O gebt euch der Natur, eh sie euch nimmt! –   
Ihr dürstet längst nach Ungewöhnlichem,
Und wie aus krankem Körper sehnt der Geist
Von Agrigent sich aus dem alten Gleise.
So wagts! was ihr geerbt, was ihr erworben,
Was euch der Väter Mund erzählt, gelehrt, 
Gesetz und Brauch, der alten Götter Namen, 
Vergeßt es kühn, und hebt, wie Neugeborne,
Die Augen auf zur göttlichen Natur,
Wenn dann der Geist sich an des Himmels Licht
Entzündet, süßer Lebensothem euch  
Den Busen, wie zum erstenmale tränkt,   
Und goldner Früchte voll die Wälder rauschen  
Und Quellen aus dem Fels, wenn euch das Leben  
Der Welt ergreift, ihr Friedensgeist, und euchs  
Wie heilger Wiegensang die Seele stillet,  
Dann reicht die Händ’ euch wieder, gebt das Wort 
Und teilt das Gut, dann teilet Tat und Ruhm
Wie treue Heldenbrüder; jeder sei,   
Wie alle, – wie auf schlanken Säulen ruh(e)
Auf richt’gen Ordnungen das neue Leben 
Und euern Bund befest’ge das Gesetz.
Dann o ihr Genien der wandelnden
Natur! dann ladet euch, ihr heitern,
Das freie Volk zu seinen Festen ein,
Gastfreundlich! fromm! denn liebend gibt
Der Sterbliche vom Besten, schließt und engt
Die Sorge nicht, die Knechtschaft ihm die Brust.

Aus: Friedrich Hölderlin, Der Tod des Empedokles (1797–1800)

Weltenende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei,
und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Jakob van Hoddis (1911)

Reicher Mann und armer Mann
Standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.

Aus: Bertolt Brecht, Alfabet (1934)

Deutschland Beruf

Soll’s denn ewig von Gewittern
Am umwölkten Himmel braun?
Soll denn stets der Boden zittern,
Drauf wir unsre Hütten baun?
Oder wollt ihr mit den Waffen
Endlich Rast und Frieden schaffen?

Daß die Welt nicht mehr, in Sorgen
Um ihr leichterschüttert Glück,
Täglich bebe vor dem Morgen,
Gebt ihr ihren Kern zurück!
Macht Europas Herz gesunden,
Und das Heil ist euch gefunden.
[…]

Macht und Freiheit, Recht und Sitte,
Klarer Geist und scharfer Hieb,
Zügeln dann aus starker Mitte
Jeder Selbstsucht wilden Trieb,
Und es mag am deutschen Wesen
Einmal noch die Welt genesen.

Aus: Emanuel Geibel, Gedichte, Leipzig und Berlin 1812