Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!

Das Wesen des Menschen ist nicht das Denken, sondern der religiöse Glaube. Unsere abendländische, westliche Kultur gründet auf dem ans Kreuz genagelten Jesus Christus. Unmöglich, sich dem zu entziehen. Am Anfang unserer Zeit steht das Ende eines Menschen. Am Anfang des Endes steht diese Frage: Gott, warum hast du mich verlassen?

Ohne Glauben gibt es keine Menschheit. Ohne Glauben gibt es keinen Kultus, und es gibt keine Gesellschaft ohne Religion. Ob wir wollen oder nicht sind wir alle Teil derselben Geschichte. Es kann ja sein, dass mit den Katastrophen der jüngsten Geschichte Gott selbst auferstanden ist. Jedenfalls wird die Geschichte von der Verlorenheit des aufgeklärten Menschen in seinem Schmerz vor der Freiheit und seiner Angst vor Verantwortung auf vielfache Weise erzählt. Der wiederauferstandene Gott wäre ein böser Gott, einer, der das Schwert bringt, nicht den Frieden. Der Gott allen Zorns, der Blut-Gott allen Gemetzels. Denn wir haben Gott verlassen, nicht er uns. Dostojewskis „Großinquisitor“ hat auf die scheinbare Gnade hingewiesen, wie der moderne Mensch von Religion und Kirche in Unfreiheit und Zwang gehalten wird. Nach ihm führt Freiheit nur ins Chaos.

Mit „Matthäuspassion“ entsteht ein Triptychon zum Thema Glauben: Drei Geschichten schildern die Passion des Menschen zum Menschsein: Ingmar Bergmans Uraufführung „Abendmahlsgäste“ ist die Geschichte eines Pfarrers in einer kleinen schwedischen Provinzstadt, der nicht mehr an Gott glaubt. Er will nicht mehr helfen, als ein Lebensmüder um Hilfe bittet. Seine Kirche ist leer. „Brand“ von Henrik Ibsen ist die Geschichte eines fanatischen Gottsuchers, der alles und jeden hinter sich lässt, um die einzige und reinste Wahrheit zu erlangen: Alles oder Nichts. Seine Kirche wird nie groß genug sein können. „Matthäuspassion“ ist der letzte Teil des ersten Evangeliums im Neuen Testament und erzählt die letzten Stunden des Menschen Jesus Christus, vor fast 2000 Jahren aufgeschrieben vom Propheten und von Johann Sebastian Bach später als quälerische, dramatische Geschichte eines hingerichteten Menschen vertont.

Bei „Brand“ ruft die Stimme von „Drüben“ in das Krachen der Lawine hinein, dass Gott ein erlösender Gott sei. Dieser Aussage, die dem Faust’schen „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“ zur Seite gestellt werden kann, stellt dieser Abend gegenüber: Gibt es so etwas wie Erlösung überhaupt? Im ersten Teil ist es die moderne Gegenwart, mit ihrer Nicht-Anwesenheit von Glauben, die die Sinnfrage und die Frage nach dem Sein des Menschen aufwirft;  im zweiten ist es die archaische Welt des gebrochenen Leibes mit ihrem Versuch, kompromisslos und aus dem Nichts heraus Welt zu kreieren, der dritte Teil schließlich stellt den Versuch dar, über den Schmerz zu einer konkreten Lebenshaltung zu kommen, die sich der Frage nach der eigenen Existenz stellt. 

                                                 Uwe Bautz

Das Matthäusevangelium als größtes philosophisches Werk des Abendlandes. Das uns nichts sagt als bloß: Seid nicht. Wenn ihr aufhört, zu sein, dann seid ihr.

Und es bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist Matthäus der größte Philosoph, den es je gab, oder Jesus Christus, dem das alles in den Mund gelegt wird, ist Gottes Sohn.

Die Christen haben das, was sowieso jedem Menschen die Wahrheit ist und immer wieder sein wird, in das Wort Gott übersetzt, das muss zwar auch nicht stimmen, aber mit diesem Wort Gott ist es ihnen wenigstens gelungen, das, woran alle glauben, besser gesagt, was alle wissen, was alle in ihrem Gewissen haben, wenigstens dem Diskurs der Menschen zu entheben, oder zumindest es als nicht so leicht verfügbar erscheinen zu lassen. Indem sie Gott mumifiziert und verschanzt haben gegen unsre Logik und unsern rhetorischen Zugriff, haben sie einen Teil in uns, den wahren, verschanzt und mumifiziert gegen uns selbst, das immerhin. Es gibt in uns etwas Unantastbares, das wir dauernd anzutasten versuchen, und tatsächlich auch antasten, und das, kurz gesagt, macht uns zu falschen Wesen, weil zu selbstwidersprüchlichen, zu solchen, die immer gegen sich handeln, gegen ihr Gewissen und gegen ihre Wahrheit.
                                               Andreas Maier


Aus: Andreas Maier, Ich. Frankfurter Poetikvorlesungen,
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2006.

Der Antichrist

Es ist ein schmerzliches, ein schauerliches Schauspiel, das mir aufgegangen ist: ich zog den Vorhang weg von der Verdorbenheit des Menschen. Dies Wort, in meinem Munde, ist wenigstens gegen einen Verdacht geschützt: dass es eine moralische Anklage des Menschen enthält. Es ist – ich möchte es nochmals unterstreichen – moralinfrei gemeint: und dies bis zu dem Grade, dass jene Verdorbenheit gerade dort von mir am stärksten empfunden wird, wo man bisher am bewusstesten zur „Tugend“, zur „Göttlichkeit“ aspirirte. Ich verstehe Verdorbenheit, man erräth es bereits, im Sinne von décadence: meine Behauptung ist, dass alle Werthe, in denen jetzt die Menschheit ihre oberste Wünschbarkeit zusammenfasst, décadence – Werthe sind.
Ich nenne ein Thier, eine Gattung, ein Individuum verdorben, wenn es seine Instinkte verliert, wenn es wählt, wenn es vorzieht, was ihm nachtheilig ist. Eine Geschichte der „höheren Gefühle“, der „Ideale der Menschheit“ – und es ist möglich, dass ich sie erzählen muss – wäre beinahe auch die Erklärung dafür, weshalb der Mensch so verdorben ist.
Das Leben selbst gilt mir als Instinkt für Wachsthum, für Dauer, für Häufung von Kräften, für Macht – wo der Wille zur Macht fehlt, giebt es Niedergang. Meine Behauptung ist, dass allen obersten Werthen der Menschheit dieser Wille fehlt, – dass Niedergangs-Werthe, nihilistische Werthe unter den heiligsten Namen die Herrschaft führen.

                                         Friedrich Nietzsche

„Gespräch zwischen einem Priester und einem Sterbenden“
                                                                     
                                             Marquis de Sade

ICH HATTE EINEN TRAUM ODER EINE VISION UND HABE MIR VORGESTELLT, DASS DIESER TRAUM AUCH ANDEREN MENSCHEN WICHTIG SEIN MÜSSE. DARUM HABE ICH DAS DREHBUCH GESCHRIEBEN UND DEN FILM GEDREHT. ERST IN DEM AUGENBLICK ABER, IN DEM MEIN TRAUM AUF EUER GEFÜHL UND EURE GEDANKEN TRIFFT, BEKOMMEN MEINE SCHATTEN WIRKLICHES LEBEN.

                                           Ingmar Bergman

                                         

Geborgenheits-Gott

Man könnte so sagen: In den früheren Filmen habe ich die Frage gleichsam immer offen gelassen – ob ein Gott existiert oder nicht; […] damals war das ein Weg, mich dieser Frage scheu zu nähern und meine eigene Vergewisserung zu dokumentieren – meine eigene Vorstellung – über eine Wirklichkeit Gottes […] „Gott ist die Liebe und die Liebe ist Gott“, und der „Gottesbeweis“ ist also die Wirklichkeit der Liebe: „Die Existenz der Liebe als etwas Wirkliches in der menschlichen Welt.“

Und dann […] musste ich das ganze Problem in Licht im Winter wieder aufgreifen und dieses Gottesbild zerschlagen, das eine Form der Suche nach Sicherheit ist. Jetzt versuchte ich zu einer Gottesvorstellung zu gelangen, die umfangreicher ist und verständlicher und klarer.
[…]

Der Fischer kommt daher mit seiner Angst vor den Chinesen und ihrer latenten Kriegsdrohung, nicht wahr? Wenn dir so ein Mann gegenübersitzt, fällt es dir doch enorm schwer zu sagen: „Na, nun hab mal keine Angst vor den Chinesen, denn Gott ist die Liebe. Sei sicher, die Liebe ist in jedem Fall das Wesentliche und sie existiert ja auf Erden als etwas Wirkliches.“
[…]

Das musste ich auch in mir selber ausmerzen, sehr schmerzhaft, übrigens. Diese alte Gottesvorstellung. Mit einem väterlichen Gott. Dem Vater–Sohn-Verhältnis in gewisser Weise – ein selbst suggerierter Gott, ein Geborgenheits-Gott, nicht? Mit diesem ganzen Begriff musste ich streng abrechnen. Und im tiefsten Sinne geht es in diesem Film ja genau darum.


Gottes Schweigen.

Meine Eltern sind mit der Zeit gegangen, sie waren modern, hielten sich an das Erziehungsideal dieser Zeit, das vorschrieb, man solle seine Gefühle ausschalten, wenn man Kinder bestraft. Die eigene Betroffenheit oder Aufgeregtheit durfte
man nicht zeigen; man sollte nüchtern und sachlich sein, das sei bei Bestrafungen besser für die Kinder, dachte man.
[…]
Zu dieser Erziehungsmethode des Strafens gehörte auch das Schweigen. Die Erwachsenen sollten so lange nicht mit dem Kind sprechen, bis es Reue zeigte.
[…]     [M]an sprach nicht mit mir, wenn ich etwas angestellt hatte. Bis heute kann ich unerklärliche Wutausbrüche kriegen, wenn jemand konsequent schweigt und sich von mir abwendet – dann trete ich und geh auf denjenigen los, bis er mir Antwort gibt.

Gottes Schweigen.
Vater und Mutter schweigen.


Mit freundlicher Genehmigung aus: Das Ingmar Bergman Archiv, hrsg. Von Paul Duncan und Bengt Wanselius, TASCHENGmbH, 2008, Seite 97ff. der deutschen Übersetzung von Renate Bleibtreu
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„Ich weiß nämlich, dass wir mit Hilfe des Films in bisher nie gesehene Welten eindringen können. In Wirklichkeiten außerhalb der Wirklichkeit.“

                                           
                                             Ingmar Bergman


Ingmar Bergman wird am 14. Juli 1918 in Schweden als Sohn eines evangelischen Pastors geboren. Mit 19 verlässt er das Elternhaus und studiert Literaturgeschichte. Bald darauf gewinnt er als junger Theaterregisseur Aufmerksamkeit. Er beeinflusste eine ganze Generation von Regisseuren, gewann mehrere Oscars. Als die berühmtesten Filmregisseure der Welt beim 50. Filmfestival in Cannes den „größten Filmregisseur aller Zeiten“ wählen sollten, waren sie sich schnell einig: Ingmar Bergman wurde von so illustren Kollegen wie Scorsese, Allen, Altman, Coppola, Kurosawa und Wenders auf den Schild gehoben und erhielt die „Palme der Palmen“.

Ingmar Bergman starb am 30. Juli letzten Jahres im Alter von 89 Jahren, in seinem Haus auf der Ostseeinsel Fårö.