11. Oktober 1989, Schauspielhaus
Aus: Neues Forum Leipzig (Hg.): Jetzt oder nie – Demokratie! Leipziger Herbst ’89. Leipzig 1990.
Nach der Abendvorstellung wird im Schauspielhaus in Anwesenheit aller Darsteller und des gesamten technischen Personals vor voll besetztem Haus die historische Dresdner Resolution vom 6. Oktober mit aktueller Ergänzung für die Leipziger Verhältnisse vorgetragen:
Wir treten aus unseren Rollen heraus. Die Situation in unserem Lande zwingt uns dazu. Ein Land, das seine Jugend nicht mehr halten kann, gefährdet seine Zukunft. Eine Staatsführung, die mit ihrem Volk nicht mehr spricht, ist unglaubwürdig. Eine Parteiführung, die ihre Prinzipien nicht mehr fortwährend auf Brauchbarkeit untersucht, ist zum Untergang verurteilt. Ein Volk, das zur Sprachlosigkeit gezwungen wurde, fängt an, gewalttätig zu werden. Unsere Arbeit steckt in diesem Land. Wir lassen uns das Land nicht kaputt machen.
Wir nutzen unsere Tribüne, um zu fordern:
– Wir haben ein Recht auf Information.
– Wir haben ein Recht auf Dialog.
– Wir haben ein Recht auf selbständiges Denken und Kreativität.
– Wir haben ein Recht auf Widerspruch.
– Wir haben ein Recht auf Reisefreiheit. Wir haben ein Recht, unsere staatlichen Leitungen zu überprüfen.
– Wir haben ein Recht, neu zu denken. Wir haben ein Recht, uns einzumischen.
Wir nützen unsere Tribüne, um unsere Pflichten zu benennen:
– Wir haben die Pflicht, zu verlangen, dass Lüge und Schönfärberei aus unseren Medien verschwinden.
– Wir haben die Pflicht, den Dialog zwischen Volk und Partei und Staatsführung zu erzwingen.
– Wir haben die Pflicht, von unserem Staatsapparat und von uns zu verlangen, den Dialog gewaltlos zu führen.
– Wir haben die Pflicht, das Wort Sozialismus so zu definieren, dass dieser Begriff wieder ein annehmbares Lebensideal für unser Volk wird.
– Wir haben die Pflicht, von unserer Partei- und Staatsführung zu verlangen, das Vertrauen zur Bevölkerung wiederherzustellen.
In diesem Sinne haben wir mit Freude und Erleichterung das verantwortungsvolle Handeln der Genossen Pommert, Wötzel und Meyer der Bezirksleitung der SED und Kurt Masur zur Kenntnis genommen. Wir sehen in diesem Vorgang mehr als nur den Schritt zur Schadensbegrenzung und Entkrampfung der zugespitzten Situation der letzten Wochen und Tage. Wir sehen es als einen klugen, verantwortungsbewussten, vertrauensvollen und hoffnungsträchtigen Auftakt zu einem gesamtgesellschaftlichen Dialog.