Bertolt Brecht „Baal“
Uraufführung im Alten Theater.
Leipziger Neueste Nachrichten, 10.12.1923, Seite 2
Mit dem Revolutionsstück „Trommeln in der Nacht“ hat Bertolt Brecht vor zwei Jahren bei den deutschen Bühnen seine Visitenkarte abgegeben. Damals horchte man auf und merkte sich den Namen des neuen Mannes, der einem dunklen Stück Zeitqual dumpf dröhnenden Rhythmus und Klang zu leihen wußte. Der Aufführung seines „Baal“ durfte man also mit berechtigten Erwartungen entgegensehen. Zumal als man in aufklärenden Vornotizen zu lesen bekam, daß es sich bei diesem Stück nicht wie bei den meisten Modernen um die dichterische Gestaltung von Zeiterscheinungen, sondern um das Verhältnis des Menschen zum Weltall, zum Kosmischen, gestaltet in einer neuen dramatischen Form, handle …
Selten sind hochgespannte Erwartungen so radikal enttäuscht worden! Die „neue dramatische Form“ entpuppte sich als das uralte Sturm- und Drang-Schema der endlosen, sehr locker zusammengehefteten Szenenreihe, das unsere Modernen einfach von Büchner und Grabbe übernommen haben. Das Ganze ein rastlos fortlaufender Filmstreifen, der folgerichtig ohne jede Pause heruntergespielt wurde. Ueberschrift: Liebe, Schnaps und Zigarrenstummel. Szenen aus dem Leben zweier Bohemiens.“ Freilich, Brecht hat mit dem Instinkt des zünftigen Literaten, der weiß, wie man Zeit und Mode ködert, seinem durchaus naturalistischen Szenen-Bandwurm ein Versungetüm vorgespannt, das er den „Choral vom Großen Baal“ nennt. Darin wird unter dröhnenden lyrischen Gongschlägen, absichtsvoll trivialisiert durch Kabarettgrimassen, allerhand dunkel Mystisches vom Leben, Lieben und Sterben des „Großen Baal“ ausgesagt. Nun brauchte Brecht nur noch den einen seiner beiden Bohemiens „Baal“ zu taufen. Das übrige konnte er dann getrost den berufenen Traumdeutern der Moderne überlassen … Richtig – die haben denn auch prompt „das Kosmische“ konstatiert und Brecht den Gefallen getan, in seinem Schlammbad gläubig die besondere Gestaltung des Verhältnisses von Mensch zu Weltall zu wittern …
Sieht man ganz ohne Parteibrille an, was uns das Alte Theater an diesem aufregenden Sonnabend vorgesetzt hat, so wird man diese nur durch ein paar äußerliche Floskeln doch durch keinerlei wirklichen Schöpferakt des Dramatikers gestützte Vorspiegelung unwillig beiseite schieben. Was man in Wahrheit sah, ist eine absichtsvoll wüste, brutale, zynische Paraphrase über das Leben zweier berühmter Außenseiter des bürgerlichen Lebens und der zünftigen Literatur: Rimbaud und Verlaine. Daß der junge Brecht dem wilden Zauber, der aus Leben und Lyrik dieser beiden genialen Eigenbrödler phosphoreszierend aufsteigt, erlegen ist, daß er Götter in ihnen sieht, die über jedem Herkommen und Gesetz stehen, Kerle, deren vor nichts zurückschreckende Kunst er leidenschaftlich zu überbieten trachtet, das alles ist typisches Erleben heißblütiger Jugend. Wem von uns ist es nicht ähnlich ergangen? … Aber, daß er aus dem Leben seiner Götter nichts eifriger behalten und gestaltet hat als ihren unersättlichen Begattungstrieb. Ihre Schnapsorgien, ihre zynischen Roheiten gegen jedermann, insonderheit gegen verflossene Geliebten, daß er sich in Kraßheiten, in unzweideutigen (?) Ausdrucks gar nicht genug tun kann – das deutet denn doch auf eine für den Verfasser von „Trommeln in der Nacht“ nicht mehr erlaubte knabenhaft jugendliche Ekstase, auf einen Pubertätsrausch, der äußerlich Unerhörtes häuft und häuft, weil es ihm innerlich an wirklicher gestaltender Urkraft mangelt. Einzig erträglich wäre dieses wilde Schlammbad gewesen, wenn Brecht in den Szenen, wo er seine Dichterkraftmeier sich aus ihrem Pfuhl erheben läßt, ihr Gottsein mit einer alle Bedenken hinwegfegenden dichterischen Gewalt hätte auflodern lassen. Aber hier, im Entscheidenden, versagt er gerade!
Man braucht nur einen Blick in Rimbauds, in Verlaines Verse zu werfen, um zu erkennen, wie himmelweit der Deutsche von ihrer glühenden, tausend Farben schleudernden Kunst entfernt ist. Wie kalt, krampfig, monoton im Wechsel von Raffinesse und Banalität sind die meistern der Verse, die er ihnen in den Mund legt, wie fatal gering ist der Wortschatz, der Ausdrucksvorrat, den er für solche lyrischen Stellen bei der Hand hat und immer wieder benutzt. Er gefällt sich da neben der Kraftmeierei in einer verhängnisvoll steifleinenen Originalitätssucht, die von Szene zu Szene den immer unruhiger werdenden Zuschauern mehr Anlaß zu fatalen Randbemerkungen bot. Wohl steigen hier und da Klänge auf, die aufhorchen lassen, aber es folgen keine Steigerungen, und nur zu bald bricht irgend eine herausfordernde Trivialität das aufkeimende Interesse ab. So stehen denn die Zynismen, ungedeckt und kolossal in ihrer Blöße, überwältigend vor dem Beschauer. Der Rest war (und konnte kaum anders sein): Protest, Skandal …
Kronachers Inszenierung zeigte ein merkwürdiges Doppelgesicht. In den mit ganz wenigen malerischen Mitteln zum Teil hervorragend schön gestellten Szenenbildern waltete ausgesprochener Geschmack. Hier spürte man, wenn irgendwo überhaupt, Schönheit, lyrischen Herzschlag. Um so befremdlicher wirkte daneben ein fanatischer Hang zur Drastik, zum Ueberbetonen, zur Ueberdeutlichkeit, zur brutalen Schärfe im Darstellerischen. Der Autor hat hier, wie es scheint, sehr zu seinem eigenen Schaden, in Kronachers Regie hineingeredet und Milderungen augenscheinlich vereitelt … Am bedauerlichsten war das bei dem Choralvorspiel und der Lazarettszene, die beide in Kronachers ursprünglicher Form (in der Generalprobe) weit zarter wirkten!
Darstellerisch standen Körner und Zeise-Gött im Vordergrund mit zugespitzten Sonderleistungen. Dem ersteren lag der wilde Viechskerl Baal hervorragend. Er zeichnete einen unheimlich drohenden Gewalttyp mit Orang-Utan-Gang, Riesenschädel und rätselvoll funkelnden Raubtieraugen. Ein possierlich dekadentes Gegenstück, elegant-verlumpt, weicher, geschmeidiger, war Zeises Eckart. Aus der Riesenfülle der eben nur auftauchenden, dann wieder verschwindenden Nebengestalten ragten Schindlers scharf akzentuierter Bettler und die mißhandelte Sophie der Marg. Anton heraus.
Was von Bertolt Brecht weiter zu erwarten ist, bleibt ungewiß. Daß er diese Jugendorgie verbrochen hat, ist an sich nicht tragisch. Junger Most pflegt sich gemeinhin ja absurd zu gebärden. Brechts nächstes Drama wird Entscheidenderes über den Reifezustand seines Talents aussagen! Nur eben – klüger und geschmackvoller wäre es gewesen, wenn das Stadttheater dieses Knabenparforcestück der Liebhaberlektüre überlassen und sich, Brecht und uns diesen tollen Abend erspart hätte!
Dr. Egbert Delpy