Burroughs über „The Black Rider“

Unser Universum ist ein Universum des Krieges. Überall nur Krieg. Das ist seine Natur. Es gibt vielleicht irgendwo Planeten, die nach anderen Prinzipien funktionieren, aber unsere Welt basiert auf Krieg und Spiele. Alle Spiele sind von Grund auf menschenverachtend. Überall Gewinner und Verlierer. Wir sehen sie jeden Tag: die Gewinner und die Verlierer. Die Verlierer können zu Gewinnern und die Gewinner jederzeit zu Verlierern werden. Vor kurzem habe ich das Libretto zu dem Stück „The Black Rider“ fertig gestellt. Die Handlung basiert auf einer Geschichte von Thomas de Quincey, der eine alte deutsche Sage aufgreift, die übrigens auch Karl Maria von Weber für seine Oper „Der Freischütz“ als Vorlage verwendet hat. Unser Protagonist ist ein Schreiber, der sich in die Tochter des Försters verliebt. Allerdings akzeptiert ihr Vater nur einen Jäger als Schwiegersohn. Deshalb versucht unser Held das Schießen zu lernen, allerdings ohne Erfolg. Tief im Wald begegnet er Pegleg, dem Teufel. Dieser rät ihm: „Alles, was du brauchst, sind die richtigen Kugeln.“ Er gibt sie dem Schreiber, wobei die erste immer umsonst ist. Unser Held realisiert aber nicht, dass er in dem Moment, als er die Kugeln annimmt und benützt, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat. Schon nach kurzer Zeit ist er ohne die Zauberkugeln völlig hilflos. Wie ein Junkie ist er von den Zauberkugeln abhängig. Am Tag seiner Hochzeit muss er seine Treffsicherheit unter Beweis stellen. Das Problem ist nur, dass er alle seine Kugeln längst verbraucht hat. Als er auf eine an einem Ast befestigte Holztaube schießt, macht das Geschoss kehrt und tötet seine Verlobte. Die Moral von der Geschichte ist, dass eine Abmachung mit dem Teufel immer eine Abmachung mit einem Narren ist, da man versucht, für nichts alles zu bekommen, und schlussendlich alles gibt, um am Ende mit leeren Händen dazustehen.

William Burroughs im Interview mit Raymond Foye

© David Baltzer/bildbuehne.de

ES GIBT KEINEN TEUFEL,
NUR GOTT, WENN  ER BETRUNKEN IST.

Tom Waits

Just the right bullets

Wenn eine Kugel meine Initialen tragen würde, wäre sie nur für mich bestimmt. Eine besondere Kugel für eine besondere Person. Im Grunde ist das Gewehr eine simple Erfindung. Es gibt ganz einfache Gewehrtypen, für die man nicht mehr als ein Rohr und ein bisschen Kleinkram aus einem Eisenwarenladen benötigt. Natürlich kein Vergleich zu einem schönen Revolver oder einer Automatik, trotzdem kann sie einen Menschen aus geringer Entfernung mit nur einem Schuss töten. Man kann übrigens die ganze Theorie des Zen-Buddhismus auf Schusswaffen anwenden. Sobald du weißt, wo dein Ziel ist, musst du nur noch aus der Schusslinie gehen und die Sache einfach geschehen lassen. Auf diese Weise triffst du dein Ziel auch in der Nacht. Wichtig ist nur, dass du dir selbst nicht im Weg stehst, sonst bist du tot. „Gewehr und Hand und Auge trennen, bis sie es alleine können. Ziehen, zielen, schießen, feuern, sich wie ein Computer steuern... ein Auge zu, das andre auf … sich Hand und Auge überlassen … selber nur daneben stehen … und den Schuss sich lösen lassen … und ins Schwarze gehen sehen …“ (Bei dem Versuch, während einer Party den Apfelschuss aus „Wilhelm Tell“ nachzuspielen, erschoss Burroughs seine Frau Joan. Burroughs wurde nach nur 14 Tagen wieder aus dem Gefängnis entlassen, da die Tat von der Polizei als Unfall zu den Akten gelegt wurde.)

William Burroughs im Interview mit Raymond Foye

© David Baltzer/bildbuehne.de

Junkie

Die Begegnung mit Gottes Eigener Medizin hat mich zu „Junkie“ und „Naked Lunch“ geführt, und letztlich zu einer Berufung. Einem Platz im Leben. Meinem Platz im Leben. […] Sobald eine Droge illegal wird, ist sie vom schwefelgelben Glühen aus den Tiefen der Hölle umgeben. So kam es, dass ich durch Gottes Eigene Medizin Selbstachtung gewann – und damit auch Respekt vor anderen.

William Burroughs, Last Words

© David Baltzer/bildbuehne.de

Die Litanei des Satans

O König des Exils, den man mit Schmach bedeckt,
Und der, besiegt, voll Trotz das Haupt nur höher reckt,
           Satan, erbarm dich mein in meiner tiefen Not!

Du, der du alles weißt, Herrscher in dunkeln Tiefen,
Helfer der Menschen, die in bittrer Angst dich riefen,
           Satan, erbarm dich mein in meiner tiefen Not!

Der Liebe selbst ins Herz Verstoßener, Kranker senkt,
Und ihnen so den Duft aus Edens Gärten schenkt,
           Satan, erbarm dich mein in meiner tiefen Not!

Der sich die Todesnacht zur Liebsten wählt und Herrin,
Mit ihr die Hoffnung zeugt, die wunderholde Närrin,
           Satan, erbarm dich mein in meiner tiefen Not!

Der, Helfershelfer uns, sein Mal gebrannt voll List
Auf jedes Reichen Stirn, der feil und grausam ist,
           Satan, erbarm dich mein in meiner tiefen Not!

Der in des Mädchens Herz tief seine Saat gesenkt,
Dass es voll Lust an Blut und Grau’n und Fetzen denkt,
           Satan, erbarm dich mein in meiner tiefen Not!

Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen

Idee des Satans

Als diese unerschöpfliche Quelle von Möglichkeiten, die je nach Umständen und Verhältnissen andere, neue und wechselnde sind, ist dieser Geist der immerwährende Erreger und Beweger des menschlichen Lebens, das Princip, ohne das die Welt einschlafen, die Geschichte versumpfen, stillstehen würde. Dieß ist die eigentliche philosophische Idee des Satan.

Friedrich W. J. Schelling, Philosophie der Offenbarung

COME ON ALONG WITH THE BLACK RIDER /
WE’LL HAVE A GAY OLD TIME.

Hymnen an die Nacht

Einst da ich bittre Tränen vergoß, da in Schmerz aufgelöst meine Hoffnung zerrann, und ich einsam stand am dürren Hügel, der in engen, dunkeln Raum die Gestalt meines Lebens barg –  einsam, wie noch kein Einsamer war, von unsäglicher Angst getrieben – kraftlos, nur ein Gedanken des Elends noch. – Wie ich da nach Hülfe umherschaute, vorwärts nicht konnte und rückwärts nicht, und am fliehenden, verlöschten Leben mit unendlicher Sehnsucht hing: – da kam aus blauen Fernen – von den Höhen meiner alten Seligkeit ein Dämmerungsschauer – und mit einem Male riß das Band der Geburt – des Lichtes Fessel. Hin floh die irdische Herrlichkeit und meine Trauer mit ihr – zusammen floß die Wehmut in eine neue, unergründliche Welt – du Nachtbegeisterung, Schlummer des Himmels kamst über mich – die Gegend hob sich sacht empor; über der Gegend schwebte mein entbundner, neugeborner Geist. Zur Staubwolke wurde der Hügel – durch die Wolke sah ich die verklärten Züge der Geliebten. In ihren Augen ruhte die Ewigkeit – ich faßte ihre Hände, und die Tränen wurden ein funkelndes, unzerreißliches Band. Jahrtausende zogen abwärts in die Ferne, wie Ungewitter. An ihrem Halse weint ich dem neuen Leben entzückende Tränen. – Es war der erste, einzige Traum – und erst seitdem fühl ich ewigen, unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein Licht, die Geliebte.

Novalis, Hymnen an die Nacht

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Der Freischütz

Eine Volkssage
von Johann August Apel: Das Gespensterbuch 1810-12

I.
Höre Mutter – sagte der alte Förster Bertram in Lindenhayn – du weißt, ich thue dir gern alles zu Liebe, aber den Gedanken schlag dir aus dem Kopf, und bestärke mir auch das Mädchen weiter nicht drinn. Schlag’s ihr rund ab, so weint sie ihr Thränchen und ergiebt sich drein; mit dem langen Trödeln und Hinhalten wird nichts gut gemacht.

Aber Väterchen – wandte die Försterin vorbittend  ein – kann denn unser Käthchen mit dem Amtsschreiber nicht eben so glücklich leben, als mit dem Jäger Robert? Du kennst den Wilhelm noch gar nicht, er ist so ein braver Mensch, so herzensgut …

Aber kein Jäger – fiel der Förster ein – meine Försterei ist nun seit länger als zweihundert Jahren immer vom Vater zum Sohn vererbt. Hättest du mir einen Jungen gebracht, statt des Mädchens, da möcht’ es seyn, dem hinterließ ich meine Stelle, und das Mädel, wenn eins dazu gekommen wär, möchte freyen, wen es wollte; aber so … nein! Erst hätt’ ich Mühe, Angst und Wege gehabt, daß der Herzog meinen Schwiegersohn zum Probeschuß lassen will, wenn er nur sonst ein braver Jäger ist, und nun sollt’ ich das Mädel verschleudern? Nein, Mutter Anne, auf den Robert besteh’ ich just nicht; wenn er dir nicht gefällt, such’ dem Mädel einen andern flinken Jägerburschen aus, dem ich meine Stelle bei Lebzeiten übergeben kann, da wollen wir in Ruhe bei den Kindern unsre alten Tage verleben, aber mit dem Federschützen bleib mir vom Halse. >> weiter

Der Teufelskerl

Wie ein Musiker bei Ebay sein Genie versteigern wollte
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SPIEGEL, 5/2009 vom 26.01.2009, Seite 41