Nur selten strafte meine Mutter, suchte mich aber immer zur Einsicht meines Unrechts zu bringen und war ein so geschickter Bußprediger, dass ich mich stets beschämt und ganz geneigt fand, Abbitte zu tun. Für dies Verfahren danke ich ihr noch heute, denn es lehrte mich jene Gesten im Gewissen tilgen, die der Offenheit des Charakters so schädlich werden können. Mußte ein Vergehen ernstlicher gesühnt werden, so wurde ich auf ein Stündchen oder darüber an ein Tisch- oder Stuhlbein angekettet, zwar nur mit einem Zwirnsfaden, den ich aber nimmer zu zerreißen wagte, so groß war mein Respekt vor meiner Mutter; und selbst dann löste diese solche Fessel nicht, wenn mittlerweile Besuch eintrat.
Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes
Zu diesen Theilen unseres Körpers, die so leicht auf eine höchst gefährliche Weise verletzt werden können, gehören ganz vornehmlich auch diejenigen, welche die Schamhaftigkeit vor allen Menschen, ja vor sich selbst zu verbergen gebiethet und welche man daher Schamtheile zu nennen pflegt. Kinder, ich bitte euch um eurer Glückseligkeit und um eures Lebens willen, diese Theile, ohne Noth, niemals zu berühren, noch weniger daran zu reiben, oder zu zerren, oder damit zu spielen. Ihr würdet über kurz oder lang die allerschrecklichsten Folgen davon erleben.
Joachim Heinrich Campe: Sittenbüchlein für Kinder
Sturm- und Drangperiode der Frauen. – Man kann in den drei oder vier zivilisierten Ländern Europas aus den Frauen durch einige Jahrhunderte von Erziehung alles machen, was man will, selbst Männer, freilich nicht in geschlechtlichem Sinne, aber doch in jedem anderen Sinne. Sie werden unter einer solchen Einwirkung einmal alle männlichen Tugenden und Stärken angenommen haben, dabei allerdings auch deren Schwächen und Laster mit in den Kauf nehmen müssen: so viel, wie gesagt, kann man erzwingen. Aber wie werden wir den dadurch herbeigeführten Zwischenzustand aushalten, welcher vielleicht selber ein paar Jahrhunderte dauern kann, während denen die weiblichen Narrheiten und Ungerechtigkeiten ihr uraltes Angebinde, noch die Übermacht über alles Hinzugewonnene, Angelernte behaupten? Diese Zeit wird es sein, in welcher der Zorn den eigentlich männlichen Affekt ausmacht, der Zorn darüber, daß alle Künste und Wissenschaften durch einen unerhörten Dilettantismus überschwemmt und verschlammt sind, die Philosophie durch sinnverwirrendes Geschwätz zu Tode geredet, die Politik phantastischer und parteiischer als je, die Gesellschaft in voller Auflösung ist, weil die Bewahrerinnen der alten Sitte sich selber lächerlich geworden und in jeder Beziehung außer der Sitte zu stehen bestrebt sind. Hatten nämlich die Frauen ihre größte Macht in der Sitte, wonach werden sie greifen müssen, um eine ähnliche Fülle der Macht wiederzugewinnen, nachdem sie die Sitte aufgegeben haben?
Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches
Frisch auf ihr Schwestern (Turnerinnenreigen)
Frisch auf ihr Schwestern kommt herbei
herbei zu Spiel und Tanz
Noch lächelt ja des Lebens Mai
uns an voll Sonnenglanz
Zum muntern Reigen flink geschart
wie Rehe im Gefild
wenn Jugend sich mit Anmut paart
gibt’s stets ein schönes Bild
Laßt wahren uns den frischen Mut
so lang die Wangen blühn
nicht immer wird das rasche Blut
in unsern Adern glühn
Laßt pflegen uns den Ordnungssinn
in Arbeit, Spiel und Gang
er wird uns bleiben zum Gewinn
ein ganzes Leben lang
Ihr Schwestern, seht wie frisch und frei
sich schlingt der holde Kranz
In jedem Herzen prangt ein Mai
voll Duft und Sonnenglanz
Text W. Wenhart
Musik: anonym Volksweise, aus: Lieder für höhere Mädchenschulen (1919)
Als in der Sylvesternacht die Neujahrsglocken das Jahr 1919 einläuteten, stand meine Schwiegermutter am offenen Fenster und blickte – still vor sich hin weinend – ins Wuppertal hinunter. Der Tod ihres geliebten Ältesten wollte dieser ungewöhnlich starken Frau das Herz abdrücken; aber erst die Schmach und Not des Vaterlandes brachte es wirklich fertig: „Meinst du, Martin, daß es noch mal wieder anders wird in Deutschland?“ Ich antwortete, und weiß heute noch nicht, wie ich so antworten konnte; denn meine Pläne rechneten ja mit keinem Anderswerden: „Ganz gewiß wird es das, Mutter!“
Martin Niemöller
In der Tat, wir Philosophen und „freien Geister“ fühlen uns bei der Nachricht, daß der „alte Gott tot“ ist, wie von einer neuen Morgenröte angestrahlt; unser Herz strömt dabei über von Dankbarkeit, Erstaunen, Ahnung, Erwartung – endlich erscheint uns der Horizont wieder frei, gesetzt selbst, daß er nicht hell ist, endlich dürfen unsre Schiffe wieder auslaufen, auf jede Gefahr hin auslaufen, jedes Wagnis des Erkennenden ist wieder erlaubt, das Meer, unser Meer liegt wieder offen da, vielleicht gab es noch niemals ein so „offnes Meer“.
Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft


