Erst hatten wir kein
Glück und dann kam
auch noch Pech dazu.

Jerry Lee hatte sein Zimmer im Rancho Sierra Motel an der Fourth Street. Am schicken Ende der Fourth, da wo das Gold Dust West Casino war und das Gold n’ Silver Inn. Drinnen sah es aus wie in jedem anderen Motelzimmer auch, aber sein Bett war gemacht und sein Zimmer war sauber. Seine Hemden hingen im Schrank und seine übrigen Klamotten lagen zusammengelegt in der Kommode. So hielt er es mit seinen Sachen, alles immer sauber und ordentlich weggepackt. An den Wänden hingen Skizzen, die er gemacht hatte. Die meisten in Bleistift und Kohle. Eine Wand war voller Motelschilder, ganz klein, so groß wie ein Blatt Papier. Das Mizpah, das Morris, das Chalet, das 777, Heart of Reno, der Sandmann, das Ox-Bow, das Americana, das Ho Hum, das Riverhouse, das El Cortez, das Shamrock Inn, das Star of Reno, das Grand, das Rancho, das Austin Arms, das Keno Motel, das El Ray, das Town View, das Windsor, das Olympic, das Ace, das Cabana, das Reno Royal, das City Center, das In-Town, das Stardust, das Sage, das Fireside, das Roulette, das White Court, das Thunderbird, das Monte Carlo, das Sutro, das Lucky, das Desert Sunset, HI-WAY 40, Everybody’s Inn Motel, das Mid-Town, das 7/11, das Down Towner, Das Reno Riviera, Das Heart O’Town, das Golden West, das Uptown, das Savory, das Flamingo, das Coach, das Shamrock, das Aspen, das Gold Key, die Wonder Lodge, das Time Zone, das Horse Shoe, das Mardi Gras, das Capri, das Castaway und das Fireside Inn. Die meisten sind höchstens eine Meile von der Innenstadt weg und nicht einmal mehr richtige Motels. Früher waren sie neu und voller Feriengäste und Flitterwöchner aus dem ganzen Land, und heute können sie sich kaum noch mit Dauergästen über Wasser halten. Und auch die Leute, die dort wohnen, rutschen ab. Verfallen genau wie die Gebäude. Über dem Bett hingen Skizzen von Frauen, meistens nackt, ein paar sahen aus wie Showgirls, andere waren tätowiert, ein paar saßen auf einem Motorrad, eins hing an einem Fallschirm. Mein Lieblingsbild war das riesige mit nackten Mädchen, die Baseball spielen. An der Wand über dem Fernseher hingen Zeichnungen von Cowboys und Indianern. Auf ein paar Bildern kämpften sie, und alles war voller Blut und Gedärmen, auf anderen saßen sie alle am Feuer.

Willy Vlautin, Motel Life

Girl, you’ll be a woman soon

I love you so much, can’t count all the ways
I’d die for you girl, and all they can say is
„He’s not your kind“
They never get tired of puttin’ me down
And I never know when I come around
What I’m gonna find
Don’t let them make up your mind
Don’t you know

Girl, you’ll be a woman soon
Please come take my hand
Girl, you’ll be a woman soon
Soon you’ll need a man

I’ve been misunderstood for all of my life
But what they’re sayin’, girl, just cuts like a knife
„The boy’s no good“
Well, I finally found what I’ve been looking for
But if they get the chance, they’ll end it for sure
Sure they would
Baby, I’ve done all I could
Now it’s up to you

Girl, you’ll be a woman soon
Please come take my hand
Girl, you’ll be a woman soon
Soon you’ll need a man

Girl, you’ll be a woman soon
Please come take my hand
Girl, you’ll be a woman soon
Soon, but soon you’ll need a man

Urge Overkill

Das Verbrechen kann seinen Zusammenhang mit der notwendigen Freiheit nicht von sich abstreifen, da es nur durch seinen selbstbewussten Widerspruch gegen dieselbe Verbrechen ist. Durch diesen Zusammenhang wird es als ein ästhetischer Gegenstand möglich, denn mit ihm muss auch sein immanenter Gegensatz, die wahre Freiheit, zum Vorschein kommen und am Verbrechen seine Hohlheit und Lüge offenbar machen. […]

Dem Inhalt nach sind alle diejenigen Verbrechen unvermögend, ästhetische Objekte zu sein, die wegen ihrer Alltäglichkeit und Geringfügigkeit und wegen des geringen Aufwandes von Intelligenz und Wille, den ihr Begehen erfordert, in die Kategorie der Gemeinheit des Gewöhnlichen fallen. Der kleinliche Egoismus, der ihnen zugrunde liegt und nur den Akten der Polizei und des korrektionellen Gerichts Nahrung liefert, ist zu untergeordnet, als dass er die Kunst beschäftigen dürfte. Seine Verbrechen sind oft kaum Taten zu nennen, so sehr gehen sie oft aus einem Kreise der Rohheit und Unbildung, der Faulheit und Not, der Beschränktheit und habituell gewordenen Schuftigkeit hervor.

Karl Rosenkranz, Ästhetik des Hässlichen

HALB VIER MORGENS

ist das ein Hahn
oder eine Frau, die in der Ferne kreischt

ist das ein schwarzer Himmel
oder wird er gerade tiefblau

ist das ein Motelzimmer
oder das Haus von jemand

ist das mein Körper, lebendig
oder tot

ist das Texas
oder Westberlin

wie viel Uhr ist es
überhaupt

welche Gedanken
sind meine Freunde

ich bete um eine Pause
von allem Denken

eine saubere Pause
im leeren Raum

bitte lass mich auf die Straße
mit leerem Kopf

nur einmal

ich bettle nicht

ich fall nicht auf die Knie

ich bin nicht zum Kampf gerüstet

Sam Shepard, Motel Chronicles

Es ist eine Nacht der Verbrechen. Die Bullen sind unterwegs und verfolgen heiße Fährten. Der Mond ist voll und erstarrt. Schläfer haben Patronenträume. Sirenen ziehen durch tausend Straßen.
In einer Küche weit weg hat sich eine Frau in Gefahr gebracht mit einem Mann. Sie fürchtet sich, aber es kommt als Zorn raus. Er ist betrunken, und es wird unheimlich. Er hat schon ein Loch in die Tür geschlagen so groß wie eine Abrissbirne. Zerfetzte Tapeten flattern. Die Nacht stürzt auf sie herein. Kein Schrei wird gehört, weil niemand da ist, der ihn hören könnte. Kein Telefon. Kein Wagen, weil er die Schlüssel hat. Sie sieht ihn beben vor Wut. Seiner eigenen. Einer Wut aus dem Nirgendwo. Sie sieht ihn mit den grünen Plastikhülsen der Patronen rumfummeln. Sie stürzt mit einem Satz durch das Loch in der Tür. Er fällt aufs Gesicht. Sie ist frei auf der Rinderweide. Ohne Schuhe. Versinkt bis zu den Knien in schlammigem Dung. Hört von der Veranda einen Schuss. Wartet darauf, ihn zu spüren. Nichts. Zieht ihre Beine mit beiden Händen raus. Läuft auf das Licht auf dem Hügel zu. Weiß nicht mehr, zu wem das Licht gehört. Kann sich nicht erinnern, ob das Licht zu Leuten oder nur zu einer Scheune gehört. Ein Licht ist besser als keins, denkt sie. Jedes Licht ist besser als Dunkelheit. Sie fällt in tiefe Ackerfurchen. Kämpft sich vorwärts. Jedes Licht ist besser als Dunkelheit.

Sam Shepard, Motel Chronicles

In der fraglichen Nacht war ich betrunken, fast schon bewusstlos, und ich schwöre bei Gott, ein Vogel hat mir das Motelzimmerfenster eingeschlagen. Draußen waren ungefähr fünfzehn Grad minus, und plötzlich lag dieser Vogel bei mir auf dem Fußboden, auf einem Haufen Glasscherben, so eine Art Ente. Das Fenster muss ihn alle gemacht haben. Wenn ich nicht so betrunken gewesen wäre, ich hätte mich zu Tode erschreckt. Ich habe einfach Licht angemacht und ihn wieder aus dem Fenster geworfen. Er fiel drei Stockwerke runter und landete auf dem Fußweg. Ich stellte die Heizdecke auf 10, kroch zurück ins Bett und pennte ein.

Willy Vlautin, Motel Life