Aus, aus du kurzes Licht! Das Leben ist ein flüchtiger Schatten; ein armer Schauspieler, der seine Stunde auf der Bühne prahlt und tobt, und wird danach nicht mehr gehört; ein Märchen ist’s, erzählt von einem Irren, voll Lärm und Raserei, und nichts bedeutend.

                                               
                                                 Aus dem Stück

Ein Verzweifelnder verzweifelt über etwas. So sieht es einen Augenblick aus, aber das ist nur ein Augenblick; im selben Augenblick zeigt sich die wahre Verzweiflung oder die Verzweiflung in ihrer Wahrheit. Indem er über etwas  verzweifelte, verzweifelte er eigentlich über sich selbst und will nun sich selbst loswerden. Wenn so der Sehnsüchtige, dessen Losung ist „entweder Caesar oder nichts“, nicht Caesar wird, dann verzweifelt er darüber. Aber dies bedeutet: dass er, eben weil er nicht Caesar wurde, es jetzt nicht aushalten kann, er selbst zu sein. Was ihm das Unerträgliche ist, ist im tiefsten Sinne nicht dies, dass er nicht Caesar wurde, sondern dieses Selbst, das nicht Caesar wurde, ist ihm das Untragbare, oder noch richtiger: es ist ihm unerträglich, dass er sich selbst nicht loswerden kann. Wenn er Caesar geworden wäre, dann wäre er verzweifelt sich selber losgeworden; aber nun wurde er nicht Caesar und kann verzweifelt sich nicht loswerden. Wesentlich ist er ebenso verzweifelt, denn er hat nicht sein Selbst, er hat nicht sich selbst. Ein Selbst zu haben, ein Selbst zu sein, ist das Größte, das unendliche Zugeständnis, das einem Menschen gemacht wurde, zugleich aber die Forderung der Ewigkeit an ihn.

                                         
                                             Søren Kierkegaard

Unsere Zivilisation ist eine Zivilisation der Ausgrenzung, und sie zielt auf das Vergessen machen der Ausgegrenzten. Nach Auschwitz hat das Gute geführt, nicht das Böse. Das Gute will selektieren, also Minderheiten produzieren. Die sind dann böse und müssen ausgerottet werden. Das Gute produziert eine Struktur, die auf Ausgrenzung und Selektion basiert, daraus entsteht das massenhafte, das institutionell Böse.


                                               Heiner Müller