DIE NACHT IST DIE MUTTER VON GEDANKEN

Sei immer trunken. Auf nichts kommt es an. Das ist das einzige. Wenn du die grauenvolle Bürde nicht der Zeit auf deinen Schultern fühlen willst, die dich zur Erde beugt, sei immer trunken.
Trunken von was? Von Wein, von Poesie oder von Tugend, wie immer du willst. Aber sei trunken. Und wenn manchmal, auf Stufen eines Palastes oder der grünen Seite des Deichs, in der düstren Einsamkeit deines Zimmers vielleicht, du aufwachst, und die Trunkenheit ist halb oder ganz von dir gewichen, frage den Wind oder die Welle, den Stern, den Vogel oder die Uhr, frag, was immer fliegt, seufzt, schwingt, singt oder spricht, frag: wie viel Uhr ist es? Und alle: der Wind, die Welle, Stern, Vogel und die Uhr werden dir sagen: Es ist die Stunde, trunken zu sein! Seid trunken, wenn ihr misshandelte Sklaven der Zeit nicht sein wollt; seid ewig trunken! Von Wein, von Poesie oder von Tugend, wie immer ihr wollt.


Charles Baudelaire

An American Poet

Geboren wurde Eugene O’Neill am 16. Oktober 1888 im Barrett House, einem drittklassigen Hotel in New York an der Ecke Broadway und 43. Straße. Seine Eltern, James und Ella Quinlan O’Neill, waren irische Einwanderer. Der Vater avancierte um die Jahrhundertwende zum Star Schauspieler. Vor allem durch seine Shakespeare-Darstellungen wurde er berühmt. Mit Edwin Booth teilte er sich den Othello. Dann nahm er die Rolle des Grafen von Monte Christo von Alexandre Dumas an und spielte diese 25 Jahre lang, insgesamt nahezu 6.000 Mal. Laut Eugene verdiente er mehr als 50.000 $ pro Saison. Seine künstlerische Entwicklung aber war am Ende. Der älteste Sohn, James jr., war wie sein Vater Schauspieler, im „Grafen von Monte Christo“ spielte er eine Nebenrolle. Vater und Sohn waren, ebenso wie Eugene, Alkoholiker. Der mittlere Sohn, Edmund, war als Baby an Masern gestorben. Bei Eugenes Geburt war seine Mutter krank und mit der Krankheit morphiumsüchtig geworden. Die Entziehungskuren halfen nicht. 1902 versuchte sie, sich das Leben zu nehmen. 1909 heiratete Eugene Kathleen Jenkins; als sie ein Kind bekam, machte er sich auf Anraten seines Vaters aus dem Staub und wurde Matrose. In Buenos Aires holte er sich die Malaria. 1911 kehrte er nach New York zur Familie zurück. Er arbeitete als Reporter und soff mit Jamie die Nächte durch. Bis er an einem Augusttag 1912 die Diagnose erhielt, schwindsüchtig zu sein. Am selben Tag nahm seine Mutter zum ersten Mal wieder Morphium. 1920 starb Eugenes Vater, schwer krank. Nach seinem Tod war seine Mutter mit einem Male nicht mehr morphiumsüchtig. Sie starb zwei Jahre später, ein weiteres Jahr darauf James jr. O’Neill erhielt zweimal den amerikanischen Pulitzer-Preis und 1936 als erster amerikanischer Bühnenautor und eigentlicher Begründer des amerikanischen Dramas den Literaturnobelpreis. 1940 schrieb er „unter Blut und Tränen“ LONG DAY’S JOURNEY INTO NIGHT. Das Stück durfte erst nach seinem Tod uraufgeführt werden. Sein Tod war einsam. Er starb allein in Boston. In einem Hotelzimmer.

„Ich brauche keine Geschichte. Die Leute genügen.“

Jeder hat mehr als einen Grund, warum er so ist, wie er ist: die ärmliche Herkunft, der daraus resultierende Geiz und das „verkaufte“ Schauspielertalent bei James, eine falsche ärztliche Behandlung Marys mit Morphium bei der schwierigen Geburt Edmunds, die daraus resultierende Sucht und das Gefühl, am Tode eines ihrer Kinder schuldig zu sein, das Scheitern als Schauspieler und der Neid auf den jüngeren Bruder bei James junior, und das Scheitern am Versuch, ein freies Leben zu führen, bei dem nach Hause zurückgekehrten, schwer kranken Edmund (der das Alter Ego des Autors ist). Das könnte reichen, doch sind alle Verluste und Schuldgefühle mehr oder minder direkt miteinander verbunden, so dass sich jeder auch schuldlos schuldig fühlen kann: „Was das Leben aus uns gemacht hat, dafür kann keiner was.“ Also fühlen sich alle geopfert, scheinbar untrennbar aneinandergekettet, alle Gespenster, die wie im Nebel durch die Vergangenheit irren. Trotz allem sind sie aber hier, an diesem zunächst sonnigen Morgen im Landhaus der Tyrones.

„Schicksal entspringt aus der Familie“, notierte O’Neill während der Arbeit an seinem Stück „Trauer muss Elektra tragen“. Und so führt er uns hier die schicksalhafte Verstrickung der Mitglieder der Familie Tyrone in einer großen und unbarmherzigen Vivisektion vor – seine eigene Geschichte. Durchgespielt wird die Schicksalsfiguration Familie als dramatischer Ablauf. Als Ablauf, der eigentlich Zustand ist (wir behaupten mal: Das, was an diesem „langen Tag“ passiert, passiert nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal). O’Neill stellt trotzdem nicht die Frage nach Schuld. Er zeigt Menschen, in Strindberg’scher Manier, als gleichermaßen verantwortlich wie ausgeliefert. Und das Quälende und eigentlich Bedrohliche am Zustand seiner Protagonisten als zivilisatorischen, gewöhnlichen Zustand von Normalität.


Uwe Bautz

Liebe lag schlaflos und bot
Ihr Haupt dem Dornbett der Not;
Und ihr Aug war von Tränen rot,
Und ihr Mund so bleich wie der Tod
.

Und Hohn und Sorge und Reu
Hockten zu Häuptern ihr scheu,
Bis die Nacht verstorben wie Spreu,
Und die Welt wieder froh war und neu.

Und Freude vergalt ihr die Klag
Und küßt’ ihr den Mund, wo sie lag,
Und die Quäler, verblassend und vag,
Verließen ihr Kissen vor Tag.

Und der Morgen umfloß ihr Gesicht,
Am sich rötenden Mund lag er dicht:
Bei Nacht hält der Gram uns Gericht,

Doch der Tag hebt uns wieder ans Licht.


Algernon Charles Swinburne, Lied

Aus einem Brief Eugene O’Neills an seine zweite Frau Agnes Boulton, 29. Juli 1920

Mein einziger Liebling, ich schreibe aus dem Krankenhaus. Papa liegt im Bett und sieht mich an. Und eben, als seine Augen voll dankbarer Zuneigung aufleuchteten, als er mich zum ersten Mal sah, fühlte ich mich so froh und glücklich, daß ich gekommen war! Die Situation ist schrecklich. Papa ist am Leben, obwohl er tot sein müßte. Sein Gesicht und sein Körper sehen schon aus wie ein Leichnam. Nur seine Augen sind lebendig – und das Licht, das durch ihren glasigen Blick schimmert, ist entfernt und fremd. Er leidet unglaubliche Qualen, trotz aller Betäubungsmittel. Gerade eben hat er schmerzhaft aufgestöhnt: O Gott, warum nimmst du mich nicht zu dir! und Mama und ich haben sein Gebet leise wiederholt. Aber Gott scheint gerade jetzt der Allmächtige und nicht der Barmherzige sein zu wollen. Da ist etwas sehr Mitleiderregendes, Grausames und Ironisches: Er kann nicht mehr richtig sprechen. Und dabei sind doch ein Leben lang seine wunderbare Stimme und seine klare Aussprache sein ganzer Stolz gewesen. (...) Er ist ein feiner Mensch gewesen, so wie Menschen sein können. Und er kann auf ein Leben zurückschauen, in dem er sich einen ehrbaren Glauben bewahrt hat, und in dem er hart gearbeitet hat, um vom Nichts zu dem besten Ziel zu gelangen, das er kannte. Sicher sind der beste Beweis für dieses Ziel die große Zuneigung und der Respekt, die ihm alle zollten, die ihn kannten. Ich glaube nicht, daß er je absichtlich ein lebendiges Wesen verletzt hat. Und er war sicherlich ein Gatte, den man bewundern konnte, und ein guter Vater, auf seine Art. Auch ohne Leidenschaft betrachtet scheint es mir jedenfalls, daß er ein guter Mensch war, im besten Sinn dieses Wortes – und so ungefähr der einzige, den ich kennengelernt habe. (...) Oh, meine Einzige, wir dürfen nicht mehr streiten und einander verletzen! Ich kann sehen, daß das, was mein Vater in seinem Herzen umarmt, etwas Großes, Starkes und Unzerstörtes, die Liebe meiner Mutter zu ihm ist, und seine zu ihr. Er hat alles über Bord geworfen, aber das bleibt – dieses Wirkliche von sechsundsiebzig Jahren bleibt übrig, – deren einziger Sinn – die Rechtfertigung seines Lebens. (...)
Alles Liebe, Gene

Vorrede zum Stück: Gewidmet Eugene O’Neills Frau Carlotta, aus Anlass des 12. Hochzeitstags:

„Liebste: Ich schenke Dir das Originalmanuskript dieses Stücks über einen alten Kummer, geschrieben mit Blut und Tränen. Eine völlig unpassende Gabe, so könnte es scheinen, zur Feier eines Glückstages. Du aber wirst es verstehen. Es ist als Anerkennung gedacht für Deine Liebe und Zärtlichkeit, die mir jenes Vertrauen in die Liebe gaben, das es mir ermöglichte, mich endlich mit meinen Toten auseinanderzusetzen und dieses Stück zu schreiben – und zwar mit großem Mitgefühl und Verständnis und auch tiefer Vergebung für alle vier gepeinigten Tyrones. Diese zwölf Jahre, meine Einzige Geliebte, waren eine Reise in das Licht – in die Liebe. Du kennst meine Dankbarkeit. Und meine Liebe!
Tao House, 22. Juli 1941, Gene.“