Das Abhandenkommen der Staaten von PeterLicht

Textbuch

1. Teil: Prolog

Sag mir, wo ich beginnen soll
Wir sollten so beginnen:
Wir singen die Freiheit
Wir singen die Möglichkeiten
Wir singen das Land, den Staat, die Ansammlung, die Ausbreitung, die Einsamkeit, die Hoffnung (die sich tatsächlich erfüllt) und die Trauer (die tatsächlich da ist)

Der Tag beginnt.
Das ist viel.
(Er könnte es auch nicht tun)

Wo ich beginnen soll?
Wir singen das Lied
Wir singen:

Und es singt sich: von selbst.
Es ist das Lied der vielen, der sehr vielen
es ist wirr und entgegengesetzt
es ist eines jeden Lied
es ist das Lied des Schwarms

Ich bin ein Teil des Schwarms
ich habe kein Gesicht
du bist ein Teil des Schwarms
Du – du hast unendlich viele
(du hast ein statistisches Gesicht)
Sie hören nicht auf. Es geht immer weiter. Gesichter. Gesichter. Gesichter

Ich setzte mich auf einen Stuhl an einen Tisch in die Prärie
und ihr alle zieht vorbei
ich klopfe euch einen Stempel in den Pass/in euer Genom
ich scanne eure Zeichen:
ich hab euch alle gesehen
ihr blickt mich an
ich stempel euch im Gehen
ich scanne euch im Gehen
die Reihe zieht sich die Hügel entlang und die Ebenen
es ist viel Luft hier und Licht und die Halme wiegen im Wind
das Präriegras
dort sollten wir beginnen:
in der Mitte des Schwarms

Wir laufen durch ein Bild.
In dessen Mitte sich tatsächlich ein goldener Ball befindet
der – unbeschriftbar hell –
sich weitet
mit jedem Herzschlag
mit jedem Sonnenaufgang
mit jedem beginnenden Frühling

Erst morgen werden wir wissen, wie glücklich wir heute waren

Wir laufen durch ein Bild und unsere Proteinkettenseelen wissen
es ist ohne Belang
ob wir wissen
wie glücklich wir heute waren

Die Hügel entlang im Saum das Abendrot in den Bäumen
Es hangelt sich der Strom von Energieträger zu Energieträger
in sich entfernenden Wellen
die Infrastruktur, die niemals schläft
und näherkommt bis an dein Haus, wo auch immer es steht.

Es wechselt das Licht auf dem Türblatt
sie war geschlossen
jetzt ist sie offen

Es dreht sich das Blatt
es wechselt die Farbe
es wechselt der Zustand
es wechseln die Zeichen.
Es wechselt sich
in der Mitte der Zone, in der sich die Vektoren begegnen
in der Mitte des Modells
in der Mitte der Modelle (denn: es gibt nur ein Modell)
in der Mitte der Meinungen
die alle gemeinsam gebündelt genommen
dann eine Meinung ergeben
einen Meinungsklumpen
einen Haufen
zu dem man hinfährt
seinen Kofferraum entleert
und befreit davonfährt
pfeifend
seiner Meinung entledigt

In der Luftzone
in der unsere Köpfe durch die Straßen gleiten
da zwitschert und funkt es und streut sich
Die Begriffe, die auf Schallwellen daherkommen wie Pollenflug
sie reiten durch den Schwarm
Es bilden sich Wortschlangen
aus denen sich Meinungen bilden
und jede Meinung
hat in ihrer Mitte
das Frequenzsignal
mit der Wortreihe
„Hallo. Hier. Bin. Ich.“

Und so könnte dies hier nun enden.
In der ewigen Abfolge von
„Hallo – hier bin ich.“

… … … hallo hallo hallo hallo hallo … … … hier:
Ich.

Ich hab kein Gesicht. Und du hast keins.
Dein Gesicht ist ein statistischer Vorgang
ein gemittelter Wert
und ob eine Wahrheit sich zeigt auf deiner äußeren Form
als Ausblühung des Inneren
diese Frage entzieht sich
und sackt weg
mit dem Zweifel
wie verblühende Anemonen
Leise. Sanft.
Zack. Weg.
Blatt für Blatt

Die Frage, ob eine Wahrheit sich zeigt
als Ausblühung des Inneren
auf der äußeren Form
deines Gesichts
deines Lebenslaufes
deiner Freunde
deiner Liebe
auf der äußeren Form
einer Meinung
einer Statistik
eines gesellschaftlichen Vorganges
eines Themas
einer Ungerechtigkeit
einer Idee
eines Unterganges
einer Umwälzung
einer Revolution

Die Frage nach sich zeigender Wahrheit
diese unendliche Frage
(so viel Fragen wie Herzschläge, die dir bleiben)
diese Frage entzieht sich
sie kippt weg wie Sand in der Welle
was bleibt ist die Entscheidung:
trennen oder bleiben?
es gibt keine ganze Anwort auf die halbe Frage
es gibt Kaputtheit
das Ende der Kritik ist die Antwort ohne Sinn
was bleibt ist ein ziehender Schwarm
und eine weite Linie am Horizont
grüne Gräser Halm für Halm
auf und ab
im Schwung
entlang der Ebene
bis hoch auf die Höhen
und wieder hinab in die Senken
eine mathematische Vielfalt
an Blüten
an Existenzen
an biologischen Einheiten
an biografischen Seifenkisten
sozialen Skulpturen
links- oder rechtsdrehenden Identitäten
was bleibt ist eine genetische Energie von Leben
und die 2 Fragen:
    – lebt es?
    – oder lebt es nicht?

Ankündigung
Die Geschichte der Zellteilung ist die Geschichte der
Zellschmelze ist die Geschichte der Zellteilung ist die Geschichte der
Zellschmelze ist die Geschichte der Zellteilung ist die Geschichte der
Zellschmelze ist die Geschichte der Zellteilung, der Zellschmelze, der Teilung, der Schmelze, der Teilung der Schmelze …

irgendwann wird sich irgendwas ändern
das ist eingeschrieben in die DNA
Es kündigt sich an
es staut sich auf
es entlädt sich

Du rauschst durch die Nacht               
auf einem Treibsatz durch das Geflecht
der Vorstädte
der Hauptstädte
der Wälder und Wiesen
Halm für Halm.
Irgendwo dort
in einer glasigen Nacht
springt ein Hund dir vor den Wagen
dein Wagen springt in den Hund
es bildet sich eine Öffnung
du springst in die Bremsen,
springst raus auf die Straße.
Aus der Ferne springt herbei durch die Nacht eine schreiende Frau.
Sie ist außer sich
der Hund! der Hund! der Hund!
sieh dieses Wesen!
Es säumt deinen Pfad.

Es springt herbei ein nächtlicher Schwarm
eine Urgemeinde
sieh die Öffnung!
sieh diese Wesen!
Sie säumen deinen Pfad

Der Pfad formt sich zur Trasse
an einem anderen Weltpunkt
an einer anderen Stelle des Schwarms
in genau deiner Weltzeit,
die sich über dich breitet
wie der nächtliche Wolkenflug

Es ist dein Schwarm
an den Rändern unterwegs
der Erkenntnis
der Geschichte
der Sichtbarkeit

Ich stand
umgeben von Bäumen
auf trockenem Gras
Es war ein Kreis von Bäumen
dahinter freie Fläche
freie nächtliche Felder
Anemonenfelder
heller Mond

In der Ferne
an den Rändern
der atomschwarzen Aussicht
eine weite Linie am Horizont

2. Teil: Vorgeschichte

a. wie es damals war

All die Jahre waren die Bürger des Zwergenstaates mit kreiselnden Bewegungen beschäftigt. Am Tage räumten sie beiseite, was sie des Nachts türmten. (Und das ging allen so – den Insassen des Staates wie ihren Verwaltern. Den Planern wie den Schippenden, den Abschöpfern wie den Reinschmeißern, den Bankleuten, den Designern, den Aufsässigen, den Rabauken – jedem in seiner Art). Nachts färbten die Bürger die Segel schwarz und schleppten sie heimlich in die Nähe der Küsten. In ihre Badewannen schütteten sie Aschen und Tinten, Ölreste und gestoßene Graphite. Sie rührten Pampen an in den Badewannen und bestachen die schwarzen nächtlichen Suppen mit Besenstielen. Überall im Staate hörte man es des Nachts glucksen und plumpern, wenn man genauer hörte durch die gekippten Fenster. Wenige waren draußen zu treffen. Die Meisten standen in ihren dunklen Bädern und warfen die schwarzen Aschen, die Graphite und Öle in die Becken. Wenn es dann leise war, zogen sie die Segel aus den Hinterschränken hervor hinter den Mänteln und Jacken, hinter den Kisten und Säcken, hinten in den Schränken. Dort knäulten die Stoffe.
Alle hatten am Tage Stoffe stibitzt, aus denen sie Segel machten. Immer mal wieder übers Jahr verteilt. Mal dort, mal dort. Nur die festen, guten Stoffe eigneten sich für die Segel. Man ging umher und sah man irgendwo ein gutes Stück Stoff liegen, fragte man, ah hallo … und man kreiselte herum. Ja nun, was … was … brauchen Sie das noch? Dieses Stück? Sehen Sie … wissen Sie … ich … könnte … vielleicht könnten Sie … wenn … also … DAS DA! … Ich könnte … Sie brauchen doch nur … vielleicht könnten … ich könnte … wissen Sie … ICH bräuchte … könnte … würde gerne … das Stückchen … das Stöffchen … wissen Sie … WIE WÄR’S? So wechselten die Stoffe (nur die guten festen) über die Jahre den Platz und sammelten sich an. Ein jeder sammelte seine Stoffe und in den dunklen Nächten fügte man sie zusammen, wenn man alleine war. Es war nicht leicht, allein zu sein, denn der Staat mochte das Alleinsein nicht. Er wollte nicht einsam sein. Er organisierte sich in Gruppen. Es war so gedacht, dass der Staat immer mindestens einen Bürger zur Seite hatte oder besser deren viele. Am liebsten sehr viele. So hob der Staat mit großer Hingabe das Alleinsein auf und stand lächelnd auf der Tribüne. Doch irgendwann ergab sich immer eine einsame Stunde. Die Zwergenbürger standen in ihren dunklen Bädern und fügten Stoffe zusammen. Man zwirnte sie aneinander so dass sich immer mächtigere Segel ergaben. Mächtige stolze Segel, die sich wölben würden im Wind. Die Segel würden sich bäumen und an den Masten zerren. Man würde Fahrt aufnehmen und über die nächtliche See ziehen. Und wenn die Sonne aufginge wäre man schon in Syracus oder am Skagerrag. Und so knisterte und stichelte es des Nachts durch die gekippten Fenster des Staates. Das war bekannt im ganzen Land. Jeder wusste es heimlich. Nicht aber dass jemand jemals darüber sprach.

Schaute man genauer hin des Nachts auf die Straßen und Wege des Staates. Oder sah man in die Wiesen und Felder und wartete, bis sich die Pupillen weiteten, und wenn sich im Blick das Grau vom Schwarz trennte, wenn man sich Zeit ließ und genau achtete, dann konnte man des Nachts ein leises Ächzen hören, ein Gehieve und Gezerre. Große Mühen waren unterwegs! Man sah dort in den dunklen Ecken des Staates, wo keiner hinsah, die Bürger, wie sie große Stangen durch die Gegend in Richtung Küste durch die Dunkelheit zerrten. Baumlange Stangen. Fuhr aber ein Wagen erhellend vorbei mit seinem Lichtkegel oder ging eine Rakete durch den Himmel und brachte das Land kurz zum Leuchten mit seinem Feuerschweif, dann verschwanden die Bürger sofort. Sie ließen die Stangen stehn und liegen. Und sprangen in die Gräben, dass sie keiner sah. Und tatsächlich: keiner sah jemals einen stangenschleppenden Bürger in all den Jahren, die es den Staat gab. Man wunderte sich allenfalls Stunden später im hellen Morgen über die Stangen die dort lagen, überall verstreut im ganzen Staat. Fiel die Dunkelheit dann abermals über das Land, krochen die Bürger wieder aus ihren Verschlägen, kehrten zurück zu ihren liegengebliebenen Stangen und schleppten sie weiter in Richtung Küste. Und so war die Nacht erfüllt mit dem Ächzen und Grunzen der Stangenschleppenden und dem Bollern und Knarren der geschleppten Stangen. Es waren herrliche Stangen, biegsam und gerade im Wuchs. Frisch und schön. Wie geschaffen ein Mast zu sein auf einem nächtlichen Schiff.

Es fehlte aber im Staat in großen Mengen an Booten, auf die man die Masten hätte stellen und die Segel hätte hissen können. Das war nicht gut. Ohne Boot steht kein Mast und ohne Mast wölbt kein Segel. So begannen die Bürger in großen Mengen zu kauen. Man sah in den darauffolgenden Jahren eigentlich nie einen unkauenden Bürger. Immer waren die Kiefer im malmenden Auf und Ab. Doch auch dies erkannte man nur bei genauestem Blick. Man könnte heute nicht mehr sagen, ob es wirklich so war, aber es war so: ein allgemeines Kauen überall. Hätte man die Münder der Bürger geöffnet, hätte man den Grund gesehn. Versteckt in hinterer Reihe, nah den dicken Knackern, nahe der Gurgel, dort heimlich abgelegt hinter dem Zahnfleisch: Gummi zum Kauen. Kaugummi. Man kaute Kaugummi im Staate in genauso großen Mengen, wie es im Staate Boote nicht gab. Man sammelte die gekauten nassen Gummis, man lagerte sie unter Luftabschluss in Tüten oder verschraubbaren Gläsern, so dass sie weich und klebbar blieben. Man hatte herausgefunden, dass sich der Stoff aus dem die Autos waren, verwunderlich gut verband mit den nassen weichen gekauten Gummis. Und so konnte man aus einem Auto ein Bötchen bilden, wenn man es geschickt und fleißig betrieb. Wer also ein Auto hatte, der begann die Stellen dichtzukleben, an der die Achse aus dem Gehäuse kam. Schob man das Auto ins Wasser blieb das Wasser draußen und das Auto schwamm. Man klebte den Motor von unten ab und den Auspuff zu. Man machte alle Löcher zu, so dass tatsächlich die Autos schwammen. Gegen Ende der Neuzehnhundertachtziger Jahre waren in dieser Art eigentlich alle Kunststoffautos des Landes ausgebaut. Manche, die nicht im Besitz eines Wagens waren, versuchten das Äußerste: sie klebten Boote aus purem gekauten Gummi. Sie bauten es auf. Schicht um Schicht. Das war ein Kauen und Malmen in dieser Zeit! Zu Hause in ihren Kammern und im weiteren Baufortschritt dann in den abgeschlossenen Garagen, klebten die Bürger in Geheimarbeit ihre Gummis aufeinander. Man schwieg und klebte. Man zog es glatt und legte Schicht auf Schicht. So gab es draußen in den Läden nie Gummi zum Kauen zu kaufen. Das war ein Mangel im Staate. Immer knapp. Und an den Küsten stachen 1989 vereinzelt die ersten Speichelboote in See. Niemand weiß, was mit ihnen geschah. Die gespeichelten Boote, die geschwärzten Segel, die geschleppten Stangen. Alles aus reinster Privatinitiative geschaffen. Keine Boote-Industrie (trotz hohem Bedarf!), keine Infrastruktur, keine technische Entwicklung, keine Lehrberufe in diesem Wirtschaftssegment, keine Karrieren, keine Akquise, kein Außendienst, keine Betriebskrankenkasse der Speichelbootebauer. DA DAUERT ES EIN WENIG LÄNGER. Nach 40 Jahren Entwicklungszeit waren die Boote am Start. Und nie ist ein Boot nach Syracus gelangt.

Die Bürger des Zwergenstaates trieben Stollen in die Erde. Sie gruben Gänge. Je weiter sie vordrangen, umso mehr verdunkelte es sich. Niemand wusste so recht, wohin die Gänge gingen. Ein Ausgang war nicht wirklich in der Berechnung. Manche vergruben sich, wie man sich verläuft oder vertut. Die Gänge gingen kreuz und quer. Ein jeder grub seinen eigenen Gang. Es war nicht offen für alle. Und nur halbgesagt. Ein paar wussten Bescheid. Sie verhielten sich unterirdisch mit ihrem Wissen. Sie senkten es in die Schächte ihrer Seelen. Sie ließen es hinab in Eimern an langen Seilen. Die Eimer schwangen in die Tiefe. Auf dem Grund der Gräben und  Schächte entzündete man Lampen und wärmte sich. Es flackerte im Schatten an den Wänden. Das Seelenflackern dauerte, bis jemand kam, dem man misstraute. Und es gab derer viele. Es gab den Beruf still umherzugehen, zu misstrauen und misstraut zu werden. Die Misstrauten schrieben ihre Berichte. In ihre Akten oder Gedanken.

Es gab auch welche, die lebten auf den Dächern ihrer Hoffnung. Sie versuchten durch die Luft zu entkommen. Das war für diese vollkommen, denn ihre Sehnsucht lokalisierten sie im Kopfteil ihrer Körper, über der Schädelplatte ihres Wesens. Die vollkommene Luft, in der ihre Sehnsucht unterwegs war. Und ihr Hoffnungspunkt war die Vorstellung vom Ausstieg auf dem Dach. Aus einer Dachluke hinaus ins Freie. Über den Dächern der Stadt. Ihr Hoffnungspunkt war eine Konstruktion, die oben ins Freie führte. Ein Stahlgestänge oder eine Holzplattform, so dass ein Luftschiff daran hätte festmachen können. Und sie wären die Etagen hoch durchs Gebälk gestiegen und aus dem Inneren ihrer Häuser durch die Luke hinübergegangen ins angedockte Schwebende Schiff. Stehend auf der ungeländerten Plattform hoch oben mit dem Blick in die Tiefe. Das Luftschiff wäre gekommen. Hätte angedockt. Seine Öffnung geöffnet. Hätte den Luftikus aufgenommen, wäre mit ihm davongezogen durch die Wolken und hätte ihn entlassen irgendwo anders über freiem Feld.

Und da fällt er heraus aus dem Flugding, der Luftikus, kreiselnd durch die Wolken. Die Luke steht offen. Die Luke schließt sich. Ein Flecken im Himmel. Der Schirm geht auf. Der Pollen sinkt. Landet in einer anderen Welt.

b. Innenwelt

Eine allgemeine Vorstellung von Flucht
in den Köpfen
über die Felder
durch die Wälder
durch die Bauchdecken der Infrastruktur
durch Schleusen und angrenzende Sinnabschnitte des Städtebaus
durch Häute, Häfen und Traversen
bei Nacht oder im frühen Morgen
zwischen den Bäumen
oder über den nackten Beton
an den Containern vorbei
geschützt durch den Schatten
durch die abgedunkelte Luft

Eine Vorstellung von Flucht
in den Köpfen wie in Rundkesselzentrifugen das Szenario vom Rauskommen
eine rundlaufende 360° Innenwandprojektion im Inneren meines Schädeltopfes
ein umlaufendes Blinklicht
ein Suchscheinwerfer im Blumenkohlfeld

Irgendetwas möge die Zentrifuge verlassen!
ein Teil von mir oder meine Hälfte
oder ich als Ganzes
oder ein Laut von mir oder ein Bild

Die Erfindung des Systems ist die Erfindung der Flucht

Der Aufbau einer geschlossenen Abteilung ist das Graben des Fluchttunnels

Mein unversehrter Zusammenhang. Ich geb alles auf. Ich verflüssige mein Festes. Ich verkauf meine Sachen und verflüchtige mich

Boote
Gräben
Luftschiffe

Möge sie mich nach draußen bringen

All die Jahre
wir die Bürger des Zwergenstaates
unterwegs in kreiselnden Bewegungen
am Tage räumen wir beiseite, was wir des Nachts türmen
in der Dunkelheit träumen wir herbei, was wir des Tags verdunkeln
das Gebilde meines anderen Lebens schichtet sich auf
und wird immer größer
am Horizont die Bauten meines anderen Lebens
die sich aufschichten
ich seh sie über die Mauer hinweg
sie sind unübersehbar
sie sind größer als jede Mauer
sie stoßen durch jeden Nebel
durch jede Wolkendecke
der Horizont ist voll
wir sind umstellt
von den Bauten
des nicht stattfindenden Lebens
sie sind riesenhaft
es sind Riesen
sie stellen den Horizont voll
und die Riesen stampfen herbei
sie kommen näher
Ich werde kleiner
MEIN Leben wird kleiner

mein ANDERES Leben ist ein kommender Riese

Irgendwann wird sich irgendwas ändern
das ist eingeschrieben in die DNA
Es kündigt sich an
es staut sich auf
es entlädt sich

meine Geste ist der Trotz und die Wut

Das sind nicht die Gesten des Riesen
der Riese hat keine Geste
die braucht er nicht
seine Haltung ist das Kommen
seine Sache die ANKUNFT

Und da isser!
Hallo Riese!
Hallo mein anderes Leben!
Hallo mein stattfindendes nicht stattfindendes Leben!
Gegrüßet seist Du Maria!
Ich werfe mich Dir durch die Wand.

3. Teil: Momentum

Oh große Schönheit dieses Moments
oh heilige Größe dieser Nacht, dieser Nächte
dieser – und all der folgenden.

Ich, jetzt,
Mensch dieser Zone,
Mensch unter Menschen
ich, bei Kräften und bei klarem Verstand,
ich habe den Übergang gesehen

Ich habe eine helle Öffnung gesehen. Ich bin hindurchgegangen.
Durch eine große helle Öffnung, die sich durch die Wand zog. Ich blickte durch. Ich sah auf die andere Seite.
Wir waren viele. Hunderte. Tausende. Die ganze Welt war auf den Beinen.
Und wenn wer da draußen nicht laufen konnte, dann liefen wir für ihn mit.

Oh große schöne Nacht: eine geöffnete Wand. Und aus der liefen sie.
Die jungen Männer, die jungen Frauen, die Kinder, die Alten
Alle gesund an Herzen und Verstand
Sie liefen hinüber auf die andere Seite
sie tasteten sich vor.
Tastend.
Man glaubte es nicht.
Sie gingen zurück. Sie blieben stehen. Sie sahen sich um. Sie gingen hin und her. Sie hatten die Wahl. Sie wählten das eine oder das andere.
Oh sternenheilige Nacht!

Das war, als alle noch lebten
soweit ich mich erinnere, war damals noch keiner tot.
All die Menschen!
All die lebenden Menschen!
Oh sternenheilige Nacht!
keiner fehlte (man glaubt es ja nicht)
Niemand war nie jemals gestorben.
Tumorlose Körper. Tumorlose Bäuche. Tumorlose Köpfe. Tumorlose Lungen und Hirne.
Sie waren alle da. Gesund an Körper und Glück.
Ungeschossene Häute
Ungeschossene Stirnen
Ungeschossene Brustkörbe
Depressionsfreie Knochen
Freie Herzen
pulsierende kalklose Herzen
angstlose freie Ringpupillen
weiche Sohlen
Niemand abgeschossen
Niemand abgetrieben aus dem Fluss seiner Biographie
Niemand ermurkst
Niemand kleingedrückt
Niemand eingeglast in die Geruchsbibliothek eines Staates (welches Staates auch immer)
Niemand eingenebelt im Rauch von Nebelkerzen
Niemand in den Tränen der Tränenkerzen
Niemand erlegt
und waidgerecht aufgereiht
am Straßenrand oder Notlazarett oder Erfassungssystem oder Sozialisation

Noch niemand war gegangen. Wir waren komplett.
Und wir waren nicht allein.
Damals.
Es waren alle da.
Und wir liefen von einer Seite zur anderen
und es gab in der Betrachtung des Vorganges nur die eine Seite, daß es nämlich gut war, wie es war.
Ohne Kalkül
es war ein großes volles Leben

Alle da
Alle vorhanden
Ein Schweif zieht über den Himmel
Eine weiße Wolke
ein weißes Feld erhellend ziehend über das nächtliche Feld

Wir waren damals in der Lage das Gute aus sich selbst heraus zu erklären
Wir brauchten dafür nicht die Abwesenheit von Schlechtem, von negativer Kraft
Wir sagten: „Die Welt war gut, weil sie gut war.“
Wir mussten nicht sagen: „Die Welt war gut, weil das Schlechte fehlte.“
Wir sagten nicht: die Welt ist gut, denn es fehlt die Ironie
Wir sagten nicht: die Welt ist gut, denn es fehlt die Verwirrung
Wir sagten nicht: die Welt ist gut, denn es fehlt die Trennung
Das alles sagten wir nicht.

Wir sagten: es ist gut, wie es ist
wir hobelten keine Späne von der Gegenwart
wir liefen durch sie hindurch
wir setzten nichts in Beziehung
wir setzten keine Beziehung des einen zum anderen
ein Stein war ein Stein
der Tod war der Tod
die Liebe war die Liebe
wir trugen nichts hin und her
wir hievten nichts von einer Stelle zur anderen
und schleppten dann wieder zurück
wir gingen nicht drei Schritte vor und zwei zurück, dann zwei wieder vor und drei wieder zurück
wir sagten nicht: „Nun gut, wir haben das eine, aber gut, es mangelt am anderen“
wir sagten nicht: „Nun gut, ich spüre nichts, aber gut, gut, dass ich nichts spüre“
wir sagten nicht: „Herrlich, ich stelle meine Welt voll, aber ungut, ich kann mich nicht finden“

Wir relativieren nicht unsere Biographien
Wir sagten:
    wir beginnen
    wir handeln
    wir enden
Wir sagten nicht: „Es gibt keine Entscheidung, was es gibt, ist ein Fluss, der dahinfließt von einem ins andere, und wir sind ohne Wissen im Fluss“

wir sagten nicht: „Wir sind entscheidungslose Wesen.“
wir sagten nicht: „Unsere Wahl ist keine Wahl, sondern eine Luftgitarre“

Es gab eine Entscheidung
Es gab eine Wahl
Es gab zwei Tore, durch die wir gehen konnten
sie standen offen da
Hinter dem einen war Tag, hinter dem anderen Nacht
hinter dem einen ein freies Feld
hinter dem anderen mannshohes Gestrüpp

Das Wunder der vielen Menschen
das Wunder des Schwarms
das Wunder des Vorneweggehens
das Wunder der Laufenden
das Wunder der Rufenden
das Ende der Diskussion
das Wunder des deutungslosen Moments
das Wunder des lügenlosen Geschehens
das Wunder vom Ende der Deutung
Das Wunder der Normalos
das Wunder der Berufgruppen
das Wunder der vielen Menschen

Oh heiliger mutiger Moment!
Oh großer Mut!
Mut des Fußläufers, wie er den Fuß setzt
Mut des Gehenden, wie er geht
Oh großer heiliger Moment, in eine Gefahr zu gehen
Mut des Vornewegläufers
Mut in die Beschädigung zu laufen
Mut, dorthin zu laufen, wo die Welt endet

Was waren wir in Liebe!
Was waren wir verliebt in die Option einer freien Welt
in die Möglichkeit einer hellen Öffnung
wir waren ja hindurchgegangen
durch die Öffnung

Und sie haben uns gelassen
die freien Menschen haben die freien Menschen laufen gelassen
ohne Kalkül
ohne Ironie
ohne Verwirrung
ohne Trennung

Sie ließen sich selber zurück
es ergab sich von selbst
sie taten es selber
die Türen sprangen auf
wir liefen durch Wände, Bretter, Zäune, Mauern, Türen
durch alles, was in unsere Linie kam

Ansatzlos öffneten sich die Flächen
Ich lief durch die Wand meines Hauses zur Straße hinaus
in das Haus gegenüber
ich lief durch die Stadt
wir liefen durch die Stadt
ich war in der Luftlinie
ich lief durch die Wand
wir liefen durch die Stadt
ich drückte die Steine beiseite
sie wichen ohne Druck
ich ging wie durch Seide
es glitt an mir ab
und es kühlte meine Haut
es war kampflos und leicht
ich kann nicht sagen, dass ich wirklich ging
es ergab sich von selbst
die Flächen nahmen mich auf und gaben mich frei
Als ob ein Unterdruck mich nähme und einstülpte in die Wand/die Mauer/das Brett
und wieder freigab
einen gehäuteten Bürger unter freien Menschen

Ich sprang mit weichen Schuhen aus der Wand
federte in die Knie
und lief weiter

Wir wunderten uns manches Mal

Wir liefen durch die Straßen
Wir gingen durch die Wände
Wir liefen durch die Zimmer
sie lagen offen da

Das Zimmer des Präsidenten
das Zimmer des Polizisten

das Zimmer des Umhergehers, des Beschaffers, des Auswerters, des Entscheiders, des Archivierers,
das Zimmer des Aufspürers, des Zupackers, des Gewaltanwenders, des Richters, des Vollstreckers, des Schließers

das Zimmer des Parteisekretärs
das Zimmer des Sekretärs des Parteisekretärs
das Zimmers des Zurhandgehers des Sekretärs des Parteisekretärs
das Zimmer des Zulieferers des Zurhandgehers des Sekretärs des Parteisekretärs
all die Zimmer, sie lagen offen da

Ich durchlief die Zimmer
ich durchlief sie tatsächlich
ich querte die Wände
es war mit einem Mal möglich
die Zimmer, die Küchen, die Wohnzimmer, die Arbeitszimmer, die Schlafzimmer
zum Hof hinaus
im nächtlichen Schatten
die Tür im Wind
im leichten Zug

Ich querte die Zimmer von Schlafenden
sie lagen geschlossen da
mit Augen unter Lidern
mit fragenden schlafenden Augen
ich querte die Zimmer von schlafenden Gesunden
von schlafenden Kranken
von schlafenden Kämpfern
von schlafenden Bösewichtern, von schlafenden Treuherzigen, von schlafenden Aufpassern, von Vorbetern, Vorausläufern, Hundertprozentigen, von Ziellosen, von Auflösern, Versunkenen, Weitschauenden, Eingemauerten, Verhärteten, Aufweichenden, von Krebskranken, von Blutkranken, von Trauernden (lange war die Zeit mit dem Gegenüber, niemals wird er wiederkehren),
durch die schlafenden Zimmer von Gejagten, von Protestierern, von Wütenden, von Hassenden, von schlafenden Zerhackern, von Zerfetzern,

durch die Zimmer der Geldleute, die Hinterzimmer der Banken, durch die endlosen Zimmer im Palast des Präsidenten, durch die unendlichen Zimmer der Ministerien, über die Flure der Ämter in der Nacht. Die schlafende Frau, der schlafende Mann, das schlafende Kind. Die schlafenden Verkaufsräume. Die schlafenden Büros, die Praxen. Die Zeigeräume in den Niederlassungen, die Filialen in den Innenstädten, auf den Wiesen draußen. (Der Operationsraum schläft niemals in seinem hellen Licht).

Durch die Zimmer der Gestalter, der Designer, der Formgeber, die Zimmer der Lautgeber, der Musikanten, der Medienleute, der Witzeerzähler, der Studios, der Kontrollzentren, der Überwachungswände (gekörnte Szenen in schwenkenden Kameras), durch die menschenlosen warmen Technikräume, die von selbst funktionieren, wo von selbst die Funktion beschäftigt ist mit sich selbst, die sich von selbst liest, von selbst hört, von selbst fortpflanzt, von selbst weiterbewegt, von selbst kontrolliert, von selbst abschafft, von selbst stirbt, von selbst trauert, die Funktionsräume, in denen das Signal anschlägt, sich äußert, bis sich aus dem Nichts ein gesellschaftlicher Vorgang bildet, der der Bearbeitung harrt, bis sich ihm ein Bearbeiter annimmt und mit seiner warmen Hand Entscheidungen trifft, so dass der Vorgang endet oder weitergeht. Woanders ziehen zur gleichen Zeit warme Hände einen Topf aus einem Tonklumpen.

Ich ging durch die Zimmer über die Böden an den Blumen vorbei
Ich war bei mir selbst. Jeder war bei sich.

Am helllichten Tag ging ich über die hellen Straßen
Ich sah sie alle: Freie Menschen unter freien Menschen
Jeder auf seinem Weg
Ich sah: Jeden freien Menschen auf seinem freien Weg
und die freien Menschen sahen mich
Ich war ein freier Mensch unter freien Menschen
Wir waren die Führer der freien Welt

Ich blickte in Blicke
durch die ich hindurchglitt
mit dem Wimpernschlag
ich sah die andere Seite
ich glitt hindurch

Es war gerichtet
es war ein strömendes Wasser
und es zog vorbei an den Steinen und Brocken
an den Fassaden und Monumenten
der Druck in den Adern
an den Mauern und Anlagen entlang dem Lauf
den Fluss hinunter zum Meer
wo es sich sammelte
und das Meer war sehr offen
Wir sahen/sehen in keiner Richtung ein Land mehr
es war vollständig offen
ohne Land
ohne Grenze
ohne Staat

Es war nirgendwo mehr ein Staat
an dem man sich hätte abschaben müssen
Es reichte kein Staat mehr bis unter die Achseln oder bis über den Mund oder die Augen
Niemand stand auf Zehenspitzen für seine Sicht oder seinen Atem
Es gab keinen Staat
Und es gab in dieser Nacht/in diesen Nächten
auch in keinem anderen Land der Welt mehr einen Staat
die Idee von einem Staat war abhandengekommen
kein Geldstaat
kein Volksstaat
kein Landstaat
kein Schönheitsstaat
kein Gerechtigkeitsstaat
kein Gottesstaat
kein Leistungsstaat
kein Gesundheitsstaat
kein Glücksstaat
kein Angststaat
kein Diskursstaat
kein Verstandesstaat
kein Depressionsstaat
kein Negativstaat
kein Positivstaat
kein Muskelstaat
kein Aggrostaat
kein Komplexstaat
kein Zusammenhangstaat
kein Egostaat
kein Kollektivstaat

Wir verließen die Kategorie
wir warfen im Gehen die Jacken beiseite
wir drehten sie um die Finger an den Krägen
und ließen sie fliegen wie Propeller

Überall unsere Jacken
in der Luft unterwegs
und wir schossen die Schuhe hinterher mit gezielten Tritten in die Luft.
Wir trennten uns.
Wir unbeschuhten Staatenlose!
(Erst morgen werden wir wissen, wie glücklich wir heute waren)

Ob an diesem Morgen auch die Sonne in Spiralen nach Hause kam, das weiß ich nicht. Was ich noch weiß, dass es pulsierend leuchtete, als ich vor meinem Haus stand. Ich bohrte den Finger in die Wand und die Tür ging auf. Ich kam zu meinem Bett und fiel in ein anderes Land.

Ich, jetzt,
Mensch dieser Zone,
Mensch unter Menschen
ich, bei Kräften und bei klarem Verstand

Ich, Erbauer eines Staates
Ich, Gründer eines staatenlosen Staates
Ich, im Vollbesitz meiner Kräfte, erbaue auf diese Minuten, Stunden, Tage
auf die flirrenden Übergänge
einen Staat
und der wird handeln von seinem Fehlen
ich gründe mein Leben, meine Liebe darauf
Es hätte auch das Ende/der Tod/der Stillstand sein können

4. Teil: Das Ende der Geschichte (heute und ab dann alle Tage)

Ich sehe in ein offenes Land
ich höre schon drinnen
das Lied draußen
Ich stoße die Türe auf
und draußen: überall, so weit ich blicke:
Menschen.
Zeig mir einen, der nicht sein Bestes versuchte
Zeig mir einen, dessen Herz nicht schlägt
welche Farbe auch immer der Himmel hat
unter welcher Last sich auch immer die Bäume biegen
welche Nerven mir auch immer brennen (und Euch):
zeig mir einen, der nicht seine Gründe hat für das, was er tut, und für das, was er nicht tut
der Steuerberater hat seine Gründe (er ruft Dich inmitten der Nacht)
der Sozialarbeiter hat seine Gründe
der Plastinierer hat seine Gründe
die Lehrerin hat ihre Gründe
die Ente hat ihre Gründe
der Gentechniker hat seine Gründe
der Fliegenfischer hat seine Gründe
der Offizier hat seine Gründe
der Gruppenführer hat seine Gründe
der Schüler hat seine Gründe
der Plutoniumforscher
der Kläger hat seine Gründe
das Kind hat seine Gründe

Hier in einer weiten Welt
über uns Sterne
wir – hineingestellt in unsere unsterblichen Seelen
wir – hineingestellt in unseren unsterblichen ALLTAG

Der aufrechte Blick des Passagiers in der U-Bahn,
er hält sich an geschäumten Stangen,
für ihn wurde gesorgt
Der sichere Schritt des Angestellten
über die Plattform hinweg
zu Hause wartet schon wer
Der Beamte inmitten seiner Dinge
Überall junge Menschen mit umgehängten Gitarren und leichten Taschen
Überall in den Straßen
Menschen mit Taschen
ein jeder trägt, was er braucht
der Amokläufer
der Fernsehprediger
der Bankberater
der Berufsberater
der Feminist
der Traurige
der Homosexuelle
der Umweltaktivist
der Politeinsteiger
der Studienabbrecher
der Freedancer
der biologisch-technische Assistent
der Netzwerker
der Nervenarzt
der Heterosexuelle
die Lesbe
der Priester
der Kunstjournalist
der Kanalarbeiter
der Ausschachter
der Selbständige
die für Sonderaufgaben freigestellte Lehrerin
der Medienarbeiter
die Logopädin
der Berater
der Klitschenbetreiber
die Heilpraktikerin (sie hört zu und gibt Kugeln)
der esoterische Säufer unten auf dem Platz (er war mal Sanjassin – oder ist es noch?)
der Stadtteil-Mediator, die Stadt hat ihm eine Stelle eingerichtet
die Bäckersfrau vor orangenen Fliesen
sie hustet in die Hand
Die Autogramme an der Wand des Friseurs. Gegrüßet seist Du Maria. Ein Scart-Kabel hängt aus der Wand.
Die aufgehende Sonne morgens um elf Uhr zwanzig draußen auf dem Platz. Krähen springen vom Mülleimer aus Edelstahl.
Der Umzugswagen kommt. Der Tonner öffnet seine Pforten. Gurte baumeln im Wind. Ein Hausstand fliegt vorüber. Eine Tür zieht sich zu. Eine leere Wohnung geht auf die Reise. Die Staubflocken ziehen über das Laminat.

Ich sah Vögel aufsteigen, bis eine Milliarde hab ich mitgezählt

5. Teil: Ergebnis

Erst morgen werden wir wissen, wie glücklich wir heute waren. (Wir sollten den Zeitstrahl drehen.)

6. Teil: Nachtrag

Die weiten leeren Straßen
am Abend
im gelben Licht
dahinter Dunkelheit
in der Ferne der Schwarm

Vor der Dunkelheit
die Straßen
im Licht
der Monitore
in den Kontrollräumen
im Licht
der gelben Augen
die die Bilder einschärfen
im Licht
der Stadtbeleuchtung
unter dem Abendhimmel,
der Leuchtmasten
die ihre Höfe werfen
auf den leeren Asphalt

(bringt Euch in Sicherheit – es wird etwas geben)

„Es ist keiner mehr da
sie sind gegangen
möge es leer sein
möge der Abend leer vorübergehen
sie sind gegangen
(sie gehen noch)“

In der Ferne der Schwarm
unterwegs im Delta
aus der Mitte der Gesellschaft entspringt eine Kausalkette

So könnte dies hier nun enden.
In der ewigen Abfolge von
„Hallo – hier bin ich.“

… … … hallo hallo hallo hallo hallo … … … hier:
Ich.

Ende