten Vertrauensseligkeit, der Hingebung aneinander und des Aufgehens ineinander, jener Zeit, in der die Gedanken an das Verhältniß zu Dreien, das ja auch in den Geschwistern angeschlagen ist, aufkamen, und die in der damaligen epischen und dramatischen Poesie so oft Gestaltung gefunden haben. Diese Empfindungen fanden besonders in der Marianne des Fräulein Julie Siegert einen volltönenden Widerhall. Sie war ganz Hingebung und Aufopferung, und die feine Naivetät, mit der sie die subtilsten Gedankengänge in dieser zarten Blüthe Goethescher Poesie wieder zu geben vermochte, stellen ihrem Können und ihrer künstlerischen Intelligenz ein vortreffliches Zeugniß aus. An ihr hatte diese Dichtung ihre beste Stütze, und man hielt es für selbstverständlich, daß diese Marianne dem Fabrice des Herrn Bornstedt einen Korb gebe. Herr Hans Marr war auch in dem Wilhelm tüchtig, doch können wir uns der Einsicht nicht verschließen, daß seine Begabung nicht nach dieser Seite der darstellenden Kunst hin liegt.

Blicken wir zurück auf das Ergebniß des Abends, so ergiebt sich ein durchaus befriedigendes Resultat, das zu der Annahme berechtigt, daß das neue Institut sich des Ernstes seiner Aufgabe bewußt bleiben wird.

                                         Ludwig Weber