Eine eigene Geschichte / aus reiner Gegenwart / sammelt und stapelt sich / von selbst herum um mich / während ich durch die Gegend fahr
Blumfeld. Eine eigene Geschichte.
Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast. Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!
Neues Testament, Johannes 11 (40-44)
Im Blick zurück entstehen die Dinge / Im Blick nach vorne entsteht das Glück / In höchsten Höhen, wo wir schwindeln / In tiefsten Tiefen und zurück
Tocotronic. In höchsten Höhen.
In vielen Ihrer Filme repetieren Sie ein Muster, das Sie auch ihn Ihrem letzten Film „Der Mann ohne Vergangenheit“ anwenden: Ein Mensch erfährt einen herben Verlust, der bis an seine Identität heranreicht, und dann muss er sich wieder aufrichten.
Ein Film, in dem alles immer glatt läuft, wäre ja auch ziemlich langweilig, oder nicht? So ist nun einmal meine Vorstellung vom Drama. In meinen Filmen verbiete ich mir selbst Waffen, Gewalt und Sex. Das Einzige, was also übrig bleibt, ist das Alltagsdrama. Und wenn man Dramatik im Alltagsleben finden will, muss man seinen Figuren eben ein paar Felsbrocken in den Weg werfen, die sie dann überwinden müssen … oder sie sterben darunter. Ich habe etwa drei Stile: Da sind der Rock’n’Roll-Stil und der Schwarz-Weiß-Klassik-Stil, der meistens auch Melodrama bedeutet. Und schließlich ist da noch der sogenannte „Arbeiterklasse“-beinahe-Drama-Stil.
Lassen Sie uns doch noch einen Moment bei Ihren Arbeiterklasse-Filmen bleiben. Einerseits scheinen Sie sehr viel Sympathie für Ihre Figuren zu hegen, andererseits sind Sie sehr um eine gewisse Distanz zu Ihren Figuren bedacht. Diese Distanz entsteht durch die ungewöhnliche Dialogsprache, durch die langen, theaterhaften Einstellungen und durch das Schnittmuster, das den Erzählfluss oft durch Schwarzblenden unterbricht. Wollen Sie die Identifikation des Publikums mit Ihren Figuren verhindern?
Ich will einfach nur keine sentimentalen Tricks verwenden. Ich vermeide jegliche Gefühlsduselei in meinen Filmen und in der Story. Gefühlsduselei ist immer gefährlich. Nehmen wir Hollywood zum Beispiel: Wenn sie nicht gerade die halbe Bewohnerschaft der Stadt erschießen, in der die Handlung spielt, dann drehen sie diesen „I love you Daddy“-Mist. Ich weiß nicht, was mich mehr anekelt: das Schießen oder die Gefühlsduselei.
Sie sind ja ein sehr belesener Mann.
Danke.
Bitte. Zeichnen sich in Ihren Filmen Parallelen zu Bert Brecht ab, der ebenfalls die Emotion vermied, um den Blick des Publikums auf soziale Zusammenhänge zu lenken?
Nein, Brecht geht viel weiter als ich. Ich mag die Stücke von Brecht sehr und habe mir viele davon angesehen. Aber ich denke, es gibt keine Ähnlichkeiten zwischen unseren Stilen. Im Vergleich zu mir ist Brecht fast kalt.
Sind Ihre Filme politisch?
Das kommt darauf an, was Sie unter „politisch“ verstehen. In den Sechzigern war ja alles irgendwie „politisch“, sogar der Stuhl, auf dem man saß … Nein, ich glaube nicht, dass meine Filme politisch sind. Sie sind Reflexionen der Realität. Das bedeutet freilich, dass meine Filme auch die Zustände widerspiegeln, in denen wir leben, und die sind ja nicht immer die besten. Aber ich vermeide offene politische Kommentare – schon weil ich mein Publikum behalten will. Die Leute mögen kein Kino, das ihnen klare Gedanken vorschreibt. […]
Marx’ Theorie entstammt der industriellen Moderne. Sie glauben, dass sie noch immer Gültigkeit besitzt?
Mehr denn je. Das Problem ist heute: Die Technik und Wirtschaft schreiten so schnell fort, dass es mittlerweile mehr Arbeiter gibt, als für die Produktion benötigt werden. Andererseits braucht man diese Arbeiter wieder, damit sie die Produkte kaufen, sonst ist der Kreislauf von Produktion und Absatz unterbrochen. Für die Kapitalisten ist das gegenwärtig ein großes Problem. Aber im Grunde sind auch die Kapitalisten nur ein kleines Rädchen im Getriebe der großen Maschine. Sie sind nicht mehr wirklich wichtig. Der Kapitalismus hat sich verselbstständigt und eine ungeheure Autonomie entwickelt. In diesem System spielt der Mensch keine Rolle mehr. Wenn Sie zu Nestlé in die Chefetage gehen, dann finden Sie da nur einen riesigen Computer. Und einen Raum, in dem der Geist von „Das Kapital“ schwebt. Das System wird arbeiten, bis es kollabiert – wenn es vorher nicht den ganzen Planeten zerstört. Die Menschheit ist sehr innovativ in solchen Dingen. Blind, aber innovativ. Und die Maschinen werden erst aufhören zu arbeiten, wenn nichts mehr übrig ist.
Sie kommentieren diese Verselbstständigung des Wirtschaftssystems in „Schatten im Paradies“ durch die feindliche Übernahme einer kleinen finnischen Bank durch eine größere, ausländische Bank.
Ja, eine nordkoreanische Bank.
Richtig, warum ausgerechnet eine Bank aus dem kommunistischen Nordkorea?
Einfach so. Das fand ich gut. Ich bin kein großer Fan der Globalisierung, Die Globalisierung ist der blanke Horror.
In „Der Mann ohne Vergangenheit“ zeigen Sie einen bankrotten Bauunternehmer, der mit dem Suizid so lange wartet, bis er sicher sein kann, dass sämtliche seiner Arbeiter den noch ausstehenden Lohn erhalten haben. Das ist fast vorbildlich. Sind Sie der Meinung, dass auch die Fabrikbesitzer und die Vorstände der großen Unternehmen eine soziale Verantwortung gegenüber den Arbeitern haben?
Sie haben Verantwortung, aber sie tragen sie deshalb nicht automatisch. Für sie waren die Arbeiter lange Zeit nicht viel mehr als Sklaven. Daran änderte auch der Klassenkampf nichts. Später jedoch merkten sie, dass es besser wäre, eine Mittelklasse zu schaffen, um die Arbeiter bei Laune zu halten, damit sie auch all die Produkte kaufen, die sie produzierten. Irgendjemand muss doch die Gummi-Enten kaufen. Nicht einmal die Gummi-Enten sind heute noch aus Gummi. Sie sind aus Plastik …
Die Gummi-Ente taucht in vielen Ihrer Filme auf.
Ja, vielleicht ist sie mein Rosebud. Weil ich als Kind nie eine hatte. – Klingt doch gut, oder? Sie sollten das als Titel nehmen: „Die Gummi-Ente ist mein Rosebud.“
„Die Gummiente ist mein Rosebud“. Auszüge aus einem Interview mit Aki Kaurismäki aus: Jochen Werner: Aki Kaurismäki, Ventil Verlag Mainz 2005.

