Das große Trallala

Von Ralf Gambihler

Namen sind Schall und Rauch? Vielleicht. Oder sind sie doch ein Bekenntnis? Das Schauspiel Leipzig jedenfalls hat seinen Namen geändert. Es heißt nun Centraltheater. Mit der Umbenennung verabschiedet sich der neue Intendant Sebastian Hartmann von einer 50-jährigen Bühnentradition. Er will den künstlerischen Neubeginn und bezieht sich dabei auch auf jenen 1902 eröffneten Amüsiertempel, auf dessen Fundamenten das Leipziger Schauspielhaus steht. – Ein Blick in die Geschichte aus gegebenem Anlass.
Als der Gebäudekomplex an der Bosestraße errichtet wurde, lebte Leipzig in halbillusionären Umständen. Die Vorstellung, dass der nicht enden wollende Aufschwung, der seit den ersten Industrialisierungsschüben im 19. Jahrhundert alle Zentren im Kaiserreich erfasst hatte, immer so weitergehen würde, war Normalität geworden. Es boomte nicht einfach die Wirtschaft, sondern der Zeitgeist wuchs förmlich über sich hinaus. Er materialisierte sich in einem Baugeschehen, das gerade auch im „Pleißeathen“ an jeder Ecke zu bestaunen war.
Die Leipziger Theaterverhältnisse jener Jahre waren indessen weniger beglückend. Max Staegemann, von 1882 bis 1905 Direktor der städtischen Bühnen, hatte mit einer auf das klassische Repertoire fixierten Spielplanpolitik den Anschluss an die moderne Dramatik verpasst. Eine künstlerische Erstarrung war eingetreten mit der Folge, dass das Sprechtheater neben Oper und Operette ins Hintertreffen geriet. Obwohl das Publikum keineswegs antiklassisch gestimmt war, spürte es doch den Stillstand und Bedeutungsverlust. Es wendete sich ab. Dies wiederum setzte das alte Pachtsystem, das die ökonomische und künstlerische Verantwortung einem Theaterunternehmer übertrug, unter Druck. Beschleunigt wurde die Entwicklung durch die neue Attraktion Kino. Überall entstanden Lichtspielhäuser und bekamen viel Zulauf.
Das „CT“ hatte mit der städtischen Theatermisere zunächst wenig zu tun. Als reines Privatunternehmen war es anderweitig verpflichtet. Die Ambitionen galten von vornherein den leichten Musen. Wer hier ein Engagement wollte, musste dazu beitragen, dass „die Luft brennt“. Umgeben waren die Unterhaltungskünste von einem Universum gastronomischer Lustbarkeiten. Neben dem üppig dimensionierten Bühnensaal mit 1600 Plätzen gab es den Alhambra-Festsaal, dessen maureske Gestaltung den Exotikhunger jener Jahre bediente. Das CT-Casino empfahl sich als „Tanz-Kabarett der eleganten Welt“. Nebenan lockten das CT-Konzert-Kaffee, die CT-Tanz-Bar, die CT-Kegelbahnen und die CT-Bierklause, die zu Nazizeiten auch Grinzing hieß und Wein kredenzte.
Die Chronik des Centraltheaters ist – dies sei angemerkt – bis heute unvollständig. Es gibt keine ausführliche Gesamtdarstellung. Wer Einzelheiten wissen will, bekommt es mit einer schwierigen Quellenlage zu tun. Gut belegt sind allein die Eckdaten und die wichtigsten Ereignisse. Demnach wurde das CT am 30. August 1902 eröffnet. Der erste Direktor hieß Albert Klein und setzte auf Varieté. Die Konkurrenz des Krystallpalast-Varietés war aber offenbar zu stark. Und so kam es schon nach zwei Jahren zum Wechsel in der Direktion. Mit Anton Hartmann rückte ein tüchtiger Theatermann an die Spitze. 1902 hatte er das Carola-Theater in der Sophienstraße (der heutigen Shakespearestraße) gepachtet und mit Erfolg zum Schauspielhaus gemacht.
In der Bosestraße freilich blieb es bei leichter Kost. Hartmann bot Schwänke und Konversationsstücke – doch auch das schlug nicht ein. Und so wurde nach zwei weiteren Jahren der nächste Kurswechsel vollzogen. Diesmal war der amtierende Direktor der gelehrige Schüler des Zeitgeistes. Hartmann holte 1906 die Operette auf die CT-Bühne und folgte damit einer einschlägigen Mode. Eröffnet wurde das „Neue Operettentheater“ mit Johann Strauß’ „Das Spitzentuch der Königin“. Und siehe: Jetzt lief der Laden. Jahre später wird in einer Buch-Festgabe der Stadt gar von einer „Operettenseuche“ die Rede sein.
Das Jahr 1912 brachte eine grundlegende Umwälzung im kommunalen Theaterbetrieb. Die Stadt schaffte das unhaltbar gewordene Pachtsystem ab und übernahm selbst die Regie im Alten und Neuen Theater. Außerdem pachtete sie als dritte Bühne das Neue Operettentheater im CT hinzu, sodass nun jede Gattung eine eigene Spielstätte hatte. Den Gewandhausmusikern, die auch Operettendienste zu absolvieren hatten, passte das gar nicht. Im Oktober 1913 beschwerten sie sich beim Rat der Stadt. „Das entschieden Unwürdigste für uns ist das Verlangen, im Operettentheater spielen zu müssen. Wir können wohl sagen, dass wir uns dieser Tätigkeit direkt schämen müssen.“ Eine „tonschöne Ausführung“ werde durch die Sitzweise des Orchesters, die Akustik und anderes verhindert, schimpften sie.
Derlei Misstöne verflogen. Das CT hatte Erfolg. Man juxte sich durchs Dreimäderlhaus und servierte dazu „gepflegte Biere“. Ums Tiefgründige konnten sich ja die Kollegen vom Alten Theater kümmern. Der Amüsierbetrieb lockte Publikum quer durch alle Schichten. Im Jahr 1913 verbrachten auch die werdenden Schriftsteller Kurt Pinthus, Franz Werfel und Walter Hasenclever manchen Abend in der CT-Bar, wovon der Redakteur Karl Blanck berichtet.
Der Erste Weltkrieg verursachte keine Zäsur inhaltlicher Art. Und auch in der Weimarer Republik mit ihren ökonomischen Katastrophen blieb man beim großen Trallala. Gleichwohl erfasste Unruhe das Haus, ablesbar an einer Folge von personellen Veränderungen. Als 1924 das städtische Operettentheater wieder aus dem CT herausgelöst wurde, kam James Klein als künstlerischer Leiter. Ihm folgten im Abstand von je zwei Jahren Curt Olfers und Victor Eckert. Ende der 20er Jahre war Anton Schneider Leiter und Inhaber des „größten Leipziger Vergnügungspalastes“ (Reklame). Es gastierten Unterhaltungskanonen wie Mizzi Koschek, Baby Benders und das Duo Su und Marta, Letzteres mit „exzentrischen Grotesktänzen“.
1933 erwarb Johannes Merz die CT-Betriebe samt Gaststätten. Mit seinem Theaterchef Erwin Hahn offerierte auch er Operetten und damit politisch Unverfängliches. 1937 – die Nürnberger Gesetze waren zwei Jahre in Kraft – lief „Das Land des Lächelns“ von Franz Lehár. Dass dergleichen kaum subversiv gedacht war, lässt das Programmheft vermuten. Darin ist ein Auszug aus der „Kulturrede des Führers auf dem Reichsparteitag 1936“ abgedruckt („Der autoritäre Wille ist zu allen Zeiten der größte Auftraggeber für die Kunst gewesen.“). Als Hitler 1940 in Paris triumphiert hatte, gab man „Frühlingsluft“ nach Motiven von Joseph Strauß. Doch auch die Schimären des Entertainments mussten letztlich weichen. Am 4. Dezember 1943, in der verheerenden Leipziger Bombennacht, wurde das Haus schwer getroffen. Die Bühne wurde zerstört. Am 20. Februar 1944 brannte auch der Festsaal aus. Damit war das Centraltheater Vergangenheit.

Der Artikel erschien erstmals in: Kunststoff, Heft 12, August/September 2008, S. 6 und 7. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber und der Autoren.