Ich bin wirklich Old Shatterhand resp. Ben Nemsi und habe erlebt, was ich erzähle. Daß ich dabei, wie der Maler, die Feder in die Farbe tauche, versteht sich von selbst, daß ich es gar nicht zu erwähnen brauche. Wer da behauptet, daß ich nicht aus Erfahrung, sondern aus der Phantasie schöpfe, der mag, und sei er der begabteste Mensch, sich doch einmal hinsetzen und den Versuch machen, auch nur einen einzigen „May-Band“ einfach zu erdichten.
Daß ich zu meiner Genugthuung grad aus den Ländern, über welche ich schreibe, eine Menge schriftliche und mündliche Bestätigung erhalte, will ich nur erwähnen; behaupten aber muss ich, und mit mir jeder vernünftige Mann, daß die Meinung, ich schreibe nichts als Erdichtetes, nur in einem jungen, also unreifen Gehirn entstehen kann. Der gereifte Denker weiß, daß solche Erzählungen, zu denen eine solche Summe von Kenntnissen und Erfahrungen gehört, nicht aus den Rippen zu saugen sind, und wenn die höchsten Geburts- und Geistesaristokraten mir schriftlich und persönlich ihre Anerkennung zollen, so ist es eigentlich lächerlich, daß ich einigen Flachköpfen wegen diesen Brief schreibe. Diese jungen Herrn mögen hierher kommen und meine Reisetrophäen sehen, dann werden sie schweigen! Oder sie mögen die Narben sehen, welche meinen Körper bedecken! Doch wozu Worte machen? Was hilft der Kuh Muskate!
Karl May an einen Leser, 15. April 1898
Ave Maria
Es will das Licht des Glaubens scheiden;
es bricht des Zweifels Nacht herein.
Das Gottvertrau'n der Jugendzeiten,
es soll mir abgestohlen sein.
Erhalt', Madonna, mir im Alter
der Kindheit frohe Zuversicht;
Schütz' meine Harfe, meinen Psalter;
du bist mein Heil, du bist mein Licht!
Ave Maria!
Karl May
Berauschung des Traums ist Karl May wie alle Kolportage, Berauschung gewiß aus Blut, doch ebenso aus Ferne: womit der doppelsinnige Fluß auch hier erscheint, der dialektische Fluß, der auch durch den See der Kolportage fließt. Nicht um ihn zu predigen, durchstieß Karl May den heimischen Muff seiner Zeit; und zweischneidig wie ein malaiischer Kris ist die unterdes wieder so verbreitete, ertüchtigte, „arisch“ ausgewertete Heldenlektüre. Ist auch Old Shatterhand nicht das „Menschheits-Ich“, wozu ihn Karl May zuletzt erhöht hatte, so ist er erst recht nicht die Autarkie und Winnetou, sein roter Bruder, nicht der Rassenhaß. Nur widerwillig kann Kolportage nach Hause abgebogen werden, um aus dem Ferntraum, der sie ist, zu Deutschland zu erwachen, nämlich zu einem Deutschland der Stockigkeit unter sich. Der Rappe Rih ist kein Militärpferd, sondern ein Geschenk des arabischen Scheiks Mohammed Emin, und er reitet ins Morgenland, nicht nach Sachsen.
Ernst Bloch: Die Silberbüchse Winnetous
Die demographische Entwicklung der nächsten Jahrzehnte wird an manchen Orten kaum noch eigene Entwicklungsdynamik zulassen. Hier den Erosionsprozeß künstlich aufzuhalten, wäre Mittelverschwendung. Die Regierung sollte daher zum einen entschieden das Überleben unterstützen. Zum anderen sollte der Staat in Landstrichen, in denen sich die Lage kontinuierlich verschlechtert, den Rückzug bis hin zur Streichung von Versorgungs- und Gewährleistungsstandards unterstützen – also eine Entleerung geradezu fördern. Um Aufwendungen für die verbleibenden Schwundstandorte so gering wie möglich zu halten, muß das Land versuchen, die Menschen dort, wo kein anderer Impuls möglich ist, zum Abwandern zu motivieren. Dies könnten etwa Prämien für das Verlassen einer sich entleerenden Region sein. Solche Maßnahmen werden jedoch wenig populär sein und möglicherweise sogar Widerstand in der Bevölkerung hervorrufen. Die Regierung muß also vermitteln, daß eine teilweise Entsiedelung auch ohne ihr Eingreifen unausweichlich ist – dann aber wesentlich teurer würde, sich schlechter beherrschen ließe und zu Lasten der Potentialförderung anderer Gegenden ginge. Der staatliche Rückzug aus manchen Regionen könnte umgekehrt für das Ausschöpfen neuer Potentiale genutzt werden: So wäre denkbar, eine Landschaft zu einem Naturerlebnis ,Wildnis‘ umzuwidmen, das Besucherströme anziehen und somit gerade durch Aufgabe staatlicher Leistungen neue Geldzuflüsse erschließen könnte.
www.berlin-institut.org, 23.12.2007
Unter allen meinen Personificationen ist mir Winnetou die liebste.
Karl May
Wunsch, Indianer zu werden
Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glattgemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf
Franz Kafka
Aber was war denn eigentlich das, was ich geben wollte? Das war vielerlei und nichts Alltägliches. Ich wollte Menschheitsfragen beantworten und Menschheitsrätsel lösen. Man lache mich aus; aber ich habe es gewollt; ich habe es versucht und werde es weiter versuchen. Ob ich es erreiche, kann weder ich noch ein anderer wissen. Es mag bei der Ausführung dann wohl mancher Fehler untergelaufen sein, denn ich bin ein irrender Mensch; mein Wollen aber ist gut und rein gewesen. Ich wollte ferner meine psychologischen Erfahrungen zur Veröffentlichung bringen. Ein junger Lehrer der bestraft worden ist, seine psychologischen Erfahrungen? Ist das nicht noch lächerlicher als das Vorhergehende? Mag man es dafür halten; ich aber habe an hundert und wieder hundert unglücklichen Menschen gesehen, daß sie nur darum in das Unglück geraten waren und nur darum darin stecken blieben, weil ihre Seelen, diese kostbaren Wesen der ganzen irdischen Schöpfung, vollständig vernachlässigt waren.
Für den Geist werden Millionen Bücher geschrieben, wie viele für die Seele? Dem Menschengeiste werden tausend und abertausend Denkmäler gesetzt; wo stehen die, welche bestimmt sind, die Menschenseele zu verherrlichen? Wohlan, sage ich mir, so will ich es sein, der für die Seele schreibt, ganz nur für sie allein, mag man darüber lächeln oder nicht!
Karl May: Mein Leben und Streben
Der Wilde Westen Ostdeutschlands
Sommer 2007, in der Nähe von Cottbus. Schon von Ferne hören wir dumpfes Trommeln, Stampfen und rhythmische Gesänge. Dann, am Rande des Dorfes, entdecken wir auf einer Wiese rund 300 Tipis, in der Mitte ist der Festplatz. Barbusige Frauen sitzen in offenen Zelten um eine Kochstelle herum. Kinder spielen, zwei Mädchen in indianischen Kostümen reiten vorbei. Am Waldrand proben etwa 50 Leute einen Tanz. Sie tragen aufwendig gefertigte Gewänder, Mokassins und Federn im Haar. Im äußersten Zeltkreis haben Händler ihre Stände aufgeschlagen, sie verkaufen Felle, mit überlieferten Techniken gefärbte Tücher, Bücher und Schmuck. Bratwürstchen gibt es keine, wir sind schließlich auf der Indian Week.
Auf der Week treffen sich seit 1973 jährlich die ostdeutschen Indianerfreunde oder genauer: die Indianisten. Auch in diesem Jahr wollen wieder über 700 Menschen eine Woche lang leben und feiern wie die Ureinwohner Nordamerikas vor 150 Jahren. Wir tragen keine „Klamotte“, wie die indianischen Trachten in der Szene heißen, sondern Jeans und T-Shirts. „Nu, Zivilisten“, ruft man uns zur Begrüßung zu, „ihr seid wohl neu im Hobby?“
Wie beinahe überall auf der Welt steht – und stand – der „Wilde Westen“ auch in Ostdeutschland für Freiheit, Weite und Abenteuer. Hier hat die Indianerbegeisterung wie in ganz Deutschland eine lange Tradition. Seit den großen Auswanderungswellen waren die Prärie- und Waldgebiete Nordamerikas ein Raum, in den Träume von einem besseren Leben projiziert wurden. Ende des 19. Jahrhunderts kamen dann die ersten Kundschafter aus der Neuen Welt nach Europa. Buffalo Bill beeindruckte Tausende mit seinen Wildwest-Shows, später reiste der Zirkus Sarrasani mit Aufführungen von „echten“ Indianern durchs Kaiserreich. Millionen lasen die Romane von Karl May, und bald entstanden die ersten Vereine, die sich mit dem Leben der Cowboys und Indianer beschäftigten.
Diese Faszination wurde durch den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg nicht gebrochen. Doch was im Westen ein Hobby unter vielen war, hatte im Osten eine ganz andere Dimension, schließlich bedeutete „Wilder Westen“ im Realsozialismus vor allem eins: Amerika. Dort herrschte der „imperialistische Klassenfeind“, und so gerieten die Cowboys und Indianer der DDR in das spannungsgeladene Feld der politischen Symbolik.
Gegen alle politischen Widerstände entwickelte sich in Ostdeutschland ab den frühen fünfziger Jahren eine Szene begeisterter Indianer und Cowboys. Zumindest die „Indianisten“ erhielten nach dem Bau der Berliner Mauer eine offizielle Legitimation und eine Funktion beim Aufbau des Sozialismus: Sie repräsentierten die Opfer des US-Imperialismus und trugen so zur sozialistischen Bildungsarbeit bei. In dieser Zeit begann die DEFA, ideologisch korrekte „Indianerfilme“ zu produzieren, und die Indianerbegeisterung entwickelte sich zu einem Massenphänomen. Viele tausend DDR-Bürger widmeten sich in ihrer Freizeit dem neuen sozialistischen Hobby. Als in der BRD in den siebziger Jahren die Umwelt- und Friedensbewegung entstand, bot die Indianerszene Aussteigern einen kulturellen Freiraum im Sozialismus. Neben den Indianern gab es in der DDR immer auch Cowboys, die ihr Hobby aber lange im verborgenen pflegen mussten, bis sie als Repräsentanten des amerikanischen Landproletariats eine eigenständige Legitimation fanden.
Cowboy-und-Indianer-Spielen war in der DDR also viel mehr als eine extravagante Freizeitbeschäftigung. In diesem Milieu spiegelten sich die kulturellen und politischen Besonderheiten des SED-Staats: Die Wildwest-Fans wurden von der Stasi überwacht und unterwandert, sie waren staatlichen Repressionen ausgesetzt, wurden jedoch auch gefördert und politisch instrumentalisiert. Der „Wilde Westen“ in Ostdeutschland zeugt von der Zerrissenheit zwischen Widerständigkeit gegen die Diktatur, Anpassung an das System und Begeisterung für den Sozialismus.
Die Geschichte der Indianisten im Osten Deutschlands endet nicht mit dem Untergang des real existierenden Sozialismus. Nach der Wende konnten sich viele Hobbyindianer ihren großen Traum erfüllen: eine Reise nach Nordamerika. Leider entpuppte sich dieses verheißene Land für viele als große Enttäuschung – genau wie die Versprechen der Marktwirtschaft in der Heimat. In den Worten der ostdeutschen Countrysängerin Gudrun Lange: „Die große Freiheit ist nicht das Glück für alle.“ Aus dem „roten Reservat“ wurde ein Eldorado für Kapitalisten. Aber die Steppen begannen nicht zu blühen, und so zogen die Trecks der Arbeitsuchenden gen Westen. Die daheim gebliebenen Indianisten und Westernfreunde versuchen, das Hobby zum Beruf zu machen: Überall in Ostdeutschland entstehen Steakhäuser, Saloons und Westernparks, auf Industriebrachen weiden Bisonherden. Die meisten dieser privaten Initiativen scheitern, in der Szene herrscht heute die große Depression. Viele ehemalige Indianer und Cowboys widmen sich einer neuen Facette des Hobbys, dem reenactment. Unter der Rebel Flag der Konföderierten stellen sie die großen Schlachten des Amerikanischen Bürgerkriegs nach.
Friedrich von Borries und Jens-Uwe Fischer: Sozialistische Cowboys, www.sozialistische-cowboys.de

