Bedingungen für ein Kunstwerk:
1. Abwesenheit langgezogener Wortergüsse politisch-sozial-ökonomischen Charakters;
2. absolute Objektivität;
3. Wahrhaftigkeit in der Beschreibung der handelnden Personen und Gegenstände;
4. äußerste Kürze;
5. Kühnheit und Originalität; meide das Klischee;
6. Herzlichkeit.“
Anton Tschechow, 1886
Anton Tschechow: Missius. Erzählung eines Künstlers
Das Volk ist mit einer großen Kette gefesselt, und Sie zerschlagen nicht diese Kette, sondern fügen immer neue Glieder hinzu – da haben Sie meine Meinung … Die Menschen haben keine Zeit, an ihre Seele zu denken, keine Zeit, sich auf sich selbst zu besinnen; Hunger, Kälte, tierische Angst, eine Unmenge von Arbeit haben ihnen alle Wege zu einer geistigen Tätigkeit versperrt, eben zu dem, was den Menschen vom Tier unterscheidet und das Einzige bildet, um dessentwillen es sich zu leben lohnt. Sie kommen ihnen mit Ihren Krankenhäusern und Schulen zur Hilfe; aber Sie befreien sie damit nicht von den Fesseln, im Gegenteil, Sie unterjochen sie noch viel mehr, da Sie nur die Zahl ihrer Bedürfnisse steigern, ohne davon zu reden, daß sie für die Pflästerchen und die Bücher bezahlen und dafür ihre Rücken noch stärker krümmen müssen. Man kann die Hände nicht in den Schoß legen und dasitzen. Freilich werden wir die Menschheit nicht retten, und vielleicht irren wir uns in vielem, doch wir tun, was wir können, und wir haben recht. Die höchste und heiligste Aufgabe der Kulturmenschen besteht darin – dem Nächsten zu dienen, und wir versuchen, nach bestem Können zu dienen.
Die Aufgabe eines jeden Menschen liegt in der Arbeit des Geistes – im beständigen Suchen nach Wahrheit und nach dem Lebenssinn. Machen Sie doch, daß für jene die grobe, tierische Arbeit unnötig wird, lassen sie sich frei fühlen, und dann werden sie sich überzeugen, welch ein Hohn im Grunde diese Bücher und Hausapotheken sind … Die Kenntnis des Lesens und Schreibens, wenn der Mensch nur die Möglichkeit hat, die Aushängeschilder an Schenken und hin und wieder Bücher, die er nicht versteht, zu lesen, eine solche Bildung haben wir bei uns seit ewiger Zeit. Nicht Lesen und Schreiben tut uns not, sondern Freiheit für eine möglichst reiche Entwicklung der geistigen Fähigkeiten …
Nehmen Sie einen Teil fremder Arbeit auf sich. Wenn wir alle, Städter wie Landbewohner, alle ohne Ausnahme, einverstanden wären, die Arbeit, die von der Menschheit zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse geleistet wird, unter uns zu verteilen, so kämen auf einen jeden von uns vielleicht nicht mehr als zwei, drei Stunden täglich. Stellen Sie sich das vor, daß wir alle, Reiche wie Arme, nur drei Stunden im Tage arbeiten, während die übrige Zeit für uns frei ist. Stellen Sie sich dazu vor, daß wir, um noch weniger von unserem Körper abzuhängen und weniger zu arbeiten, Maschinen erfinden, die die Arbeit ersetzen, und uns bemühen, die Zahl unserer Bedürfnisse auf ein Minimum zu beschränken. Alle gemeinsam widmen wir diese freie Zeit den Wissenschaften und Künsten …
Gelehrte, Schriftsteller und Künstler arbeiten mit Vollkraft, indessen sind wir von der Wahrheit noch weit entfernt, und der Mensch bleibt nach wie vor das raubgierigste und unsauberste Tier, und alles zielt darauf ab, daß die Menschheit in ihrer Mehrheit entartet und für immer jede Lebensfähigkeit verliert.
Unter solchen Bedingungen hat das Leben eines Künstlers keinen Sinn, und je begabter er ist, desto seltsamer und unverständlicher wird seine Rolle, da es sich ergibt, daß er zur Belustigung des raubgierigen, unsauberen Tieres arbeitet, um die bestehende Ordnung aufrechtzuerhalten. Und ich will nicht und werde nicht arbeiten … Nichts braucht es, möge die Erde in den Tartaros [Unterwelt, Abgrund] versinken!
Anton Tschechow, Meisternovellen. Aus dem Russischen von Rebecca Candreia. © 1946 by Manesse Verlag, Zürich, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.
Sie brauchen meine Biografie? Da ist sie:
Geboren wurde ich 1860 in Taganrog. 1879 beendete ich das Gymnasium in Taganrog. 1884 beendete ich das Studium an der Medizinischen Fakultät der Universität Moskau. 1888 bekam ich den Puškinpreis. 1890 unternahm ich eine Reise nach Sachalin durch Sibirien und zurück übers Meer. 1891 unternahm ich eine Tournee durch Europa, wo ich sehr guten Wein getrunken und Austern gegessen habe. 1892 habe ich mich mit V. A. Tichonov auf einem Namenstag amüsiert. Zu schreiben begann ich 1879 in der Strekoza. Meine Erzählbände sind: Bunte Erzählungen, In der Dämmerung, Erzählungen, Mürrische Menschen und die Novelle Das Duell. Ich habe auch im dramatischen Fach gesündigt, wenn auch mit Maßen. Bin in sämtlichen Sprachen übersetzt, ausgenommen Fremdsprachen. Übrigens, die Deutschen haben mich schon längst übersetzt. In die Mysterien der Liebe eingeweiht wurde ich, als ich 13 Jahre alt war. Junggeselle. Möchte eine Pension bekommen. Praktiziere als Arzt, und zwar soweit, daß ich im Sommer manchmal gerichtsmedizinische Obduktionen vornehme, die ich schon 2-3 Jahre nicht mehr durchgeführt habe. Unter den Schriftstellern bevorzuge ich Tolstoj, unter den Ärzten – Zacharjin. Aber das ist alles Unfug. Schreiben Sie, was Sie wollen. Wo keine Fakten sind, ersetzen Sie sie durch Lyrik.
Anton Tschechow, 1892
Kämpft also nur mutig fort, ihr gnädigen Herren vom Kapital. Wir haben euch vor der Hand nötig, wir haben sogar hier und da eure Herrschaft nötig. Ihr müßt uns die Reste des Mittelalters und die absolute Monarchie aus dem Wege schaffen, ihr müßt den Patriarchalismus vernichten, ihr müßt zentralisieren, ihr müßt alle mehr oder weniger besitzlosen Klassen in wirkliche Proletarier, in Rekruten für uns verwandeln, ihr müßt uns durch eure Fabriken und Handelsverbindungen die Grundlage der materiellen Mittel liefern, derer das Proletariat zu seiner Befreiung bedarf, zum Lohn dafür sollt ihr eine kurze Zeit herrschen … aber vergeßt nicht – der Henker steht vor der Tür.
Friedrich Engels, 1848
Tschechows Kirschgärten
Anton Pawlowitsch Tschechow, der sich in seiner Jugend mit einem bewussten Schreibfehler an der „medi-zynischen Fakultät“ eingeschrieben hatte, hat als Arzt unentwegt den Menschen gedient, sei es als Landarzt, sei es während der großen Choleraepidemie oder während seiner Reise auf die Sträflingsinsel Sachalin. Seiner eigenen Krankheit, dem schon früh auftauchenden Bluthusten, hat er sich niemals fatalistisch hingegeben, obwohl er sehr wohl erkannte, was dies bedeutete. Mit vierundvierzig Jahren war er tot. Tschechow als Arzt ist immer doppelgesichtig: kalter Analytiker und praktisch tätiger Humanist. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Das Gleiche, was für den dichtenden Arzt gilt, gilt auch für den Arzt als Dichter: Mit dem Blick des Mediziners betreibt er die Autopsie seiner Gesellschaft. Nicht als hoffnungsfroher Tragöde, sondern als desillusionierter Komiker, der die Mechanik von Psyche und vor allem der Physis der Menschen kennt und beschreibt - vor allem dann, wenn ihnen nicht mehr zu helfen ist.
Der Kirschgarten.
Endspielartiger Abgesang auf die absterbende Gesellschaftsschicht, die Russland vor der Oktoberrevolution dominierte. Seine Stimmen auf der Bühne kommen aus drei zeitlichen Richtungen. Firs’ Stimme kommt aus der Vergangenheit, als der Kirschgarten noch voller Leben und Arbeit war, schön, aber auch produktiv. Ljubow Andrejewna und ihr Bruder Gajew sprechen aus der Gegenwart: von einem Garten, der bereits nicht mehr um seiner selbst willen wichtig ist, sondern nur noch aus persönlichen Gründen: er wird als Denkmal im Lexikon geführt, ein unnützes Schaustück, aber eng mit der Kindheit verbunden. Aus Lopachin spricht schließlich die Stimme der Zukunft, die uns die Notwendigkeit verdeutlicht, den Garten zu opfern. Und damit ist Der Kirschgarten im Wesentlichen ein Drama über zwei Zeiten. Es handelt von der Vergangenheit, die bis zum Verkauf andauert, und von der Zukunft, die mit dem Verkauf beginnt. Die in Deutschland immer noch dominierende Herangehensweise an Tschechow (und mit Grund für seine stete Beliebtheit auf den deutschen Bühnen) ist der traditionell an Stanislawski geschulte psychologische Realismus, der im Extrem einen dermaßen realistischen Realismus hervorgebracht hat, wie es ihn in der Realität selbst nicht zu geben scheint. Stanislawski, Tschechows Uraufführungsregisseur des Moskauer Künstlertheaters, förderte und forderte die (scheinbar) realistische, elegische, tragödische und sentimentale Spielweise. Hier treffen sich russische und deutsche Seele und die Vorurteile der einen über die andere. Elegische Stimmungsmalereien waren Tschechow zutiefst verhasst. Tschechow litt. Er schrieb gegen den eigenen Tod an, und litt doppelt. Er war bereits ein Star und wurde von aller Welt bedrängt und gesucht, und litt dreifach. Er fand sein privates Glück erst kurz vor dem eigenen Tod, und litt umso mehr. Aber, könnte man sagen, sein Leiden war das verzweifelte Leiden an der unbeirrbar fortwährenden Existenz des Menschen, an der quasi religiösen Prüfung, die er durchleiden musste, wie sein bigotter Vater es ihm in früher Kindheit eingeprügelt hatte, was auch nicht unkomisch war. Auf einem Foto sieht man Tschechows Vater als Gärtner, Bäume gießend. Es heißt, er habe dabei ohne Unterbrechung Choräle gesungen.
Der Kirschgarten ist Tschechows letztes Stück. Ein halbes Jahr nach der Uraufführung am 17. Januar 1904 stirbt Tschechow im deutschen Heilbad Badenweiler. Freunde Tschechows haben bemerkt, das Stück habe dabei geholfen, seinen Autor umzubringen. Besser gesagt: die Uraufführungsinszenierung. Am Vorabend der Premiere habe Tschechow sich aus Verzweiflung über die Regie derart erregt, dass er die ganze Nacht im Fieber fantasierte. Zu den Proben, an denen er teilgenommen hatte, durfte er da schon nicht mehr gehen. Nach den schlechten Erfahrungen mit einer sentimentalen Aufführung seiner Drei Schwestern war Tschechow vorgewarnt. „Das nächste Stück, das ich schreiben werde, wird unbedingt komisch, sehr komisch, zumindest im Plan“, schreibt er. Stanislawski verstand Tschechows „Komödie“ jedenfalls grundlegend anders. Nichts Gutes verhieß ein emphatisch begeistertes Telegramm des Regisseurs an den Autor als Reaktion auf das Stück vom 20. Oktober 1903: „Bin erschüttert. Kann nicht zur Besinnung kommen. Befinde mich in unerhörter Begeisterung. Halte das Stück für das Beste all des Wunderbaren, das Sie geschrieben. Gratuliere von Herzen dem genialen Verfasser. Empfinde, erschmecke jedes Wort.“ Tschechows Kommentar gegenüber seiner Frau Olga Knipper: „Heute habe ich ein Telegramm von Aleksejew bekommen, in dem er mein Stück genial nennt; das bedeutet das Stück hochloben und ihm die gute Hälfte des Erfolgs nehmen, den es unter günstigen Umständen haben könnte.“ Tschechows Gespür war dann auch zuverlässig. Am 22. Oktober geht Stanislawski noch weiter: „Ich habe geweint wie ein Weib, habe mich zu beherrschen versucht und konnte es nicht. Ich höre noch, wie sie sagten: Aber verzeihen Sie, das ist doch eine Farce …! Nein, für einen einfachen Menschen ist das eine Tragödie!“ Das Missverständnis war geboren. Tschechow, tief beunruhigt, will also bei den Proben dabei sein. Er schreibt am 23. Oktober 1903: „Ich möchte sehr gern auf den Proben sein, zusehen. Ich habe Angst, daß Anja in weinerlichem Ton spricht. Ich habe Angst, daß sie von einer alten Schauspielerin gespielt wird. Anja weint bei mir kein einziges Mal, spricht nirgends in weinerlichem Ton, sie hat im 2. Akt Tränen in den Augen, aber ihr Ton ist fröhlich, lebhaft. Warum sprichst du in deinem Telegramm davon, daß in meinem Stück viel geweint würde? Wo denn? Oft heißt es bei mir – unter Tränen –, aber das bedeutet nur die Stimmung der Person, nicht Tränen! Im zweiten Akt gibt es keinen Friedhof.“
Wenige Monate vor seinem Tod war Tschechow sich jedenfalls sicher, dass Stanislawski sein Stück ruiniert hatte, wie er schreibt. Während der Chefdramaturg Nemirowitsch-Dantschenko dem Autor kurz vor der nahen Premiere von „glänzenden Proben“ berichtete („Der vierte Akt – Großartig! Nichts auszusetzen! So siehts aus!“), weigerte sich Tschechow jetzt hartnäckig, zur Premiere zu erscheinen. Zuletzt hatte Stanislawski versucht, aus der Abschiedsszene sozusagen das Letzte herauszuholen. Zitat Tschechow: „Im vierten Akt zieht Stanislawski alles qualvoll in die Länge. Wie ist das schrecklich! Ein Akt, der 12 Minuten Maximum dauern soll, läuft bei euch 40 Minuten.“
Tschechows Kirschgarten.
Im März 1892 kauft Anton Tschechow südlich von Moskau das Gut Melichowo, nach langer Suche, es zieht ihn, den berühmt gewordenen Schriftsteller, aufs Land, der Ruhe wegen. Er kauft Wälder, Teiche, Ställe mit etwas Vieh, einem Garten, einem kümmerlichen Bach. „Das Gut“, schreibt er, „habe ich mit allem Schmutz übernommen, alles war verrottet und kaputt.“ Und: „Es ist schön, Lord zu sein. Man hat viel Platz, hat es warm, niemand rennt einem die Tür ein, aber leicht kann der Lord auch zur Concierge oder zum Portier werden. Das Gut kostet 13 Tausend, und ich habe nur ein Drittel bezahlt. Der Rest bleibt eine Schuld, die mich noch lange, lange an die Kette legen wird.“ Der Gedanke, dass er ewig schreiben muss, um den Hof abzubezahlen, vergiftet ihn. Im Stück Der Kirschgarten, das den Zusammenhang zwischen „Geld und Gut“ ja permanent verhandelt, steckt sicherlich auch viel von der Sehnsucht Tschechows nach Unabhängigkeit, die man sich mit Abhängigkeit erkauft. Schon das war ihm eine Pointe. Eine der ersten Notizen zu seiner Komödie lautet: „Im ersten Akt borgt sich X, ein anständiger Mensch, von N. hundert Rubel und gibt sie vier Akte lang nicht zurück.“ (1901). Dass man den Wert von allem und auch den Wert der Menschen dann gegenseitig ganz offen verhandelt, wie das im Stück laufend geschieht, ist nur ein Beispiel für Tschechows Technik, das Farcehafte, das untergründig Komische und Absurde am Tatsächlichen herauszupräparieren.
Tschechow hatte zeitlebens mit seiner Tuberkulose zu kämpfen. Der Schwere der Krankheit war er sich immer bewusst, schließlich war er Arzt. Wie seinen späteren lungenkranken Kollegen Thomas Bernhard hat ihn die Krankheit in die Lage versetzt, eher mitleidlos die gesellschaftlichen Diagnosen zu stellen, für die er berühmt wurde. Und er hat – ebenfalls wie Bernhard – sein Werk dem Verschwinden, dem Vergehen, der Auslöschung von Zivilisation, von Gemeinschaft, von Natur, von Genie gewidmet. Die gesundheitliche Lage war ihm klar, aber nicht die Therapie. Tschechow ist auf der Suche nach Genesung quer und kreuz durch Russland und Europa gereist, widersprüchlichen Ratschlägen folgend. Er ist immer dem für seine Krankheit scheinbar passenden Klima hinterhergezogen. Wenn man ihm riet, die Stadt der besseren Luft wegen zu verlassen, zog er aufs Land, obwohl er das russische Land im Herzen doch hasste, weil es für ihn roh, ungebildet, unmenschlich war. Als er in kontinentalen, trockenen und kalten Klimazonen lebte, empfahl man ihm das Gegenteil: Warm und feucht. Er verkaufte und zog auf die Krim, wurde heimisch in Jalta; als er merkte, dass ihm auch hier nicht zu helfen war, weil alles schlimmer wurde, wollte er über das Kurbad Badenweiler in Deutschland nach Italien gehen. Er reiste sein Leben lang, sah seine frisch geheiratete Frau nur selten, aber seine Notizbücher sind voll mit Skizzen von Landgütern.
Uwe Bautz

