Die Räuber kosteten mir Familie und Vaterland

Ich schreibe als Weltbürger, der keinem Fürsten dient. Frühe verlor ich mein Vaterland, um es gegen die große Welt auszutauschen, die ich nur eben durch die Fernröhre kannte. Verhältnissen zu entfliehen, die mir zur Folter waren, schweifte mein Herz in eine Idealenwelt aus – aber unbekannt mit der wirklichen, von welcher mich eiserne Stäbe schieden – unbekannt mit den Menschen, unbekannt mit den Neigungen freier, sich selbst überlassener Wesen, denn hier kam nur eine zur Reife, eine, die ich jetzo nicht nennen will; jede übrige Kraft des Willens erschlaffte, indem eine einzige sich konvulsivisch spannte; jede Eigenheit, jede Ausgelassenheit der tausendfach spielenden Natur ging in dem regelmäßigen Tempo der herrschenden Ordnung verloren – unbekannt mit dem schönen Geschlecht – unbekannt mit Menschen und Menschenschicksal mußte mein Pinsel notwendig die mittlere Linie zwischen Engel und Teufel verfehlen, mußte er ein Ungeheuer hervorbringen, das zum Glück in der Welt nicht vorhanden war, dem ich nur darum Unsterblichkeit wünschen möchte, um das Beispiel einer Geburt zu verewigen, die der naturwidrige Beischlaf der Subordination und des Genius in die Welt setzte. Ich meine die „Räuber“.

Dies Stück ist erschienen. Die ganze sittliche Welt hat den Verfasser als einen Beleidiger der Majestät vorgefodert – Seine ganze Verantwortung sei das Klima, unter dem es geboren ward. Wenn von allen den unzähligen Klagschriften gegen die Räuber eine einzige mich trifft, so ist es diese, daß ich zwei Jahre vorher mich anmaßte, Menschen zu schildern, ehe mir noch einer begegnete.

Die Räuber kosteten mir Familie und Vaterland – in einer Epoche, wo noch der Ausspruch der Menge unser schwankendes Selbstgefühl lenken muß, wo das warme Blut eines Jünglings durch den freundlichen Sonnenblick des Beifalls munterer fließt, tausend einschmeichelnde Ahndungen künftiger Größe seine schwindelnde Seele umgeben und der göttliche Nachruhm in schöner Dämmerung vor ihm liegt – mitten im Genuß des ersten verführerischen Lobes, das ungehofft und unverdient aus entlegenen Provinzen mir entgegenkam, untersagte man mir in meinem Geburtsort bei Strafe der Festung – zu schreiben. Mein Entschluß ist bekannt – ich verschweige das übrige, weil ich es in keinem Falle für anständig halte, gegen denjenigen mich zu stellen, der bis dahin mein Vater war.

Nunmehr sind alle meine Verbindungen aufgelöst. Das Publikum ist mir jetzt alles, mein Studium, mein Souverain, mein Vertrauter. Ihm allein gehör ich jetzt an. Vor diesem und keinem andern Tribunal werde ich mich stellen. Dieses nur fürchte ich und verehr ich. Etwas Großes wandelt mich an bei der Vorstellung, keine andere Fessel zu tragen als den Ausspruch der Welt – an keinen andern Thron mehr zu appellieren als an die menschliche Seele.

Friedrich Schiller, Ankündigung der Rheinischen Thalia, 1784

E = Erfahrung x Hass2

Das ist unsre Einsteinsche Formel. Die Formel unserer Krankheit und Exzentrität. Sie wird Zerstörungen zur Folge haben, gegen die Nagasaki und Hiroshima lächerlich erscheinen. Aber ich weiß, daß der Weg, den sie anzeigt, zu unserer Erlösung führt. Es ist Zeit, die Dinge zu sehn, wie sie sind, die Projektionen zu knacken, die mir das Unerträgliche erträglich erscheinen lassen, es ist Zeit, zu zerstören, was man mir als Schönheit andrehte, es ist Zeit, die Schönheit der Zerstörung zu begreifen: den Erfahrungen vertrauen, die Erfahrungen in Haß, den Haß in Energie verwandeln.

Alles, was wir sagen und schreiben können, zischt ab in die Absurdität. Diese pessimistische Pest ist eine der wichtigsten Stützen der Konterrevolution – weit davon entfernt, die Zirkulation der Ideologie und der Waren zu durchbrechen, liefert sie diejenigen, die mehr denn je lesen, der Dash-weißen Gehirnwäsche der herrschenden Klasse aus, die, klassenbewußt genug, keine Hemmungen hat, ihre Interessen mit allen Mitteln zu verteidigen. Der kleinbürgerliche Intellektuelle, der die konkreten Kämpfe ignoriert oder scheut, verlangt ‚alles oder nichts‘. Dieses ‚oder‘ aber steht für einen langen Prozeß, in dem für das Elitegefühl des Abstinenzlers kein Platz ist. Der Griff nach den Sternen, aus dem Stand heraus, ist die Gebärde, die vertuschen soll, daß wir den Griff nach der Kehle dessen, der uns unterdrückt, nicht einkalkulieren, daß wir den Kampf um die zahlenmäßig rasch wachsenden kleinbürgerlichen Massen bereits aufgegeben haben. Der Fleiß, den wir darauf verwenden, daß alles, was heute produziert, getan und gedacht wird, unentschuldbar ist, daß wir also durch das, was wir können, nichts ändern, daß wir das, was zur Veränderung führte, nicht können, arbeitet unterdessen in die Taschen der Ausbeuter wie der Fleiß der Proleten an den Fließbändern. Nochmal und mit andren Worten: Ausgehend von der existenziellen Erfahrung unserer Ohnmacht und Verlassenheit, die in unserem Bewußtsein und an den Quellen unserer psychischen Energien tiefe Verwüstungen angerichtet hat, verlängern wir unsere Leiden zur allgemein menschlichen Erfahrung.

Weil wir unglücklich waren, glauben wir, daß es Glück nicht geben kann, weil wir vor Angst zittern, glauben wir, daß wir die Schuldigen nicht ins Visier kriegen, weil wir die Eiseskälte der Isolation sinnlicher erfahren haben als die soziale Schönheit der Solidarität, verleugnen wir – Marx und Mao auf den Lippen – innerlich den Sieg der Revolution. Das sind die beiden Ausdrucksformen unserer kleinbürgerlichen Hänger.
Wir, die vom System dazu abgerichtet wurden, Bücher lesen und schreiben zu können, sind die Kinder der zwischen Kapital und Proletariat untergehenden bürgerlichen Klassen. Und während der Kapitalismus, der für sei¬nen Todeskampf rüstet, uns wie unartigen Kleinen androht, ‚die Kakophonie aufständischen Gegeifers zu beenden‘ (Agnew), starren wir auf unsre Zerrissenheit oder hängen unserm Katzenjammer nach, weil wir nicht als Proleten die Revolution, deren Herannahen wir wenigstens im Kopf begriffen haben, anführen können.

Das wäre scheißegal, wenn nicht diese todesgeile, Bücher lesende und schreibende Kleinbourgeoisie, all diese jämmerlichen Zins- und Lohnabhängigen, eine wichtige, wenn nicht entscheidende Rolle in der Strategie der Konterrevolution gespielt hätte und weiter spielen soll. Die Kleinbourgeoisie hat dem Proletariat schon einmal den Faschismus eingebrockt und heute, wo die Profitrate weltweit bedroht ist, rechnet das Kapital erneut mit uns. Das Proletariat allein hat die Macht, die herrschende Klasse zu stürzen; diejenigen, die Bücher lesen und schreiben, haben die Macht, den Sturz wiederum zu verzögern. Das Gespenst der Integration mit seinem Anhang signalisiert, wie weit wir es schon wieder gebracht haben. ‚Um den Feind zu besiegen, brauchen [wir] auch noch eine Armee der Kulturschaffenden, die uns beim Zusammenschluß der eigenen Reihen und der Überwindung des Feindes unentbehrlich ist.‘ Wir brauchen keine Gespensterarmee; denn der Kapitalismus, der seinen Untergang nahen fühlt, droht uns ‚wenn es sein muß mit der Maschinenpistole‘; es liegt an uns, auf wel¬cher Seite unsre Klasse, die Bücher liest und schreibt, diesmal stehen wird.
(P.S.) ‚Integration‘ ist ein Bestandteil der Dialektik und aller Handlungen des Menschen. Einige Hunderttausend Jahre, nachdem der letzte Mensch zu handeln aufhört, werden die Spuren dieser Rasse in die Erdrinde unerkennbar integriert sein. Aber die Kenntnis, daß dann die Sphären ungesehen, ungehört und unbedacht wieder in sich selbst kreisen werden, erhöht, weit davon uns in existenziellen Schrecken zu versetzen, nur das Glücksgefühl unseres Lebens.

Auszüge aus: Bernward Vesper: Die Reise, Romanessay, herausgegeben von Jörg Schröder, MÄRZ-Verlag, 1977