Das Lachen Kafkas

Es gibt in der Tat ein Lachen Kafkas, ein recht fröhliches Gelächter, das man zumeist aus denselben Gründen, denselben törichten Gründen mißversteht, aus denen man Kafkas Literatur als eine Zuflucht weit außerhalb seines Lebens zu betrachten pflegt: erfüllt von Angst, geprägt von Ohnmacht und Schuldgefühl, gezeichnet von einer tristen intimen Tragödie. In Wahrheit gibt es nur zwei Gründe, aus denen man Kafka voll akzeptieren kann: Er ist ein lachender Autor, erfüllt von einer tiefen Fröhlichkeit, trotz oder gerade wegen seiner Clownerien, die er wie eine Falle aufbaut oder wie einen Zirkus vorführt. Und er ist von A bis Z ein politischer Autor, Künder der kommenden Welt, da er gleichsam zwei Pole hat, die er in einer ganz neuen Verkettung zusammenzuschließen versteht: Weit davon entfernt, sich in seine Kammer zurückzuziehen, nimmt er sie vielmehr zum Ausgangspunkt einer doppelten Bewegung: der eines Bürokraten mit großer Zukunft, angeschlossen an reale, gerade hervortretende Verkettungen, und der eines Nomaden, der sich auf höchst aktuelle Weise davonmacht, der sich an Sozialismus, Anarchismus und die gesellschaftlichen Bewegungen anschließt.

Gilles Deleuze, Felix Guattari, Kafka: Für eine kleine Literatur. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2008.

Schuld

Ich nehme das schlechte Gewissen als die tiefe Erkrankung, welcher der Mensch unter dem Druck jener gründlichsten aller Veränderungen verfallen musste, die er überhaupt erlebt hat, – jener Veränderung, als er sich endgültig in den Bann der Gesellschaft und des Friedens eingeschlossen fand. Zu den einfachsten Verrichtungen fühlten sich [die Menschen] ungelenk, sie hatten für diese neue unbekannte Welt ihre alten Führer nicht mehr, die regulirenden unbewusst-sicherführenden Triebe, – sie waren auf Denken, Schliessen, Berechnen, Combiniren von Ursachen und Wirkungen reduzirt, diese Unglücklichen, auf ihr „Bewusstsein“, auf ihr ärmlichstes und fehlgreifendstes Organ! Ich glaube, dass niemals auf Erden ein solches Elends-Gefühl, ein solches bleiernes Missbehagen dagewesen ist, – und dabei hatten jene alten Instinkte nicht mit Einem Male aufgehört, ihre Forderungen zu stellen! Nur war es schwer und selten möglich, ihnen zu Willen zu sein: Alle Instinkte, welche sich nicht nach Aussen entladen, wenden sich nach Innen – dies ist das, was ich die Verinnerlichung des Menschen nenne: damit wächst erst das an den Menschen heran, was man später seine „Seele“ nennt. Jene furchtbaren Bollwerke, mit denen sich die staatliche Organisation gegen die alten Instinkte der Freiheit schützte – die Strafen gehören vor Allem zu diesen Bollwerken – brachten zu Wege, dass alle jene Instinkte des wilden freien schweifenden Menschen sich rückwärts, sich gegen den Menschen selbst wandten: das ist der Ursprung des „schlechten Gewissens“. Der Mensch, der sich, aus Mangel an äusseren Feinden und Widerständen, eingezwängt in eine drückende Enge und Regelmässigkeit der Sitte, ungeduldig selbst zerriss, verfolgte, annagte, aufstörte, misshandelte, dies an den Gitterstangen seines Käfigs sich wund stossende Thier, das man „zähmen“ will – dieser Narr, dieser sehnsüchtige und verzweifelte Gefangne wurde der Erfinder des „schlechten Gewissens“. Mit ihm aber war die grösste und unheimlichste Erkrankung eingeleitet, von welcher die Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des Menschen am Menschen, an sich: als die Folge einer gewaltsamen Abtrennung von der thierischen Vergangenheit.

Friedrich Nietzsche, Genealogie der Moral

Wenn du vor mir stehst und mich ansiehst,
was weißt du von den Schmerzen,
die in mir sind und was weiß ich von deinen.
Und wenn ich mich vor dir niederwerfen würde
und weinen und erzählen,
was wüßtest du von mir mehr als von der Hölle,
wenn dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich.
Schon darum sollten wir Menschen voreinander
so ehrfürchtig, so nachdenklich stehen,
wie vor dem Eingang zur Hölle.

Franz Kafka

Freiheit

Er fühlt sich auf dieser Erde gefangen, ihm ist eng, die Trauer, die Schwäche, die Krankheiten, die Wahnvorstellungen der Gefangenen brechen bei ihm aus, kein Trost kann ihn trösten, weil es eben nur Trost ist, zarter kopfschmerzender Trost gegenüber der groben Tatsache des Gefangenseins. Fragt man ihn aber, was er eigentlich haben will, kann er nicht antworten, denn er hat – das ist einer seiner stärksten Beweise – keine Vorstellung von Freiheit.

Franz Kafka, Tagebücher

Überwachen

Die traditionelle Macht ist diejenige, die sich sehen läßt, die sich zeigt, die sich kundtut und die die Quelle ihrer Kraft gerade in der Bewegung ihrer Äußerung findet. Jene aber, an denen sich die Macht entfaltet, bleiben im Dunkeln; sie empfangen nur soviel Licht von der Macht, wie diese ihnen zugesteht: den Widerschein eines Augenblicks. Ganz anders die Disziplinarmacht: sie setzt sich durch, indem sie sich unsichtbar macht, während sie den von ihr Unterworfenen die Sichtbarkeit aufzwingt. In der Disziplin sind es die Untertanen, die gesehen werden müssen, die im Scheinwerferlicht stehen, damit der Zugriff der Macht gesichert bleibt. Es ist gerade das ununterbrochene Gesehenwerden, das ständige Gesehenwerdenkönnen, … was das Disziplinarindividuum in seiner Unterwerfung festhält.

Michel Foucault, Überwachen und Strafen. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1994.

Fußfessel

Die elektronische Fußfessel wird am Unterschenkel des Verurteilten angebracht. In der armbanduhrähnlichen Apparatur befindet sich ein Sender, der über Telefon den Aufenthaltsort des Delinquenten meldet. Der Betroffene muss sich an einen streng vorgegebenen Zeitplan halten, der von einem Zentralcomputer überwacht wird. Jede Abweichung wird sofort an den zuständigen Mitarbeiter der Bewährungshilfe weitergeleitet, der sich umgehend mit dem Verurteilten in Verbindung setzt, um den Verstoß aufzuklären.
Der ehemalige hessische Justizminister Christean Wagner sah für die Fußfessel neben dem Strafvollzug noch ganz andere Einsatzmöglichkeiten: „Die elektronische Fußfessel bietet damit auch Langzeitarbeitslosen und therapierten Suchtkranken die Chance, zu einem geregelten Tagesablauf zurückzukehren und in ein Arbeitsverhältnis vermittelt zu werden.“ Arbeitslose und verurteilte Straftäter werden damit gleichgestellt, was der Logik des Systems entspricht: Beide haben gegen die Regeln verstoßen – Verbrecher durch ihre Tat, Arbeitslose durch den Entzug ihrer Arbeitskraft – und müssen für die Abweichung von der Norm kuriert werden.

Gefangen

Mit einem Gefängnis hätte er sich abgefunden. Als Gefangener enden – das wäre eines Lebens Ziel. Aber es war ein Gitterkäfig. Gleichgültig, herrisch, wie bei sich zuhause strömte durch das Gitter aus und ein der Lärm der Welt, der Gefangene war eigentlich frei, er konnte an allem teilnehmen, nichts entging ihm draußen, selbst verlassen hätte er den Käfig können, die Gitterstangen standen ja meterweit auseinander, nicht einmal gefangen war er.

Franz Kafka, Tagebücher

DIE UNGEHEUERE WELT, die ich im Kopfe habe. Aber wie mich befreien und sie befreien ohne zu zerreißen. Und tausendmal lieber zerreißen, als sie in mir zurückhalten oder begraben. Dazu bin ich ja hier, das ist mir ganz klar.

Franz Kafka, Tagebücher

Konstruktivismus

„Das Herz in mir kann ich fühlen, und ich schließe daraus, dass es existiert. Die Welt kann ich berühren, und auch daraus schließe ich, dass sie existiert. Damit aber hört mein ganzes Wissen auf; alles andere ist Konstruktion.“ (Albert Camus)
Der radikale Konstruktivismus bestreitet die menschliche Fähigkeit, objektive Realität zu erkennen, weil jeder Einzelne sich seine Wirklichkeit im eigenen Kopf „konstruiert“. Der Gedanke von einer „konstruierten Welt“ spiegelt sich in der bildenden Kunst im Rückgriff auf ein einfaches geometrisches Formenvokabular wider. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts kreierten russische Künstler dreidimensionale Gebilde, welche man weder als Bilder noch als Skulpturen bezeichnen konnte. Es waren ganz einfach Konstruktionen, die auf geometrischen Grundformen und Primärfarben (Schwarz, Weiß, Rot, Blau, Gelb) basieren. Der Konstruktivismus wandte sich radikal vom Abbilden ab und forschte nach der Logik der Farb-, Proportions- und Sehgesetze.