Bertolt Brecht „Baal“

Uraufführung im Alten Theater.

Rezension zur Uraufführung im Alten Theater (Centraltheater) am 8. Dezember 1923

Leipziger Neueste Nachrichten, Nr. 338, 9.12.1923, S. 2

Das Theater glich einem Schlachtfeld, als der Vorhang endlich, endlich fiel. … Zwei Heerhaufen tobten wild gegeneinander. Ich habe die Leipziger nie so völlig außer sich gesehen. … Man pfiff und schrie, warf sich Beleidigungen an den Kopf, und wenig fehlte, so hätten Hitzköpfe sich ihre gegenteilige Meinung gegenseitig mit Fäusten demonstriert. …
Der jugendliche Urheber dieses Wütens stand zwischen Kronacher und Körner bleich, verstört und erbittert auf der Szene … diesen Abend wird er sobald nicht vergessen. …
Es wird des Näheren zu untersuchen sein, warum dies Theaterunglück kam, kommen mußte. Vorerst sei nur kurz konstatiert, daß der Autor des so erfolgreichen Schauspiels „Trommeln in der Nacht“ in diesem dramatischen Erstling Baal die berühmte Pubertäts-Kraftorgie vom Stapel gelassen hat, ohne die ein angehender Dramatiker von heute bei seinesgleichen einfach nicht für voll genommen wird! Sinnlichkeit ohne Maß tobt sich aus. Gehüllt in den Mantel eines wilden Hymnus auf zwei bekannte Literatur-Bohemiens. Für gehäufte Roheit und Perversität wird kaum hier und da in aufleuchtenden Fetzen von Lyrik Ersatz geboten. Um Schnaps und Erotik kreist kreischend eine entfesselte Knabenphantasie.
Kronachers Inszenierung, reich an schönen Bilderkonzentrationen, hätte das Unglück durch Milderungen vielleicht verhüten können. Rannte aber mit fanatischer Wucht ins Unglück. …

                                      Dr. E. D.