„Du bezahlst deine Sünden nicht in der Kirche. Du zahlst auf der Straße. Du zahlst zu Hause. Der Rest ist Scheiße, was sonst?“
„Mean Streets“ Martin Scorsese
Mountains made of Steam
This was our stormy ending
Water sank our boats
Shouldn’t we oh shouldn’t we
Throw our hopes into the ocean
The ocean
The warm grey sea
Tell me or
Kick me or
Hold me or
Please believe
This is their busted future
And this is our dream
Which one do you
Believe in, believe in, believe in, believe in
Together together together together
Never to retreat
Mystery and wonder
Messy hearts made of thunder
A Silver Mount Zion
„Fahr die Gabel ganz hoch“, sagte Marion.
„Wieso?“
„Nun mach schon, das hat Bruno mir mal gezeigt. Ich weiß nicht, ich find’s schön.“ Ich fuhr die leere Gabel ganz nach oben, so weit es ging. Der Stapler machte die üblichen Geräusche dabei, ein Brummen und ein metallisches Klingen, dann ließ ich den Hebel los. Ich legte den Kopf in den Nacken und blickte hoch zu der Gabel, die noch ein wenig schwankte. „Und jetzt?“
„Lass sie wieder runter, aber ganz langsam. Und dann sei still.“
Ich bewegte den Hebel nur ein ganz kleines Stück, und das Gestänge sank mit der Gabel wieder langsam nach unten. „Und jetzt? Ich versteh’s nicht.“
„Du musst still sein. Ganz still sein. Das Rauschen, hörst du, wie das Meer.“
Und sie hatte recht, jetzt hörte ich es auch und wunderte mich, dass mir das nie aufgefallen war. Die Gabel senkte sich mit einem Zischen und Rauschen, das war die austretende Luft der Hydraulikanlage, und es klang tatsächlich ein wenig wie das Rauschen der Wellen am Meer. Die Gabel senkte sich weiter nach unten, ich saß in dem Stapler, den Kopf ein wenig geneigt, sie stand direkt neben mir, eine Hand auf der Armatur. „Hörst du’s“, flüsterte sie, und ich nickte. Dann schwiegen wir und lauschten.
Aus der Erzählung „In den Gängen“ von Clemens Meyer
Schließlich bist du 300 Mark vorn und kannst nicht mehr verlieren, als Profi
durch die DDR tingeln, den dicksten Feldstecher von Zeiß in Jena, das Wetterzelt aus russischen Armeebeständen, als vagabundierendes Extrem westlicher Dekadenz, gefördert von den Spitzen des Staates, jetzt gehen sie über die Hürden, schon ist Herbstliebe weg, weg wie Ali Baba, jetzt Ornat, und ein Dicker in grauem Anzug sagt zu dir, manchmal glaub ich, der Sozialismus der kleinen Quoten und niedrigen Placierungen ist vielleicht die Antwort auf den Mangel an Gerechtigkeit, aber nicht auf den Mangel an Glück, aber du gehst schon zum Auszahlungsschalter, Dynamo zahlt auch noch ein Portionspäckchen, noch einer, der als Debütant anfing und den Abend als Sieger aus dem Futtersack frißt. So wie du, allerdings mußt du dir nun überlegen, als du den Hoppegarten als moralisch gefestigter Spieler verläßt, sollst du dich in die Büsche schlagen und den Zaster verbuddeln oder auf den Kopf hauen am Alexanderplatz mit dem Blick auf die Säuferzelle im Präsidium der Volkspolizei? Dann siehst du diesen kleinen Menschenauflauf an der Straße zum S Bahnhof, zwei Vopos dabei, du willst unwillkürlich auf die andere Straßenseite, du bist hier illegal, mit illegalem Geld, aber dazu ist es schon zu spät, und dann wirfst du einen Blick auf die Szene und bleibst wie angewurzelt stehen. Du siehst eine Art Klapptisch mit einer schmuddeligen Decke, und auf der Decke sechs Bierdeckel mit den Zahlen 1 bis 6, und hinter dem Klapptisch steht eine rundliche Frau, farbloses Kleid, ausdrucksloses Gesicht, und klappert mit einem Würfelbecher und animiert die Leute auf sächsisch dazu, auf die Zahlen zu setzen, und hier setzt einer zehn Mark auf die Drei, dort einer 20 Mark auf die Sechs, und die Würfel fallen, Zwei, Vier, Sechs, und der Zehner auf der Drei wird eingezogen von diesen Fingern, die an Speckwurst erinnern, und auf den Zwanziger kommt einzweiter Zwanziger. Die Vopos sehen interessiert zu. Du bist nicht in Harlem, aber der Schweiß rinnt dir aus sämtlichen Poren. Der Mann neben dir wird von seiner Frau weggezogen, Gotte doch nich, Walter, das willst du doch nich, wieder klappern die Würfel. Jetzt stehst du schon dicht vor dem Klapptisch, die Sächsin sieht dich kurz an, ist das ein verächtlicher Zug um ihren Mund? Der Mann mit den zwei Zwanzigern zögert, du riechst seine aufgescheuchten Instinkte, er zieht die Scheine von der Sechs auf die Drei, da greifst du blindlings in die Tasche und legst einen Packen auf die Sechs, und natürlich kommt die Sechs. Du hast verdoppelt, du läßt wieder stehen, die Vopos nehmen dich genauer ins Visier, jetzt ist dir alles klar, du spielst, bis du nichts mehr hast, du bist irre, du bist Loser, du bist frei, du bist das Spielgeld los. Mutti, wenn ich groß bin, werde ich ein richtiger Spieler! Spieler ist kein Beruf für anständige Leute, hörst du, du wirst dasselbe wie Vati, da hast du dein Leben lang ausgesorgt, und jetzt marsch in die Heia, und du überlegst, wie das sein mag, das Leben lang ausgesorgt, und findest, es klingt nicht richtig, es klingt so alt, und aus ist aus, was bleibt denn da noch, da kommt doch nichts mehr, und du willst doch weiterspielen, immer weiterspielen, und das kannst du ja auch, denkst du, als du die 13 S Bahnstationen zurück in den Westen fährst, aus einem Betonsystem in das andere, von einem Klapptisch zum nächsten, und am Bahnhof Zoo holst du dir die Traberzeitung und siehst nach, wer morgen in Mariendorf läuft. Mister Hollywood im 10. Rennen? Mit dem bist du immer im Geld.
© Mit freundlicher Genehmigung des Alexander Verlag Berlin (www.alexander-verlag.com)
Aus: Jörg Fauser: „Der Strand der Städte. Gesammelte journalistische Arbeiten 1959-1987.“ Hrsg. von Alexander Wewerka. Alexander Verlag Berlin.

