Die Baugeschichte des Schauspielhauses

Von Angela Wandelt

Während der Bombenangriffe am 4. Dezember 1943 wurden alle Bühnen in der Stadt zerstört. Das Leipziger Schauspiel war damals in der Sophienstraße 17 (heute Shakespearestraße) zu Hause, auch sein Domizil fiel dem Bombenhagel zum Opfer. Zwar begannen noch im Dezember im großen Festsaal des Centraltheaters in der Gottschedstraße erste Instandsetzungsarbeiten, aber nach einem Luftangriff am 20. Februar 1944 brannte auch dieser Saal aus.
1945 erhält das Centraltheater die Erlaubnis, den großen Saal wieder herzurichten unter der Maßgabe, dass er von den städtischen Bühnen genutzt werden kann. Die Besatzungsbehörde erteilt im Sommer 1945 für ein Jahr die Genehmigung zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs und noch am 19. Dezember 1945 kann mit Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ die Interimsspielstätte eröffnet werden. Zehn Jahre lang wird die Spielgenehmigung für das Provisorium in der Gottschedstraße von der Polizei unter großen Bedenken verlängert. Erst als die baupolizeilich geforderten Sicherheitsmaßnahmen nur noch mit erheblichem Aufwand realisiert werden können, entschließt sich die Stadt Leipzig zu einem Um- und Erweiterungsbau. Die Regierung stellt zusätzliche Mittel aus dem Aufbauprogramm zur Verfügung. Bereits im Jahr 1954 bekommt das Architektenkollektiv von Karl Souradny (Nationalpreisträger der DDR; Bau der Karl-Marx-Allee in Berlin; in den fünfziger Jahren gemeinsam mit E. Hartmann, H. Henselmann, H. Hopp, K. W. Leucht, R. Paulick, Chefarchitekt des Leipziger Zentralstadions 1954–1956) mit Franz Herbst und Rolf Brummer den Auftrag zur Planung des Schauspielhauses.
Ausgangssituation war das Grundstück des ehemaligen Centraltheaters und die Einbeziehung der noch vorhandenen Gebäudereste in der Gottschedstraße. Eine klare funktionelle Gliederung der Baumasse und der Wunsch, optimale Bedingungen für einen modernen Spielbetrieb zu schaffen, bestimmten den Entwurf. Im fünfgeschossigen neuen Gebäudeteil am Dittrichring wurden die Werkstätten für Kostüme und Maskenbildner, die Künstlergarderoben sowie ein Café und ein Restaurant untergebracht. Den Mittelteil, in dem früher der Theatersaal, das Vestibül und die Bühne eingeordnet waren, gestaltete man als zentrale Bühnenanlage völlig um. Neben Haupt-, Seiten- und Hinterbühne mit der Bühnenmaschinerie und den Magazinen befindet sich hier der zentrale Eingang mit der Kassenhalle. Es gibt sicher wenige Theater, bei denen der Haupteingang direkt unter der Hauptbühne liegt. Der ursprünglich eingeschossige Vorbau des Hauptzuganges in der Bosestraße wurde komplett in den Bühnenturm einbezogen. Der somit axial im Gesamtbaukörper angeordnete 37 Meter hohe Bühnenturm betont das Gebäudeensemble und sollte als Wahrzeichen für das Leipziger Schauspiel stehen.
In dem noch bestehenden dreigeschossigen Gebäudeteil zur Gottschedstraße lagen die Garderobenhalle, der neue Theatersaal sowie die Foyers und Erfrischungsräume. Über großzügige Treppenanlagen wurden die Besucher auf die einzelnen Ebenen des Zuschauerhauses geleitet. Damit der Spielbetrieb während der Bauarbeiten aufrechterhalten blieb – es wurde bis Anfang 1956 noch gespielt –, hatte man sich entschlossen, den Gebäudekomplex in drei Bauabschnitten zu errichten.
Vor Baubeginn mussten 1954 aber erst einmal die Trümmer des alten Centraltheaters beseitigt werden. Erster Bauabschnitt war der Neubau am Dittrichring. Der Mittelteil mit dem Bühnenturm folgte und als dritter Bauabschnitt der Umbau an der Gottschedstraße. Während einer nur zweijährigen Bauzeit wurde das Gesamtvorhaben realisiert. Eine respektable Leistung, wenn man bedenkt, dass es in dieser Zeit nur begrenzt Arbeitskräfte, Baumaterial und finanzielle Mittel gab. Die ursprünglich zur Herbstmesse 1956 geplante Eröffnung verzögerte sich durch technische und finanzielle Probleme. Am 1. März 1957 wurde das Schauspielhaus mit Schillers „Wallenstein“ eingeweiht.
Architektonisch hat man sich, wie zu dieser Zeit in der DDR weit verbreitet und politisch gewollt, an den nationalen Bautraditionen orientiert. Die Architekten formulierten es 1954 wie folgt:

Die Fassaden sollen in barockalen Grundformen gefasst und durch drei Akzente gegliedert werden. Der Hauptakzent, ein turmartiger Vorbau am Eingang des Theaters in der Bosestraße, soll die besondere Note, die für ein Theaterportal charakteristisch ist, zum Ausdruck bringen. Besonders in diesem speziellen Fall, da sich über der Eingangshalle der Bühnenturm aufbaut. Der Fußweg wird durch den turmartigen Vorbau durchgeführt. Die dadurch entstehende Arkade ermöglicht den Besuchern, die mit Fahrzeugen vorfahren, einen überdeckten Zugang. Die weiteren Akzente bestehen aus einem großen vorhandenen Erker, der sich an der kurzen Fassadenfront in der Gottschedstraße befindet, und einer stark gegliederten Fassadenfront am Dittrichring. (Bauakte, Bautechnischer Erläuterungsbericht vom 23. Dezember 1954)

Das vorhandene Achssystem des Vorgängerbaus wird die Basis für die äußere Gestaltung der Fassaden. Horizontal werden durch wechselnde Materialien und verschiedene Gesimsbänder die großen Fassadenflächen traditionell gegliedert. Für die unteren Geschosse wählt man der Bauaufgabe entsprechende Materialien. Lausitzer Granit und Cottaer Elbsandstein gehören zu den traditionellen Baumaterialien in der Stadt. Die darüber liegenden Putzflächen mit Pilastervorsprüngen und Fensterfaschen werden mit passenden Tönen in Hellgelb und Hellbraun eingefärbt. Vergoldete Kugeln in den Brüstungsgittern des Parkettgeschosses und die laternenartige Lichterkette am Portikus sollen Glanzlichter auf die Fassaden setzen und den festlichen Charakter des Hauses unterstreichen. Nur der Hauptakzent des Theaters, der Portikus, wird mit einigen wenigen bildkünstlerischen Elementen, den Masken der Mimen, gestaltet.
Auch im Inneren setzt sich die traditionelle Architekturauffassung fort. Über die Kassenhalle in hellen Beigetönen, mit einem hellen Kunststeinbelag und mit Travertin verkleideten Säulen, gelangt man in die großzügige Garderobenhalle. Der große, lang gestreckte Raum dient neben der Unterbringung der Garderobe gleichzeitig als Foyerfläche. Von hier schließen sich zwei breite Treppenanlagen an, über die man das Parkett- und Ranggeschoss des Zuschauerhauses erreicht. Wenige Akzente wie die messingfarbenen Leuchter und die goldverzierten Wandspiegel sollen den Innenräumen zu Glanz verhelfen.

Vom Projektanten wurde versucht, durch die Innenraumgestaltung dem Besucher ein Raumerlebnis, beginnend bei der Eingangs- und Kassenhalle bis zum Theatersaal, zu bieten, damit die festliche Atmosphäre eines Theaterbesuches in ihm widerklingt. (Bauakte, Bautechnischer Erläuterungsbericht vom 23. Dezember 1954)

Der Zuschauersaal mit 1100 Sitzplätzen ist bewusst als Einrangtheater ohne Seitenrang geplant worden, um möglichst von allen Plätzen gute Sicht auf das Bühnengeschehen zu sichern. Aus Kostengründen wurden keine neuen Stühle angeschafft, sondern die alten aus dem Saal des Centraltheaters wiederverwendet.
Die Bühne erhielt, nach damaligem Stand der Technik, eine moderne Ausstattung. Eine Drehbühne mit 12 Meter Durchmesser, Personenversenkung, der hohe Bühnenturm sowie der große Bühnenaufzug und die angelagerten Magazine ermöglichten vielfältige Produktionsformen. Das Haus wurde mit einer Klimaanlage ausgestattet, die heute nach 50 Jahren zu großen Teilen noch in Funktion ist.
Trotz der Zwänge ist es den Architekten gelungen, mit der funktionellen Gliederung das Haus sehr gut zu organisieren. In den folgenden Jahrzehnten hat es wenige Veränderungen gegeben, so dass sich das Erscheinungsbild bis heute bewahrt hat. In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde der Zuschauerraum im Parkett verkürzt, um Raum für Ton- und Lichtregie zu gewinnen. In den Siebzigern wurde im Rang der Saal durch den Einbau einer Beleuchtergalerie ebenfalls verkürzt. Die neue Rückwand im Rang erhielt eine plastische Gestaltung in zeitgemäßer Formsprache. Mit den Einbauten hatte sich die Anzahl der Sitzplätze auf 746 reduziert.

Obwohl einige bühnentechnische Anlagen wie Ton- und Beleuchtungstechnik im Laufe der Jahre dem jeweiligen Stand der Technik angepasst worden waren, konnte eine grundlegende Sanierung des inzwischen unter Denkmalschutz gestellten Hauses erst im Jahr 2002 begonnen werden. (In einem konkurrierenden Verfahren unter sechs Architekturbüros hatte sich mein Büro durchgesetzt.) Aufgabe dieser Planung für das Zuschauerhaus waren neben der denkmalgerechten Sanierung des inneren Erscheinungsbildes die brandschutztechnische Ertüchtigung des Hauses, der Rückbau von Schadstoffen sowie die Verbesserung des Besucherkomforts, die Erneuerung der haustechnischen Anlagen und der Einbau neuer bühnentechnischer Anlagen, z. B. eine neue Vorhanghochzuganlage oder hydraulische Vorbühnenpodien.
Die Bestuhlung und die Auframpung des Saales mussten erneuert werden, damit der Reihenabstand vergrößert und die Sitzplatzbreiten heutigem Standard angepasst und die Sichtverhältnisse verbessert werden konnten. Der ehemalige Orchestergraben, der ohnehin nicht mehr als solcher genutzt wurde, musste einem hydraulischen Vorbühnenpodium weichen, um künftig mehr Spielraum für moderne Theaterproduktionen zu schaffen und den Aufwand für technische Umbauten zu verringern. Auf der Basis eines restauratorischen Gutachtens konnte die Originalfarbigkeit der Räume rekonstruiert werden. Die Einbauten aus den siebziger Jahren wurden entfernt und so das historische Erscheinungsbild des Saales mit der Rangkrone wiederhergestellt. Die komplette medientechnische Versorgung des Zuschauerhauses, einschließlich Teilen der Lüftungsanlagen, wurde erneuert. 1955 hatte man sich entschlossen, aus statischen Gründen den Bühnenturm und die neuen Einbauten im Zuschauerhaus als Stahlrahmenkonstruktion zu errichten, die im Rahmen der Sanierung brandschutztechnisch ertüchtigt wurden. Insgesamt war es die Herausforderung der Planung, die denkmalgerechte Sanierung mit den Anforderungen an einen modernen Theaterbetrieb in Übereinstimmung zu bringen.
In den darauffolgenden Jahren konnte dank der Unterstützung vieler Leipziger Bürger und Unternehmen die äußere Fassade des Schauspiels saniert werden. Diese Baumaßnahmen waren besonders wegen der damit verbundenen Auswechslung der Fenster und Fenstertüren wichtig, denn ca. 80 Prozent der Fenster im Haus besaßen Einfachverglasungen. Die verheerende Energiebilanz wirkte sich besonders auf die Betriebskosten aus. Infolge der schlechten DDR-Umweltstandards war die äußere Farbgestaltung bis zur Unkenntlichkeit verwittert. Es gab widersprüchliche Aussagen über die tatsächliche Farbigkeit von 1957. Aber dank der Erinnerungen von Rolf Brummer, der fast achtzigjährig einer der wenigen noch lebenden Architekten aus dem Planungsteam war, konnte die Originalfarbigkeit wiederhergestellt werden.
Den baugeschichtlichen Wert im Allgemeinen erkennt man daran, dass es sich beim Leipziger Schauspiel um die typische ideologische DDR-Architektur der Fünfziger handelt. In diesen Jahren wurden zahlreiche „Kulturbauten“, vor allem Kulturhäuser, errichtet. Das Besondere aber beinhaltet das Faktum, dass es sich hier um ein Stadttheater handelt. Man hatte der Moderne abgeschworen und sich ganz des Repertoires der traditionellen Bauformen bedient.

In einer wütenden Kampagne bekämpfte man alle praktischen Versuche, wonach die Arbeiterklasse zu ihrer Emanzipation eine ureigene Sprache, Lebensweise und Ästhetik entwickeln müsse, die sich grundsätzlich von der des Bürgertums zu unterscheiden habe. Das gebetsmühlenartige von allen Kathedern und Bühnen gepredigte Erbekonzept der SED lief dagegen darauf hinaus, mit Goethe, Schiller und Thomas Mann den Beelzebub Avantgarde auszutreiben, hieße er nun Tatlin, Kafka oder Bauhaus. Was blieb bei solch ausgeprägtem Fundamentalismus schließlich anderes übrig als die Tradition des Realismus und die Architektur des Klassizismus? (Simone Hain/Stephan Stroux/Michael Schroedter: Die Salons der Sozialisten. Kulturhäuser in der DDR, Berlin 1996.)