Kein Tier kann ein Snob sein
Alexandre Kojève
Anthropogenese
Versuchen wir die provisorischen Ergebnisse unserer Lektüre der anthropologischen Maschine in der westlichen Philosophie in Form von Thesen zu formulieren:
1) Die Anthropogenese resultiert aus der Zäsur und der Gliederung zwischen Humanem
und Animalischem. Diese Zäsur verläuft allererst im Inneren des Menschen.
2) Die Ontologie – oder Erste Philosophie – ist keine unschädliche akademische
Disziplin, sondern die in jedem Sinne grundlegende Operation, in welcher die Anthropogenese, das Menschwerden des Lebewesens, erfolgt. Die Metaphysik ist von Anfang an von dieser Strategie geprägt: Sie setzt genau jenes metá ein, das die Überwindung der animalischen phýsis in Richtung auf die menschliche Geschichte vollendet und begleitet. Diese Überwindung ist kein ein für alle Mal abgeschlossenes Geschehen, sondern ein Ereignis, das in jedem Individuum immer wieder zwischen Humanem und Animalischem, zwischen Natur und Geschichte, zwischen Leben und Tod entscheidet.
3) Das Sein, die Welt, das Offene sind aber bezüglich der Umwelt und des animalischen
Lebens nicht etwas anderes: Sie sind nichts anderes als die Unterbrechung und Beschlagnahme der Beziehung zwischen Lebewesen und Enthemmendem. Das Offene ist nichts anderes als das Ergreifen des animalischen Nicht-Offenen. Der Mensch hebt seine Animalität auf und eröffnet auf diese Weise eine „freie und leere“ Zone, in welcher das Leben in einer außerordentlichen Zone gefangen, verlassen und verbannt ist.
4) Gerade weil sich die Welt dem Menschen nur durch die Aufhebung und
Beschlagnahme des animalischen Lebens eröffnet, ist das Sein immer schon durchkreuzt von Nichts, ist die Lichtung immer schon eine Nichtung.
5) Der entscheidende politische Konflikt in unserer Kultur, der über jeden anderen
Konflikt herrscht, ist derjenige zwischen Animalität und Humanität. Die Politik der westlichen Staaten ist deswegen gleichursprünglich mit Biopolitik.
6) Wenn die anthropologische Maschine der Motor für die Historisierung des Menschen
war, so bedeuten das Ende der Philosophie und die Vollendung der epochalen Bestimmungen des Seins, dass sich die Maschine heute im Leerlauf befindet.
Aus Heideggers Perspektive sind nun zwei Szenarien möglich:
a) Der Mensch am Ende der Geschichte bewacht die eigene Animalität nicht mehr als Unerschließbares, sondern versucht, sie zu beherrschen und sie durch die Technik auf sich zu nehmen.
b) Der Mensch, der Hirte des Seins, eignet sich seine eigene Verborgenheit, seine eigene Animalität an, die nicht versteckt bleibt und nicht das Objekt von Beherrschung wird, sondern als solche gedacht wird, als reine Verlassenheit.
Aus: Giorgio Agamben: Das Offene. Der Mensch und das Tier,
S. 87, 88, Frankfurt am Main 2003, Suhrkamp Verlag.
Der Mensch ist eine Erfindung, deren junges Datum die Archäologie unseres Denkens ganz offen zeigt. Vielleicht auch das baldige Ende. Wenn diese Dispositionen verschwänden, so wie sie erschienen sind, wenn durch irgendein Ereignis, dessen Möglichkeit wir höchstens vorausahnen können, aber dessen Form oder Verheißung wir im Augenblick noch nicht kennen, diese Dispositionen ins Wanken gerieten, wie an der Grenze des achtzehnten Jahrhunderts die Grundlage des klassischen Denkens es tat, dann kann man sehr wohl wetten, dass der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.
Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge, Frankfurt am Main 1999, S. 462, Suhrkamp Verlag.
Homo sapiens sapiens
Condition humaine?
Nennt euch Mutanten, Cylonen oder Schlümpfe, wenn euch der Menschenname zu totalisierend, identitär oder repressiv ist.
Darauf kommt nicht viel an.
Lieber wäre mir, es fänden sich genügend geschickte und ausdauernde Personen, Verhältnisse zu beseitigen, in denen die ökonomisch-politische Besonderheit der Gattung von der Mehrheit der Zweibeiner noch gar nicht erreicht wird.
Der Schöpfer des soziologischen Positivismus, Auguste Comte, leistete sich die kühne Annahme, die Verehrung von Göttern werde in der lichten Zukunft der Verehrung des Menschengeschlechts weichen. Das muß nicht sein. Wie es aber aussehen könnte, wenn das Gattungswesen Mensch zumindest zu sich selbst käme, das läßt sich sagen.
Zwei Bestimmungen der Gattung biete ich an, eine enge, die ist politisch, ökonomisch und historisch, und eine erweiterte, die ist ungescheut metaphysisch und transzendental.
Die enge: Das Tier, das ich meine, kann 1.) mehr stofflichen Reichtum erzeugen, als es selbst verbraucht, ja 2.) mehr, als seine Nachkommen, überhaupt sein unmittelbarer biologischer Reproduktionszusammenhang – Sippe, Stamm – je verbrauchen können. Das gelingt ihm, weil es 3.) kooperiert, und zwar arbeitsteilig. Seine Individualität ist selbst ein Ergebnis seiner gesellschaftlichen, nicht nur natürlichen, etwa biologischen Verhältnisse. Sie steht also nicht in einem bloß gegensätzlichen, etwa auf das Paar „Genotyp–Phänotyp“ reduzierbaren, sondern in einem durch diese Gattungseigenschaft vermittelten Verhältnis zum Gegenpool.
Als Kurzformel: Menschen sind aus anderen Menschen zusammengesetzt, das heißt Produkte fremder Beiträge zu ihrer sozialen Geschichte. Man kann sie gar nicht alleine denken. Daß dieses Tier 4.) mit der Erzeugung und steten Wiederherstellung seiner Lebensvoraussetzungen Geschichte macht, liegt daran, daß die Ergebnisse seiner Arbeit wiederum Arbeitsvoraussetzungen der nachfolgenden Generationen werden können, also ihrerseits Gegenstand optimierender Bearbeitung. Damit wird ein Prozeß unterhalten, der das Gattungswesen schließlich dahin führt, 5.) tendenziell für alle tendenziell alles erzeugen zu können, was sich überhaupt erzeugen läßt.
An diesen fünften und letzten Punkt der engeren Definition schließt die erweiterte direkt an: Das Menschenwesen ist aufgrund seiner informationsverarbeitenden Potenzen in seinem Energie- und Informationsaustausch mit der Natur nur durch die Naturgesetze insgesamt begrenzt.
Im Moment scheinen das elektromagnetische, quantenmechanische und relativistische zu sein. Wir mögen noch nicht alle kennen, sie mögen sogar veränderlich sein. Aber es gibt jedenfalls welche (eine nicht gesetzesförmig regulierte Natur wäre nämlich keine, über die man reden und in die man eingreifen könnte). Der Mensch ist das Tier, das aus kosmischen Nebelwolken Sterne machen kann.
Mir ist jede zu weit gefaßte Definition des Gattungswesens Mensch lieber als eine zu eng gefaßte.
„Irgendwas kann jeder“ (Hacks).
Wenn die Gattung so ist, wie ich sie beschreibe, hat jedes einzelne Exemplar derselben das unbedingte Recht, sein gattungserschaffendes und -überschreitendes Potential zu entfalten, soweit es eben kann. Das Interessanteste, was Menschen herstellen können, ist die Menschheit.
Dietmar Dath: Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift, Frankfurt am Main 2008, S. 70-72, Suhrkamp Verlag.

