1989
sollte die Wende bringen
(auf den Demonstrationen durfte bereits getanzt werden)
von Unland-Deuthen feiert ein Fest
den Übergang in eine neue Ära
die Revolution des Menschen
sie endet im Blutbad
(unsterbliche Opfer)

2009
eine Rekonstruktion des Balls
Gastgeber, Gäste, Musik
derselbe Gastgeber, dieselben Gäste, dieselbe Musik Wiederholung und Erinnerung
Wiederholung und Erinnerung
„Wiederholung und Erinnerung sind die gleiche Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung; denn dasjenige, woran man sich erinnert, ist gewesen, wird rückwärts wiederholt, während die eigentliche Wiederholung eine Erinnerung in vorwärtiger Richtung ist. Deshalb macht die Wiederholung, wenn sie möglich ist, einen Menschen glücklich, während die Erinnerung ihn unglücklich macht …“

Zitat aus: Søren Kierkegaard: Die Wiederholung

Bevor ich schlafe, betrachte ich meinen Toten
– mit abgeblendeter Lampe –
Und bis an den Grund meiner Pupillen
lange, lange ihnen zugeneigt

Nun bin ich eingetaucht ins Rauschen meines Blutes
ich hör meines Körpers wahre Sprache
ich spür das Zittern der Welt
und wenn die Nacht sich neigt, ganz sanft
bin ich ein mit Sternen gefüllter Leib
Das Dunkel und die Musik und die Helle der Lampen
stürzen auf mich ein, ich bin purpurrot vor Blut
Ein unbekanntes Fluidum erfasst mein tiefstes Wesen
so ist die Partitur immer neu und intakt

Aus: Odile Caradec: En belle terre noire / In schöner schwarzer Erde. (Übersetzung: Rüdiger Fischer) © Verlag im Wald Rimbach 2008

Unter allen Beweisen für unser Fortleben ist der festeste, daß der Schöpfer uns mit Tugenden, Wünschen, Träumen für eine ganz andere als diese Erde ausgemalt und wohl geschmückt hat und daß gerade die vollkommensten Menschen alle ihre Wurzeln aus diesem Kotboden ziehen und in einen reineren schlagen.

Jean Paul

Und ich gehöre zu jenen, die die Netze einholen, wenn die Unsterblichkeit heranzieht in Schwärmen. Lebt im Haus, und das Haus wird nicht einstürzen. Ich werde euch jedes beliebige Jahrhundert herbeirufen, werde hineingehen und in ihm ein Haus bauen. Darum sind eure Kinder bei mir und eure Frauen an einem Tisch. Und es ist ein Tisch für Urgroßvater und Enkel. Die Zukunft geschieht jetzt.

Aus: Andrej Tarkowski: Der Spiegel

Die Gruppe gibt vor, Orientierung, Sinn und Geborgenheit zu bieten.
Schon der erste Kontakt eröffnet eine völlig neue Weltsicht; das Weltbild der Gruppe ist verblüffend einfach und scheint jedes Problem zu klären.
Die Gruppe hat einen Meister – Führer – Vater – Guru – Messias – Prophet – Vordenker, der allein im Besitz der ganzen Wahrheit ist, oft wie ein Gott verehrt wird, absoluten und bedenkenlosen Gehorsam verlangt und eine sehr autoritäre Führung praktiziert.
Alle außer der Gruppe haben versagt (einschließlich Kirche, Gesellschaft, Staat, Schule, Wissenschaft).
Die Gruppe sieht sich als Elite, die „wahre“ Familie; die übrige Welt wird als „draußen“ bezeichnet. Der einzelne Anhänger hat ein starkes Überlegenheits- und Auserwählungsgefühl.
Kritik und Ablehnung durch „Außenstehende“ ist gerade der Beweis, dass die Gruppe recht hat. Der Einzelne wird angehalten, sich nicht zu sehr bzw. überhaupt nicht mit Kritik oder Kritikern zu beschäftigen.
Es ist ein privater Heilsweg; es geht darum, wie ich mich entwickle, die wahre Freiheit erlange …
Die Gruppe kontrolliert sich untereinander.
Sattelfeste Sektenwerber äußern sich oft vorsichtig, ungenau, irreführend oder unehrlich über die Glaubensinhalte, Ziele, Ansprüche und Aktivitäten, bis der Angeworbene „am Haken“ ist. Sie strahlen allerdings eine große Überzeugung und Sicherheit aus und beeindrucken mitunter durch ihr Engagement und ihren betont einfachen Lebensstil.
Zweifelt man, stellt sich der versprochene Erfolg nicht ein oder wird man nicht „geheilt“, so ist man selber schuld, weil man sich nicht genug einsetzt bzw. weil man nicht genug glaubt/betet/meditiert.
Viele Sekten haben einen starken Finanz- und Wirtschaftssektor mit entsprechendem Besitz an Fabriken, Diskotheken, Handelsketten. Die einfachen Mitglieder sind vielfach damit beschäftigt, Geld zu besorgen  … Von den meisten Sektengründern ist dagegen bekannt, dass sie einen sehr exklusiven Lebensstil pflegen.
Aktive Sektenmitglieder können schnell Anzeichen von Stress, Angst, Schuldgefühlen und Gesprächsunfähigkeit aufweisen.

Aus: Checkliste zur Beurteilung unbekannter Gruppen. Ist das eine Sekte? © www.sekten-sachsen.de

Wir wissen freilich, dass sich die Stabilisierung von Höchst-unwahrscheinlichkeiten im allgemeinen nur über die Aufrichtung von Leitbildern vollziehen kann … Mit diesen Figuren sind die Rollen und Räume hochkulturell stabilisierter Unwahrscheinlichkeit klar genug umrissen. Sind sie erst einmal etabliert, müssen die Modi erklärt werden, nach denen sich in jedem einzelnen Bereich die Übersetzung des Unwahrscheinlichen und Unwiederholbaren ins Wahrscheinliche und Wiederholbare … geschehen kann. Gewiß ist hier zunächst nur eins: Was man in späteren Zeiten Schule nennt, ist anfangs weniger ein pädagogisches als ein thaumaturgisches Phänomen. Zuerst das Wunder, dann die Erziehung … Die Einführung ins Unwahrscheinliche hat fürs erste jedenfalls nichts mit Kinderführung zu tun, sie wendet sich an Erwachsene, die auf halbem Lebensweg begreifen, daß das gewöhnliche Menschsein nicht mehr genügt. Am Anfang war nicht die Erziehung, sondern die Verführung durch das Erstaunliche. Von der Schule des Wunders allein gehen die Wirkungen aus, die Menschen zur Sezession bewegen.

Aus: Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern. © Suhrkamp Verlag 2009

Ich weiß schon: wir haben keinen Trotzki unter uns. Aber Umwälzungen haben immer so angefangen, mit zunächst unbeachteten Konventikelunterhaltungen*, und alles, was später eine Partei wurde, war zuvor eine Sekte. Wir säen Keime. Einer wird schon aufgehen.

Kurt Tucholsky
* Der Ausdruck Konventikel (lat.: conventiculum, Diminutiv von conventus = „kleine Zusammenkunft“) bezeichnet allgemein eine im Wesentlichen private religiöse Zusammenkunft in einem Wohnhaus außerhalb eines Gotteshauses.