Die Wunde Woyzeck
Immer noch rasiert Woyzeck seinen Hauptmann, ißt die verordneten Erbsen, quält mit der Dumpfheit seiner Liebe seine Marie, staatsgeworden seine Bevölkerung, umstellt von Gespenstern … WOYZECK ist die offene Wunde. Woyzeck lebt, wo der Hund begraben liegt, der Hund heißt Woyzeck. Auf seine Auferstehung warten wir mit Furcht und/oder Hoffnung, daß der Hund als Wolf wiederkehrt.
Aus: Heiner Müller: Die Wunde Woyzeck. In: Heiner Müller: Werke 8. Die Schriften © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2005
KLUGE: Als was bezeichnest du eigentlich das, was sich im Oktober, vor allem im November abgespielt hat? War das – in der FAZ stand es öfter – das Wort Revolution? Ich habe gehört einen Vergleich mit dem „Thermidor“, der Beendigung einer Revolution.
MÜLLER: In der letzten Zeit hat mich das gerade beschäftigt. Es gibt diese tradierte Vorstellung von Revolution als Beschleunigungsmoment. Vielleicht stimmt das gar nicht, vielleicht geht’s immer um Zeit anhalten, um Verlangsamung …
KLUGE: Wie stehst du zu der Revolution in der DDR?
MÜLLER: Mir war doch ziemlich früh klar, wenn gesagt wird: „Wir sind das Volk“, dann wird daraus sehr schnell: „Wir sind ein Volk“, und daraus wird dann genauso schnell: „Du sollst keine anderen Völker haben neben mir“. Und da habe ich sehr gut verstanden, warum der Brecht so mißtrauisch war gegen das Wort Volk.
KLUGE: Der sagt doch nie „Volk“.
MÜLLER: Der hat nie Volk gesagt, nur Bevölkerung. Andererseits kannst du keine Massen bewegen mit dem Spruch: „Wir sind die Bevölkerung“. Das ist ja das Schlimme. Deswegen habe ich grundsätzlich einen Verdacht gegen Massenbewegungen …
KLUGE: Wie kommt es eigentlich, daß man von der Dichtkunst irgendwelche politische Aufklärung erwartet?
MÜLLER: Das ist die linke Illusion, glaube ich, der letzten Jahrzehnte der europäischen Intellektuellen oder besonders Literaten, daß es eine Interessengemeinschaft von Kunst und Politik geben könnte und sollte. Kunst ist letztlich nicht kontrollierbar … Sie gibt natürlich ihre subversive Qualität auf, sobald sie versucht, unmittelbar politisch zu werden, das ist das Problem. Und das war der allgemeine Fehler, das war die Falle …
Christoph Hein hat da vorgeschlagen bei dieser Demonstration, die Stadt Leipzig Heldenstadt zu nennen. Das hat er inzwischen sehr bereut.
Mit freundlicher Genehmigung der Cornell University aus: Alexander Kluge: Garather Gespräch mit Heiner Müller
Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen. KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN.
Aus: Volker Braun: Eigentum. In: Lustgarten, Preußen. Ausgewählte Gedichte © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2000
Noch 1989 predigten DDR-Darsteller auf dem Alex der Masse. Hier war die antike Konstellation unmittelbar erreicht, Höhepunkt des DDR-Theaters überhaupt. Nicht als Kritik, sondern als Qualitätszuweisung. Wie dort vom Podest zur Masse geredet wurde, wie Pathos sich selbst diskreditierte und dennoch wirksam war, wie politische Argumente kamen, als der Zug längst abgefahren war und immer noch wartende Masse vor dem Palast stand, macht diese Kundgebung zu einem ungeheuren Beispiel aus der Gegenwart. Die Masse stand unmittelbar vor dem Palast, ohne ihn zu stürmen, pestkrank in erniedrigender Demütigung. Die Filmdokumente dieser Kundgebung sind der Beweis, daß das antike Theater, daß die antike Konstellation lebendig ist, weder modernisiert, noch überholt werden kann, sondern, daß hier die antike Konstellation die Verweichlichung und Dekadenz des bürgerlichen Theaters brandmarkt, das sich bewußt den politischen Themen verweigert und zu ihrer Verhinderung auf der Bühne angetreten ist. Tragödie ist, daß die Darsteller, die, auf dem Podest stehend, ihre politische Kritik aussprechend, eben diesem bürgerlichen Theater anhängen, seine überzeugten Interpreten sind. Noch unter den Pestbeulen siegt ihre Parteizugehörigkeit.
Aus: Einar Schleef: Tagebücher. 1981–1998 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2009
Im übrigen haftet auch den westlichen Gesellschaften ein Paradox an, das verkehrte Gegenstück zu dem des Kommunismus: obwohl diese alle Zeichen von entwickelteren und der Zukunft gegenüber offeneren Gesellschaften aufweisen, schielen sie doch zugleich auf die Vergangenheit wie auf eine Leere, die sich in dem Maße, wie sie die gesamte Zukunft in sich aufgesogen haben, hinter ihnen aufgetan hat (es ist wie in der Geschichte vom Lastwagen und dem Loch: Arbeiter graben ein Loch und laden es auf einen Lastwagen, dieser fährt los, es gibt einen Ruck und das Loch fäll herunter, der Lastwagen setzt zurück und … fällt in das Loch). Der Lastwagen und das Loch, das sind wir: wir haben uns ein Erinnerungsloch aufgeladen, es gelingt uns nicht mehr, unser Gedächtnis intakt zu halten, unsere Geschichte zu bewahren, so daß unsere Gesellschaften nicht einmal mehr wissen, ob es die Zukunft ist, auf die sie zusteuern, – sie gleiten lediglich auf der Welle ihres problematischen Reichtums dahin. Hinter dieser Mobilität, dieser scheinbaren Beschleunigung sind sie im Innersten, in ihren Zielbestimmungen immobil geworden, – gerade deswegen beschleunigen sie ja, aber nur noch aus Trägheit.
Aus: Jean Baudrillard: Die Hysterese des Millenniums. In: Das Jahr 2000 findet nicht statt © Merve Verlag Berlin 1990
LiEBLing mACH LACK / ES GIBt KeinE FalschEN BEFEhle / DIE tägLiCHEN MÄNneR / WERDen WIR TÖTen / In SCHULDigeR LANDSCHafT / WeiSSE KANÜLEN / AM KRageN / GEheN WIR LOS / UND in DeCKUnG / HiNTeR GArdinEN / DURCH EIn LOch / BRüLLT deR MonD // TÄUschLAND IM HeRBST ABGEFickt unD wohLBEHÜTET / TAUSEND toTE SÖHne / ANGeKAUFT unD SCHWARZ VERMiETET // … / LiEBLing mACH LACK / AAL
Johannes Jansen: Liebling, mach Lack! Die Aufzeichnungen des Soldaten Jot Jot. © kookbooks Idstein 2004
Wie sich das romantische Subjekt als Schmerzsammelstelle begreift, an der sich nicht nur persönliche Beschwerden anhäufen, sondern das Leiden der Welt zusammenströmt, so konzipiert das militante Subjekt sein Leben als Zornsammelstelle, an der die unbeglichenen Rechnungen von überall her registriert und zu späterer Rückzahlung aufbewahrt werden. Dabei werden neben den Empörungsgründen der Gegenwart auch die ungesühnten Greuel der gesamten vergangenen Geschichte erfaßt. Die starken Köpfe des Protests sind Enzyklopädisten, die das Zornwissen der Menschheit sammeln. In ihren okkulten Archiven sind die immensen Unrechtmassen des Zeitalters gespeichert, das die Historiker der Linken als das der Klassengesellschaft beschreiben. Daher jenes für die revolutionäre Affektivität bezeichnende Amalgam aus Sentimentalität und Unerbittlichkeit. Wer nicht den Zorn von Jahrtausenden in sich spürt, weiß nichts von den Einsätzen, um die von nun an gespielt wird ... Fast ohne Ausnahme beginnen die Sammlungen des Zorns mit der Anrufung des „Volkes“.
Aus: Peter Sloterdijk: Zorn und Zeit © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2006
