„Man brennt etwas ein, damit es im Gedächtnis bleibt: nur was nicht aufhört, wehzutun, bleibt im Gedächtnis“ – das ist ein Hauptsatz aus der allerältesten (leider auch allerlängsten) Psychologie auf Erden.
Friedrich Nietzsche, Genealogie der Moral
Kinderspiele
Ich kenne einen Kinderreim. Ich summe ihn vor mich hin, wenn alles anfängt, in meinem Kopf verrückt zu spielen. Ich glaube, wir haben ihn gesungen, wenn wir auf Kreidevierecken herumsprangen, aber vielleicht habe ich ihn mir selbst ausgedacht oder nur geträumt. Manchmal bewege ich die Lippen und spreche ihn stumm, manchmal fange ich einfach an zu summen und merke es nicht mal, weil die Erinnerungen in meinem Kopf tanzen, nein, nicht irgendwelche, die an die Zeit nach der großen Wende, die Jahre, in denen wir – Kontakt aufnahmen?
Kontakt zu den bunten Autos und zu Holsten Pilsener und Jägermeister. Wir waren um die fünfzehn damals, und Holsten Pilsener war zu herb, und so soffen wir meistens nationalbewusst. Leipziger Premium Pils. Das war auch preiswerter, denn wir bezogen es direkt vom Hof der Brauerei. Meistens nachts. Die Leipziger Premium Pilsner Brauerei war der Mittelpunkt unseres Viertels und unseres Lebens. Der Ursprung durchsoffener Nächte auf dem Vorstadtfriedhof, endloser Zerstörungsorgien und Tänze auf Autodächern während der Bockbiersaison.
Die Original Leipziger Brauereiabfüllung war eine Art blonder Flaschengeist für uns, der uns sanft an den Haaren packte und über Mauern hob, Autos in Flugmaschinen verwandelte, uns seinen Teppich lieh, auf dem wir davonflogen und den Bullen auf die Köpfe spuckten.
Doch meistens endeten diese seltsam traumartigen Flugnächte mit einer Landung in der Ausnüchterungszelle oder auf dem Flur des Polizeireviers Südost, mit Handschellen an die Heizung gekettet.
Es gibt keine Nacht, in der ich nicht von alldem träume, und jeden Tag tanzen die Erinnerungen in meinen Kopf, und ich quäle mich mit der Frage, warum das alles so gekommen ist. Sicher, wir hatten eine Menge Spaß damals, und doch war bei dem, was wir taten, eine Art Verlorenheit in uns, die ich schwer erklären kann.
Clemens Meyer
Aus: Clemens Meyer: Als wir träumten, © S. Fischer Verlag Frankfurt/Main 2006.
Die traurigste Gegend der Welt
Ich nenne sie zahnlose Alte oder Rumpelkammer oder Leipziger Moabit. Keine Ahnung, warum ich hierher gezogen bin. Wahrscheinlich, weil ich mich, aus dem Berliner Moabit kommend, sofort zu Hause gefühlt habe. Manchmal stinkt die ganze Gegend, als hätten sich die Häuser in die Hose gemacht.
Dann nenne ich sie Urinal.
Der Stadtplan nennt die Gegend, in der ich jetzt wohne, Reudnitz.
Jedes Mal, wenn ich hier spazieren gehe, treffe ich einen älteren Mann auf der Straße. Ich nenne ihn Rübezahl. Er hat eine hohe Stirn, die Frisur Albert Einsteins und den Blick eines Marathonläufers bei Kilometer dreißig. Bis in den Winter hinein rennt er im T-Shirt rum, am heißesten Tag des Jahres trug er ein dickes, dunkelblaues Jackett. Ich sehe ihn um die Häuser schleichen, mittags beim Fleischer am Stehtisch essen, abends in dem vom Vietnamesen betriebenen Dönerladen. Ich gehe hier viel spazieren. Vorbei an den kariösen Fressen der Häuser, ihren zugemauerten Mäulern, den mit Pressspan vernagelten Fenstern, auf denen sich Plakatklebetrupps Revierkämpfe liefern. Ich gehe meine übliche Runde: vorbei am Regina-Palast, dem Kino mit dem niveaulosesten Programm von ganz Leipzig; vorbei an der Substanz, der einzigen Kneipe in dieser Gegend, in die man gehen kann, ohne sich hinterher den Strick nehmen zu wollen; vorbei am Spätkauf, dessen Stehtische den Büchsenbiertrinkern als Ersatzkneipe dienen.
Schräg gegenüber von meiner Wohnung befindet sich die Steinbar, angeblich die älteste Nachtbar der Stadt. Am Wochenende höre ich bis in die Morgenstunden die Bässe des Charttechno wummern. Die Rollläden der Steinbar sind immer heruntergelassen, vor dem Eintreten wird man durch den Spion beäugt. Einmal bin ich hineingegangen. Ich habe extra einen Anzug angezogen, weil ich nicht wusste, was mich drinnen erwartet: Absturzkneipe oder Nobelbordell? Ich war der einzige Gast im Anzug. Der DJ sah aus wie ein Computerfachverkäufer bei Saturn, bei den Ansagen zwischen den Songs lispelte er. Die übrigen Gäste muteten an, als wären sie die Jahreshauptversammlung von „United Horsts“. In Gedanken nenne ich die Steinbar seitdem „die traurigste Disco der Welt“.
Ein anderes Mal bin ich in die Mausefalle gegangen, eine Kneipe in meinem Häuserblock. Ich nenne sie Mausetot. Auf einem handgeschriebenen Schild sind die jeweils nächsten Veranstaltungen annonciert: Skatturnier, Billardturnier, Dartturnier. DDR-Party, Faschingsparty, Erdnussparty. Da gibt es „Erdnüsse satt“ („mit Schale in die Ecke schmeiß“), Braunen, Roten und Grünen für 99 Cent – was auch immer das sein mag – und Festspiele wie: „ein Liter Bier auf Zeit“. Der DJ bei allen Partys heißt DJ Kümmerling. Ich glaube nicht, dass man ihn anders nennen muss. An dem Tag, als ich die Kneipe in meinem Block besuchte, war gerade keine Veranstaltung.
Der Barkeeper war sein bester Kunde und trank Cola-Weinbrand aus einem Weizenglas, zwei alte Männer versuchten bei Billard, mit den Queues die Kugeln zu treffen. Als Soundtrack gab es die Erfurt-Berichterstattung auf Jump. Hätte es an jenem Abend Festspiele gegeben, die „0,3 Liter Bier auf Zeit“ hätte ich vermutlich für mich entschieden. So schnell war ich wieder draußen. Danach bin ich, um mich aufzuheitern, erst mal in die Steinbar gegangen.
Am folgenden Tag habe ich Rübezahl so oft gesehen wie noch nie: drei Mal an einem Tag. Beim dritten Mal habe ich ihn gegrüßt; ich wollte etwas für die Nachbarschaft tun. Skeptisch hat er mich angesehen, dann vorsichtig zurückgenickt – als wenn ich nicht zurechnungsfähig wäre. Vielleicht war ihm gerade aufgefallen, dass er, immer wenn er auf der Straße ging, mich traf. Wahrscheinlich nannte er mich in Gedanken den „irren Spaziergänger von Reudnitz“.
Philip Meinhold
Aus: Philip Meinhold: Die traurigste Gegend der Welt. In: Leipzigbuch, hrsg. von Susanne Klinger und Jörg Sundermeier,
© Verbrecher Verlag Berlin 2005.
Jeder stirbt für sich allein
Clemens Meyer im Gespräch mit Gerrit Bartels über Leben und Arbeiten in Leipzig und seinen Roman „Als wir träumten“.
Sie haben für Ihren Roman viel Lob bekommen, über Ihre Zukunft ist die Kritik aber geteilt: Die einen prophezeien Ihnen eine große Zukunft, andere sprechen von „One-Hit-Wonder“, von einem Autor, der seine Erfahrungen niedergeschrieben hat und von dem jetzt nichts mehr kommt.
Clemens Meyer: Das ist alles Quatsch. Entweder man ist Schriftsteller oder man ist keiner. Ich habe doch keine Autobiografie geschrieben! Natürlich ist ein Teil von mir in dem Erzähler drin, in Daniel, genauso gut aber in den anderen Figuren, in Stefan, Walter, Mark, Rico und sogar in Estrellita. Man muss die eigenen Erfahrungen zu Literatur machen, zu Kunst, darin besteht ja gewissermaßen die Kunst. Ich habe fünf Jahre an dem Roman gearbeitet! Den Stoff hatte ich schon länger, nur die Form fehlte. Ich kann keinen historischen Roman schreiben oder in Archiven recherchieren, das muss für mich alles lebensweltliche Relevanz haben.
Sie wohnen in der Gegend, in der Ihr Roman spielt, und Sie kennen das Milieu sehr genau?
Ich wohne in Leipzig-Ost, in Crottendorf. Ich bin in Halle geboren, habe aber immer in Leipzig-Ost gelebt. Früher habe ich mal gedacht, ich könnte mich aus meinem Viertel herausschreiben, Geld verdienen, irgendwo ’ne schöne Altbauwohnung, nicht so ein Kabuff, in dem ich jetzt wohne, zwei Zimmer parterre, tiefe Decken. Aber inzwischen ist das okay. Ich bin hier verwurzelt und beobachte intensiv das Treiben um mich herum.
Wie kommt, wie man Ihrer Bio entnehmen kann, ein Bauarbeiter, Möbelpacker und Wachmann zum Schreiben?
Schreiben wollte ich immer, schon als Kind. Vielleicht hat mich auch mein Vater inspiriert, ein Krankenpfleger mit einer großen Leidenschaft für die Literatur, der hatte eine riesige Bibliothek, mit tausenden von Büchern. Nach dem Abitur 1996 habe ich mir aber gesagt: Nie wieder Schulbank. Ich wollte arbeiten, richtig arbeiten. Ich bin auf den Bau gegangen und habe dort verschiedenste Jobs gemacht: was wegschippen, was ausheben, Schutt abschlagen, entkernen, Zementsäcke tragen, Kamine abreißen, all so was, das hat Spaß gemacht. Zweieinhalb Jahre ging das, dann musste ich wegen Rückenproblemen kürzertreten und ganz aufhören.
Und dann haben Sie sich beim Deutschen Literaturinstitut in Leipzig beworben?
Ja, mit kleineren Skizzen. Das war alles eher Zufall, ich hatte vom Deutschen Literaturinstitut in der Zeitung gelesen, ich wusste vorher gar nicht, dass es das in Leipzig gab. Das klang gut, und die haben mich prompt genommen.
Wie haben Sie Ihre Zeit dort erlebt?
Zu Anfang war es schwierig. Gerade die ersten zwei Jahre war das für mich eine große Umgewöhnung. Dieses ganze intellektuelle Gesocks, dachte ich damals, ich kam mit den Leuten nicht klar. Im Endeffekt hat mir das Studium eine Menge gebracht. Mir kamen die fünf Jahre, die ich dort verbracht habe, wie eine Art Dauerlektorat vor. Man hat vor allem gelernt, mit Kritik umzugehen und wie wichtig jedes einzelne Wort in einem Satz ist.
Jana Hensel, Jana Simons, André Kubiczek und Falko Hennig haben alle gerade auch über ihre Generation geschrieben, über die in den frühen und mittleren Siebzigerjahren in der DDR Geborenen.
Das Wort Generation kann ich nicht hören. Ich sehe mich als Individualisten. Die Figuren meines Romans sind das auch, die schwimmen gegen den Strom. Das sind keine Rechten, keine Linken, keine Hooligans, keine Punks, höchstens Kleinkriminelle, die außerhalb der Gesellschaft stehen. Ich wollte nicht die Geschichte einer verlorenen Generation erzählen. Mir ist das extrem verdächtig, wenn von „wir“ oder von „Generation“ gesprochen wird. Jeder stirbt für sich allein.
Aus: Gerrit Bartels: „Ich sehe mich als Individualisten“, die tageszeitung Nr. 8001 vom 21.6.2006.


