Gute Gene erkennt man von hinten wie von vorn. Ärsche sagen mehr über Gesichter als Gesichter über Ärsche.
Fünf Fragen an Matias Faldbakken
Nach „Cocka Hola Company“ und „Macht und Rebel“ haben Sie sich in „Unfun“ für einen weiblichen Charakter als Hauptfigur und Ich-Erzählerin entschieden. Was hat Sie an dieser Perspektive interessiert?
Matias Faldbakken: Die Stimmen von Simpel in „The Cocka Hola Company“ und Rebel in „Macht und Rebel“ sind recht ähnlich. Ich hatte die Idee, sie noch einmal zum Einsatz zu bringen, um aber gleichzeitig herauszufinden, ob sie sich ändert, wenn ihre Urheberin eine Frau ist. Dann wollte ich, wie in einem Cartoon, den Charakteren erlauben, das Gegenteil der bisherigen Protagonisten (weiß, männlich, heterosexuell) zu sein, und so machte ich aus der Erzählerin eine schwarze, weibliche, wenn nicht homosexuelle, so doch zumindest bi-neugierige Figur.
Halten Sie die Sicht des Misanthropen für die einzige Weise, mit der Welt samt ihren Widersprüchen und Absurditäten angemessen umzugehen?
Das ist zumindest der Weg, an dem ich mittlerweile angelangt bin, zumindest in meiner künstlerischen Tätigkeit. Aber, um es auf eine etwas abstraktere Ebene zu bringen, ich glaube, dass Kunst selber notwendigerweise als negative Kategorie betrachtet werden muss. Das ist der Grund, warum ich mich an Negativität halte – und zwar immer.
Was kommt nach der Misanthropie?
Depression.
Könnte Lachen oder Humor eine Alternative zur Misanthropie sein?
Ein Teil meiner Arbeit besteht darin, dunkle Aspekte wie Negativität und Geschmacklosigkeit mit Unterhaltung (Lachen, Humor) zusammenzubringen. Ich denke nicht, dass die lustigen eine Alternative zu den schrofferen Stellen sind. Mir geht es mehr darum, einer grobschlächtigen Kunsttradition eine unterhaltsame Seite abzugewinnen, oder, umgekehrt, Unterhaltung die avantgardistische Haltung der Negativität einzuimpfen.
In welcher Weise kann Kunst politisch sein, und würden Sie Ihre Kunst (also Schreiben und bildende Kunst) als politisch beschreiben?
Kunst ist immer politisch, und wenn man das Gegenteil behauptet, dann ist das, glaube ich, auch wieder ein politisches Statement.
Die Fragen stellte Johannes Kirsten. Aus dem Englischen von Christoph Gurk.
Kurtz sprach. Eine Stimme! Eine Stimme! Sie dröhnte tief, bis zuletzt. Sie überlebte seine Kraft, damit er unter dem Prunkgewand der Beredsamkeit die öde Nacht seines Herzens verbergen könnte. Oh, er kämpfte! Er kämpfte! Durch die Wüsten seines müden Hirnes zuckten nun schattenhafte Bilder, Bilder von Wohlstand und Ruhm, die seine unbesiegbare Gabe gehobener, edler Sprechweise immer neu erstehen ließ. ‚Meine Braut, meine Stationen, meine Laufbahn, meine Ideen‘ – das waren die Ausgangspunkte für die gelegentliche Darlegung schöner Gefühle. Der Schatten des ursprünglichen Kurtz stand neben dem Krankenlager des hohläugigen Trugbildes, dem es in Kürze bevorstand, in jungfräulicher Erde bestattet zu werden. Sowohl der teuflische Hang zu den Mysterien wie auch der unirdische Haß dagegen, durch die diese Seele, von urweltlichen Erlebnissen gesättigt, gegangen war, machten einander nun ihren Platz streitig und äußerten sich in der Gier nach falschem Ruhm, erschlichener Auszeichnung, nach all den äußeren Merkmalen von Erfolg und Macht.
Mitunter war er unangenehm kindisch. Er wollte von Königen am Bahnhof empfangen werden bei seiner Rückkehr von einem gespenstigen (gespenstischen?) Nirgendwo, wo er seine großen Pläne verwirklicht haben würde. ‚Wenn man ihnen zeigt, daß man wirklich brauchbar ist, dann nehmen die Loblieder kein Ende‘, pflegte er zu sagen. ‚Natürlich muß man auf die Beweggründe achten und sie immer sorgfältig wählen.‘ – Lange, gerade Strecken, die einander aufs Haar glichen, ebenso wie die eintönigen Ufer, glitten am Dampfer vorbei; zahllose hundertjährige Bäume sahen gleichgültig hinter diesem kümmerlichen Bruchstück einer anderen Welt drein, dem Vorboten des Wechsels, der Eroberung, des Handels, des Gemetzels und der Segnungen. Ich sah geradeaus und steuerte. ‚Schließen Sie den Laden‘, sagte Kurtz eines Tages unvermittelt. ‚Ich kann es nicht ertragen, das noch zu sehen.‘ Ich tat es. Es gab ein Schweigen. ‚Oh, ich will dir schon noch das Herz aus dem Leibe reißen‘, schrie er der unsichtbaren Wildnis zu.
Unsere Maschine versagte – wie ich es erwartet hatte –, und wir mußten, um den Schaden auszubessern, an der Spitze einer Insel anlegen. Diese Verzögerung war es, die zuerst Kurtz’ Vertrauen erschütterte. Eines Morgens gab er mir ein Paket Papiere, das Ganze mit einem Schuhband zusammengeschnürt. ‚Bewahren Sie das für mich auf‘, sagte er. ‚Dieser kümmerliche Narr‘, damit meinte er den Direktor, ‚ist imstande, meine Koffer zu durchwühlen, wenn ich gerade nicht dabei bin.‘ Nachmittags sah ich ihn wieder. Er lag auf dem Rücken, mit geschlossenen Augen, und ich zog mich ruhig zurück, hörte ihn aber murmeln: ‚Recht leben, sterben, sterben ...‘ Ich horchte. Es kam nichts weiter. Wiederholte er im Schlaf irgendeine Rede oder war es ein Bruchstück aus einem Leitartikel? Er hatte für die Zeitungen geschrieben und gedachte es wieder zu tun, ‚für die Verbreitung meiner Ideen. Es ist eine Pflicht.‘
Die Dunkelheit, in der er lebte, war undurchdringlich. Ich beobachtete ihn, wie man zu einem Mann hinunterspäht, der auf dem Boden eines Abgrundes liegt, wohin die Sonne nie scheint. Doch hatte ich nicht viel Zeit für ihn übrig, denn ich half dem Maschinisten beim Auseinandernehmen der lecken Zylinder, dem Strecken einer verbogenen Verbindungsstange und bei ähnlichen solchen Verrichtungen. Ich lebte inmitten eines höllischen Wirrwarrs von Rost, Feilspänen, Schraubenmuttern, Bolzen, Schraubenschlüsseln, Hämmern und Drillbohrern – lauter Dingen, die ich verabscheue, weil ich damit nicht zurechtkomme. Ich richtete die kleine Feldschmiede her, die wir glücklicherweise an Bord hatten, und arbeitete unaufhörlich unter dem Gerümpel herum – außer wenn ich zu starken Schüttelfrost hatte, um auf den Beinen stehen zu können.
Als ich eines Abends mit einer Kerze zu ihm hineinkam, war ich überrascht, ihn etwas zitterig sagen zu hören: ‚Da liege ich im Dunkel und erwarte den Tod!‘ Das Licht war kaum mehr als eine Spanne von seinen Augen entfernt. Ich zwang mich zu einem gemurmelten: ‚Ach, Unsinn!‘ und blieb wie angenagelt über ihn gebeugt.
Etwas, das auch nur im entferntesten an den Wechsel hingereicht hätte, der sich in seinen Zügen vollzog, habe ich noch nie zuvor gesehen und hoffe es auch nie wieder zu sehen. Oh, ich war nicht gerührt. Ich war wie gebannt. Es schien, als wäre ein Schleier gerissen. Ich sah auf dem Elfenbeingesicht den Ausdruck düsteren Stolzes, unbarmherziger Herrschsucht, feiger Angst – und tiefer, hoffnungsloser Verzweiflung. Durchlebte er, in jenem äußersten Augenblick völligen Wissens, sein Leben nochmals, mit jeder einzelnen Begierde, Versuchung und Schwäche? Er schrie in einem Flüstern einem Bild, einem Gesicht zu – schrie es zweimal, wenn es auch kaum lauter klang als ein Hauch: ‚Das Grauen! Das Grauen!‘
Joseph Conrad: Das Herz der Finsternis
Homer D`oh

