menschen
in sachsen mit fellen behängt
sammeln sich an den küsten der unterirdischen energie
schütteln drohende fäuste gegen das meer gegen
die neuaufschlüsse des meers
Aus: Wolfgang Hilbig: Das Meer in Sachsen. In: Abwesenheit.
© S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 1979.
Es kam der Moment der Kohle und des Kohlenarbeiters: dieses ganze Gefüge aus scheinbar Geistigem, hinter dem sich die Materie versteckt, und scheinbar Materiellem, in das der Geist eingekerkert ist, und das wir europäische Zivilisation nennen, wurde ironisiert von einer einzigen Materie, dem in mineralischer Form aufgespeicherten Sonnenlicht, und alle sozialen Klassen und sogar die Arbeiterklasse wieder ironisiert von einer bestimmten Abteilung dieser Klasse: den Kohlenarbeitern, die zu dieser Materie, von der alles abhängt, in einem Verhältnis stehen, dem wiederum eine ungeheure Ironie innewohnt: denn sie werden von eben jener Materie, über die sie die unmittelbare Verfügung haben, in einem Verhältnis gehalten, das einer Sklaverei nicht unähnlich ist. Im Kampf aber um die Seele des Kohlenarbeiters, der auf einmal der Herr der Lage geworden war, ironisierten sich bis zum äußersten die sozialen und die nationalen Schlagworte, ja da er mehr als ein anderer Arbeiter an eine Landschaft gebunden ist, so ironisierten sich in dem Kampf um ihn sogar auch jene größten Übermächte, deren wechselseitige Ironie durch all dies Geschehen hin zeitweise aufblitzt: die Geographie und die Geschichte.
Aus: Hugo von Hofmannsthal: Die Ironie der Dinge.
Weißt du, die Kumpel,
die fluchen und schwitzen,
um dir
und dem Sozialismus zu nützen.
Und ein Zentner Kohle
Und ein Gedicht
Halten sich nämlich im
Fluchen und Schwitzen
So einigermaßen im Gleichgewicht!
Aus: Rose Nyland: Kohle und Verse. In: Sieh, das ist unser Tag! Lyrik und Prosa für sozialistische Gedenk- und Feierstunden. © Verlag Tribüne Berlin 1961.
Die zweite Schicht hat vor einer Stunde begonnen. Nur einige Lastwagen und Baufahrzeuge fahren mit lautem Getöse über die Brücke, vorbei an der Werkmauer, die das Geräusch hart zurückschlägt auf die andere Seite der Straße, wo es weit über die ebne Baufläche hallt und sich allmählich im Sand und in der Ferne verliert. Hinter der Mauer zischt und dröhnt es, steigen Dämpfe auf, klingt dumpfes, rhythmisches Stampfen. Wie ein Golem, denke ich, ein unheimlicher Koloß, zwar gebändigt, aber in jedem Augenblick bereit, sich loszureißen, auszubrechen und mit heißem Atem alles niederzubrennen, was ihm vor die giftgrünen Augen kommt. Ich laufe schneller, weg hier, weg von dem Gestank, dem Dreck, weg von den gebeugten Menschen in den Aschekammern, von dem sanftmütigen Heldentum, mit dem sie bei sengender Hitze Kohle in die aufgerissenen Feuerrachen schütten. Weg von meinem Mitleid, das in mir schwappt wie lauwarmes Wasser, das mir in den Hals steigt und in die Augen.
Aus: Monika Maron: Flugasche. © Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main 2002.
Wir konnten teilweise kaum atmen, aber finanziell ging’s uns gut.
Karl-Heinz Dallmann
(Pfarrer im Dorf Mölbis bei Espenhain)
Geschwitz (1951–1953)
Stöhna (1955–1957)
Rüben (1955–1957)
Großdeuben-Ost (1956–1963)
Zehmen (1957–1958)
Sestewitz (1967–1968)
Cröbern (1967–1972)
Crostewitz (1967–1972)
Markkleeberg-Göselsiedlung (1974)
Markkleeberg-Ost Südteil (1974–1975)
Vorwerk Auenhain (1976)
Magdeborn und Gruna (1977–1980)
Rödgen (1988–1989)
Diese 14 Gemeinden und Ortsteile wurden im Bereich des Tagebaus Espenhain überbaggert.
Gigantische Industriekomplexe, Kombinate genannt, bestimmten weithin die wirtschaftliche Landschaft; sie gaben oftmals Zehntausenden Arbeit und diktierten den Lebensrhythmus ihrer Umwelt … Die ostdeutsche Gesellschaft hat objektiv gesehen längst aufgehört, eine arbeiterliche Gesellschaft zu sein … Die arbeiterliche Gesellschaft löste und löst sich in Schrumpfungsprozessen auf, die wie Spiralen in- und miteinander kreisen; zu Paaren entwirrt, zeigt sich ihre wechselseitige Abhängigkeit … Die ostdeutschen Betriebe waren keine gewöhnlichen Arbeitsstätten, sondern vollständige Abbildungen des Großen im Kleinen, seiner Geburtsfehler und Unzulänglichkeiten ebenso wie seiner sozialen Philosophie. Sie verhöhnten die elementarsten ökonomischen Notwendigkeiten, aber sie setzten den Menschen in den Stand, Beruf und Familienleben miteinander zu versöhnen, regten ihre kulturellen Interessen an und trugen den sozialen Austausch weit über die Grenzen der Arbeitswelt hinaus … Als die Betriebe schlossen oder einer anderen Realität gehorchen lernten, kam den Menschen mehr abhanden als nur die Arbeit.
Aus: Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen als Avantgarde.
© Aufbau Verlag Berlin 2002.
Kein Lärm mehr, als den die Krähen machen, keine Losung, als die der Regen schifft. Die Natur war sich selbst überlassen und arbeitete jetzt allein; langsam, mühsam, ernsthaft wie nie ein Staat. Sie holte sich das Land zurück, die Restdörfer, Straßenreste; was aufgegeben war, gemeindete sie ein unter ihr großzügiges grünes verstaubtes Statut. – Aber was war mit den Menschen?
Da war natürlich nichts los, obwohl nichts angebunden ist und alles wegrutschte, weshalb ein paar Leute die Böschungen verfestigten. Sie ließen gerade noch Wasser in die tiefen Gruben laufen – die Löcher, in denen die Orte verschwunden waren, und während ich das Märchen schreibe … und wenn sie es kaufen … und bis sie es ausgelesen haben, werden die Seen verfüllt sein, und die Landschaft, und der Leser … die Landschaft wird verwandelt sein … Es ist alles untergegangen. Eine versunkene Welt. Das leuchtete rein technisch ein. Er hatte Bagger in den Abgrund rauschen sehen; es fuhren auch Gesellschaften in den Orkus … Wer kann sagen, ob nicht die große Abrißarbeit im Osten, die Fabrik um Fabrik dem Boden gleichmachte, im Unterbewußtsein der Arbeiterklasse als ebenso hoher Punktsieg gefeiert wird? Über die Fron der Frühschicht, über Norm und Genörgel, Akkord und Rekord, die lebenswierige Mühle. Wird den alten Lümmel, der nun auf der Couch liegt, ein Dr. Freud zum Schwatzen bringen, um seinen schweren Fall zu therapieren? Sieh da, es war die Stunde der Lohnarbeit auszurotten, die gleichförmige, stumpfsinnige Kläche, und wo man jammernd vorgab, das Werk seiner Hände wegzureißen, schlug man nur grimmig den Kerker in Klump. Wie ein Kind, das die Sandburg mutwillig zertrampelt, es kann eine neue kleckern, so stieß das Raumgerät gegen die Klinkermauern und annullierte die Gründerjahre. Hatte man nicht auch den Staat demoliert und abgetragen? Von solcher Tagschicht würden die künftigen Zeiten
träumen.
Aus: Volker Braun: Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2008.


