Jedermann
Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes

Die deutschen Hausmärchen, pflegt man zu sagen, haben keinen Verfasser. Sie wurden von Mund zu Mund weitergetragen, bis am Ende langer Zeiten, als Gefahr war, sie könnten vergessen werden oder durch Abänderungen und Zutaten ihr wahres Gesicht verlieren, zwei Männer sie endgültig aufschrieben. Als ein solches Märchen mag man auch die Geschichte von Jedermanns Ladung vor Gottes Richterstuhl ansehen. Man hat sie das Mittelalter hindurch an vielen Orten in vielen Fassungen erzählt; dann erzählte sie ein Engländer des fünfzehnten Jahrhunderts in der Weise, daß er die einzelnen Gestalten lebendig auf eine Bühne treten ließ, jeder die ihr gemäßen Reden in den Mund legte und so die ganze Erzählung unter die Gestalten aufteilte. Diesem folgte ein Niederländer, dann gelehrte Deutsche, die sich der lateinischen oder der griechischen Sprache zu dem gleichen Werk bedienten. Ihrer einem schrieb Hans Sachs seine Komödie vom sterbenden reichen Mann nach. Alle diese Aufschreibungen stehen nicht in jenem Besitz, den man als den lebendigen des deutschen Volkes bezeichnen kann, sondern sie treiben im toten Wasser des gelehrten Besitzstandes. Darum wurde hier versucht, dieses allen Zeiten gehörige und allgemeingültige Märchen abermals in Bescheidenheit aufzuzeichnen. Vielleicht geschieht es zum letztenmal, vielleicht muß es später durch den Zugehörigen einer künftigen Zeit noch einmal geschehen.

Hugo von Hofmannsthal/Widmung

Gott als Ursache melancholischer Erkrankung

Es ist fruchtlos, von Behandlungsmöglichkeiten zu reden und über Heilmittel nachzudenken, bevor man nicht die Gründe der Erkrankung durchleuchtet hat, bedeutet Galen dem Glauco, und die Erfahrung beweist, daß jene Heilverfahren mangelhaft, unzulänglich und nicht zweckdienlich sind, denen keine Ursachenforschung vorangeht. Das unterstreicht auch Prosper Calenius in seinem Traktat über die schwarze Galle gegenüber Kardinal Cäsius und in Übereinstimmung mit Fernelius, der das Wissen um die Ursachen überhaupt für eine unabdingbare Voraussetzung jeder vorbeugenden Behandlung und aller therapeutischen Maßnahmen hält. Kurpfuscherei kann vielleicht manchmal Linderung oder kurzfristige Besserung bewirken, aber sie bekommt die Krankheiten nie an der Wurzel zu fassen, und nur wenn die Ursache beseitigt wird, sind auch die Folgen auszuräumen. Den eigentlichen Auslöser in der Vielzahl von Möglichkeiten ausfindig zu machen, ist in unserem Fall zugestandenermaßen schwierig, und der darf sich glücklich schätzen, der diese Fähigkeit besitzt. Ich will mich nun nach besten Kräften bemühen, den Ursachen der Melancholie so nahe wie möglich zu kommen, will sie von der ersten bis zur letzten, von der allgemeinsten bis zur individuellsten gleichsam aufschlitzen, so daß ihr Innenleben um so deutlicher sichtbar wird.

Allgemeine Ursachen sind entweder übernatürlich oder natürlich. Die übernatürlichen kommen von Gott und seinen Engeln oder – mit göttlicher Erlaubnis – vom Teufel und dessen Gehilfen. Daß Gott selbst Schwermut senden kann, um Sünden zu bestrafen und seine Gerechtigkeit walten zu lassen, bezeugen viele Beispiele der Heiligen Schrift, denn die Narren waren geplagt um ihrer Übertretung willen und um ihrer Sünden willen (107. Psalm 17). Gehasi wurde mit Aussatz geschlagen, Joram mit Ruhr und Darmleiden, Davids Volkszählung hatte die Pest im Gefolge, und Sodom und Gomorrha vertilgte Gott vom Erdboden. Schwermut wird explizit erwähnt etwa im 5. Buch Mose, Kapitel 28: Der Herr wird dich schlagen mit Wahnsinn, Blindheit und Rasen des Herzens, oder I. Samuel 16, Vers 14: Der Geist aber des Herrn wich von Saul, und ein böser Geist vom Herrn machte ihn sehr unruhig. Nebukadnezar fraß Gras wie die Ochsen, und sein Herz ward gleich den Tieren. Viele Geschichten der Heiden berichten von ähnlichen Strafen. Lykurgos wurde von Bacchus mit Wahnsinn geschlagen, weil er die Weinstöcke in seinem Land umhauen ließ, Pentheus und seine Mutter Agave ereilte dasselbe Schicksal, weil sie ihr Opfer vernachlässigten. Censor Fulvius verlor den Verstand, weil er einen Juno-Tempel zugunsten eines Neubaus abdecken ließ, den er der Fortuna geweiht hatte, und er starb an Kummer und Herzeleid. Als Xerxes den Apollo Tempel zu Delphi plündern und ihm seine unermeßlichen Schätze rauben wollte, kam ein fürchterliches Donnergrollen vom Himmel, tötete 4000 Männer und ließ die übrigen irrsinnig werden. Wenig später ereilte Brennus bei einer gotteslästerlichen Tat das gleiche Schicksal, wobei es blitzte, donnerte und die Erde bebte. Wenn wir den kirchlichen Chronisten glauben dürfen, verhängten auch die Heiligen viele seltsame und wunderbare Strafen dieser Art. Chlodwig, der ehemalige französische König, und sein Sohn Dagobert kamen um ihren Verstand, weil sie den Körper des heiligen Dionysius entblößten, und ein gotteslästerlicher Franzose, der in Birgburg ein silbernes Abbild des heiligen Johannes stehlen wollte, wurde plötzlich rasend und toll bis zur Selbstzerfleischung.

Als ein adeliger Herr aus Radnor, der erst spät in der Nacht von der Jagd zurückgekehrt war und seine Hunde in der Kirche von St. Avan’s untergebracht hatte, sich nach Jägerart früh am nächsten Morgen erhob, mußte er feststellen, daß alle seine Hunde verrückt und er plötzlich blind geworden war. Der armenische König Tiridates wurde gleichermaßen mit Wahnsinn geschlagen, weil er einigen Nonnen Gewalt angetan hatte. Aber Poeten und Papisten können einander beim Fabulieren das Wasser reichen, und um ihre Kreditwürdigkeit ist es nicht zum besten bestellt. Trotzdem und ungeachtet der Möglichkeit, daß sie ihre Nemesis Geschichten und Heiligenlegenden vielleicht nur erfunden haben oder teuflischem Trug aufgesessen sind, steht fest, daß der Herr, wie David sagt, der Gott bleibt, des die Rache ist, und daß unsere zum Himmel schreienden Verfehlungen die Melancholie und viele andere Krankheiten auf unser Haupt herabbeschwören. Durch seine Gesandten, die Engel, schlägt und heilt Gott, wen er will, und er kann uns mit seinen Geschöpfen, mit Sonne, Mond und Sternen plagen, die er allesamt so als Werkzeuge zu benutzen weiß wie ein Landmann sein Beil. Hagel, Schnee und Stürme sind wie zu Josuas Zeiten und während der Herrschaft des Pharao in Ägypten immer noch Vollstrecker seiner Gerechtigkeit. Die stolzesten Geister müssen sich vor ihm beugen und rufen mit Julian dem Abtrünnigen aus: Du hast gesiegt, Galiläer! oder mit jenem Apollo Priester bei Chrysostomos: O Himmel, o Erde! Welch ein Widersacher ist das? Sie erkennen die Macht des Höchsten und beten mit David: Ich bin sehr zerstoßen. Ich heule vor Unruhe meines Herzens (38. Psalm 9). Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm (38. Psalm 2). Laß mich hören Freude und Wonne, daß die Gebeine fröhlich werden, die du zerschlagen hast (51. Psalm 10). Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist (51. Psalm 12). Vielleicht legte Hippokrates deshalb solchen Wert darauf, daß ein Arzt sich Klarheit verschaffe, ob eine Krankheit übernatürliche und göttliche Ursachen habe oder ganz dem Lauf der Natur folge. Diese Problematik wird im übrigen bei Valesius, Fernelius und Caesar Claudinus weiterverfolgt, auf die ich den Leser bei der Frage, wie diese Hippokratesstelle zu verstehen sei, verweise. Paracelsus war der Meinung, daß spirituelle Erkrankungen, wie er sie nannte, auch nur spiritualiter geheilt werden könnten. Die üblichen medizinischen Mittel führen in solchen Fällen nicht zum Erfolg, denn mit Gott darf kein Sterblicher kämpfen. Als Herkules, der Bezwinger der Ungeheuer, bei den Olympischen Spielen alle besiegte, rang schließlich Jupiter selbst in fremder Gestalt mit ihm; der Kampf ging lange unentschieden, bis sich Jupiter endlich zu erkennen gab und Herkules seine Niederlage eingestand. Mit göttlichen Mächten nämlich mißt man sich nicht:

Und was braucht’s zu verheißen dem Craterus goldene Berge? (Persius)

Ärzte und Arzneien sind in solchen Fällen ohnmächtig; vielmehr haben wir uns der starken Hand Gottes zu unterwerfen, unsere Sünden zu bekennen und ihn um Gnade anzuflehen. Wenn er uns schlägt, ergeht es uns wie denen, die mit dem Speer des Achilles verwundet wurden – nur der Verursacher kann helfen. Andernfalls bleiben die Krankheiten unheilbar, und unsere Not hat kein Ende. [...]

Robert Burton: Anatomie der Melancholie. Zürich und München 1988

Interviewer:
Sie haben einmal gesagt, Schauspieler sei ein komischer Beruf für Erwachsene. War das eine Koketterie oder ist das etwas, das man ernst meint?

Oskar Werner:
Das hab ich im Live-Magazin gesagt und da habe ich gesagt: „Acting is a phoney profession for a grown up man, if there is no spirit of manifestation behind it.“ Und wenn man den letzten Satz natürlich weglässt, dann sieht man den ganzen Satz nicht. Also, dass die Schauspielerei eine verlogene Profession ist für einen erwachsenen Mann, wenn keine geistige Manifestation dahinter steckt ... und um das geht es ja hauptsächlich. Und das ist das, was ich genau so vermisse, und deswegen: Nach Camus kann man nur entweder ‚l’homme revolté‘ sein oder in Resignation, aber ich bin in der Revolte, weil ich mich auflehne. Ich bin altmodisch, ich bin ein Mann mit einer alten Seele. Ich bin zum Theater gegangen, um die großen Meisterwerke zu spielen, die ich spielen durfte, und manchmal erinnert man sich sogar noch daran – von ‚Hamlet‘ bis ‚Don Carlos‘, von ‚Tasso‘ bis ‚Kabale und Liebe‘ und so weiter. Ich bin nicht nur im Monat Luthers geboren, ich bin auch ein echter Protestant. Ich protestiere gegen den heutigen Zeitgeist. Weil, wenn ein Kind mit einem brennenden Streichholz zum Benzinfass geht, kann man es nicht verantwortlich machen. Aber wenn man sich ein Leben lang bemüht hat, für den Adel des Geistes und für die Qualität des Gefühls einzutreten, dann kann man also bei diesen Schändungen, die heute an den großen klassischen Meisterwerken gemacht werden, da kann man nicht mitmachen. Da ist man der billigste Kollaborateur, und ich finde eben, dass man gerade der heutigen Jugend eine besondere Verantwortung … die ja sehr verzweifelt und führerlos ist, die heutige Jugend – deswegen randaliert sie so. Nur glaube ich ja nicht, dass man mit dem Fenstereinhauen auf der Bahnhofsstraße das retten kann, sondern genau mit dem Gegenteil. Protestieren sollen sie, aber in einer würdigen Form und nicht in einer unwürdigen. Und da ja Schiller, und ich bin ein leidenschaftlicher Schillereaner, gesagt hat, dass „Kunst eine Tochter der Freiheit“ ist, dann stimmt das. Aber er hat auch dem Künstler noch etwas aufgetragen: „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie, sie sinkt mit euch und mit euch wird sie sich heben.“ So unwürdig, wie sich heute das Theater, der Film und auch das Fernsehen gebärdet, das war noch nie in den 43 Jahren, in denen ich beim Handwerk bin, ein solcher Tiefgang. 

Oskar Werners letztes Interview, 1984