Vom Varieté zum Operettentheater / 35 Jahre Centraltheater
Leipziger Neueste Nachrichten, Dienstag, den 5. Oktober 1937, Seite 9
Da, wo einst der sog. Kleinbosische und Lehmanns Garten den Ruhm Leipzigs als einer Gartenstadt in die Lande trugen, wo 1792 die „Place de repos“, vom Volksmund als „Pflasterdepot“ gekennzeichnete Vergnügungs- und Erholungsstätte des „fürnehmen“ Leipzig entstand, wurde 1898 die Flußüberwölbung von der Gottsched- bis zur Promenadenstraße durchgeführt. Die Ende der vierziger Jahre errichtete „Zentralhalle“ fiel, um dem „Trompeterschlößchen“ an der Gottschedstraße, wie die Leipziger das Gebäude der einstigen Kommandantur wegen der Tubenbläserinnen auf dem Dache nannten, Platz zu machen. Dabei hatte die „Centralhalle“ eine ruhmreiche Ueberlieferung, hatte doch hier beispielsweise Marcella Sembrich gesungen, der das vom Gewandhaus gebotene Honorar nicht genügte und die deshalb die Centralhalle auf eigene Rechnung mietete.
In diesem Viertel also erstand in den Jahren 1901 und 1902 nach den Entwürfen von Baurat Schmidt das „Centraltheater“, ein riesiger Gebäudekomplex, der ein modernes Varieté am „Thomasring“, wie der Dittrichring damals hieß, mehrere prächtige Festsäle, ein vornehmes Weinrestaurant, ein Kaffeehaus und ein „Tanzkasino“ beherbergen sollte. Eine Aktiengesellschaft, deren Direktor Willy Riedel war, nahm das Millionen-Unternehmen in die Hand. Mit großen Feierlichkeiten wurde es drei Tage lang, vom 28. bis 30. August 1902, eröffnet – ein Sieg auf der ganzen Linie, denn zur Eröffnung erschien außer leitenden Persönlichkeiten der Stadt und vielen Offizieren sogar der Kommandierende General. Das Varieté betreute in künstlerischer Beziehung der Wiener Klein, in musikalischer der Kapellmeister Willy Wolf, ebenfalls ein Wiener. Noch heute fühlt der Besucher des Neuen Operettentheaters an den Stühlen die Löcher, in denen die Untersetzer für die Biergläser hingen – letzte Erinnerung an das Varieté! Allein – die Leipziger waren doch nicht recht auf Wien eingestellt. Die größten Neuheiten verfingen nicht, es half auch nichts, daß Direktor Klein am Ende des Programms sich im Film dreimal riesengroß verneigte und ein Plakat in Leuchtschrift darunter „Gute Nacht“ wünschte – „Gute Nacht“, mußte er schließlich wirklich sagen. Inzwischen war aber 1902 der frühere erste Liebhaber des Stadttheaters, Anton Hartmann, wieder nach Leipzig gekommen, der das 1874 von Direktor Seifert gegründete „Carolatheater“ in der Sophienstraße, das heutige Schauspielhaus, übernommen hatte. Er pachtete 1904 auch das verwaiste CT und spielte französische Gesellschaftsstücke, kam aber doch nicht gegen die städtische Operette im Alten Theater auf. Infolgedessen zog Hermann Haller vom Berliner Vaudeville-Ensemble in der Erkenntnis, daß mit der Operette in Leipzig viel Geld zu verdienen sei, als Unterpächter Hofrat Hartmanns ein: Ein fröhlicher Wettbewerb zwischen dem städtischen Operetten-Ensemble im Alten Theater und dem des „Operettentheaters am Thomasring“, mit Willy Wolf als Kapellmeister, setzte im September 1906 ein. Hofrat Hartmann verpflichtete tüchtige Kräfte, so auch das Paar Rudi Gfaller – Therese Wiet. Als der Intendant des Städtischen Schauspiels, Max Martersteig, sich über die durch die Operette verursachte mangelnde Betätigung des Schauspiels beklagte, erpachtete die Stadt das Operettentheater auf einige Jahre, bis unter Stadtrat Barthol der Vertrag wieder aufgekündigt wurde.
Die Ungunst der Nachkriegsverhältnisse wirkte sich nun voll aus – man erinnert sich noch der traurigen Episode des Juden James Klein, der glaubte, in Leipzig der Revue mit unbekleideten Damen eine Heimstätte schaffen zu können, aber nicht mit dem gesunden Geschmack der Leipziger gerechnet hatte. Es folgten die Direktionen Rudi Gfaller, Olfers, Dr. Victor Eckert u. a., 1928 wurde ein weitgehender Umbau, besonders im Vestibül, durchgeführt, das Kaffee erhielt Kabarettcharakter. Die alten Besitzer verschwanden – zuletzt waren die Aktien in der Hand von vier Kaufleuten –, bis im März 1933 der heutige Betriebsführer der CT-Betriebe, also auch des Operettentheaters, Direktor Johannes Merz, Eigentümer wurde. Ihm gelang es, dem Unternehmen wieder solide Grundlagen zu geben und es rasch zu einer erstklassigen Theater- und Vergnügungsstätte zu machen. Dem Operettentheater verpflichtete Direktor Merz jetzt in Intendant H a h n eine Persönlichkeit von künstlerischem Wollen.
Eine Festvorstellung am heutigen Dienstagabend mit dem „Bettelstudent“ unterstreicht das Jubiläum. An sie wird sich ein Kameradschaftsabend schließen.
A. L.