Im SCHWARZTAXI sitzen – von außen gesehen – fünf Personen, wie auch in anderen Autos fünf Personen sitzen. Man geht davon aus, dass sie zusammengehören. Man geht davon aus, dass sie ganz normal durch die Stadt fahren. Alles, was auf dieser Fahrt passiert, wird von den „wirklichen“ Verkehrsteilnehmern, den Fußgängern und Anwohnern als „wirklich“ wahrgenommen werden. ES FINDET JA AUCH REAL STATT. Aber nur die Insassen des Autos wissen, dass sie real in einer Fiktion stecken.

In der DDR, vor allem in Berlin und – zu Messezeiten – in Leipzig, war das Schwarztaxi ein gängiges illegales Transportmittel des öffentlichen Nahverkehrs. Der Mangel an Taxis war die Marktlücke für viele Autobesitzer mit Geldsorgen. Wo immer Menschen wartend am Straßenrand standen, versuchten „Private“ ihr Glück, chauffierten mit ihren eigenen PKWs Fahrgäste zum gewünschten Ort. Man stieg in einen PKW ein, redete nicht über Geld und bezahlte den nicht genannten Preis. Die illegale Übereinkunft zwischen Fahrer und Zugestiegenem war von außen für niemanden erkennbar: Man sah einen PKW mit mehreren Insassen durch die Straßen fahren.

                                      Anja Nioduschewski

„Der Spiegel“ veröffentlichte 1986 unter dem Titel „Offener Krieg“ einen Bericht über Schwarztaxis als öffentliche Verkehrsmittel der DDR „weit außerhalb der Legalität“.

Aufbrechen heißt sich fortbewegen, vom Quai ablegen, aus dem Hafen auslaufen, losfahren, heißt aber auch mit seiner Ruhe brechen, auf die Gewalt der Geschwindigkeit abfahren, jene unvermutete Gewalt, die das Fahrzeug erzeugt, jene Schnelligkeit, die uns so jäh von den durchquerten Orten losreißt und der wir uns im allgemeinen Verkehr hingeben.
Jeder Aufbruch ist auch ein Abbruch unseres Kontaktes, unserer direkten Erfahrung; die Bewegung, die das Fahrzeug vermittelt, zerreißt und foltert den Körper, dem seine Eigenbewegung genommen wird – eine sensorische Deprivation des Passagiers. Mitgefahren, mitgefangen – die Gewalt der Fahrt lässt uns keinen anderen Ausweg als weitere Beschleunigung und Verlust des Unmittelbaren. Durch ihre Gewalt wird die Geschwindigkeit gleichzeitig Geschick (destin) und Ziel (destination). Wir gehen nirgends hin, wir begnügen uns damit, aufzubrechen und Lebendiges abzubrechen, zugunsten der Leere und der Schnelligkeit.
Das Wort „steigen“ zeigt das deutlich: Wir steigen aufs Pferd, steigen ins Auto – wir erheben uns, um fortgetragen zu werden, hingerissen von der Prothese, die unsere Beweglichkeit erhöht.
Im Zentrum der beschleunigten Fortbewegung stehen Menschenraub und Entführung, die der Gewalt der Geschwindigkeit ausgesetzten Reisenden sind „Zwangsverschleppte“, buchstäblich Deportierte …

Aus: Paul Virilio, Metapsychose des Passagiers, In: Fahren, Fahren, Fahren, © Merve Verlag Berlin 1978.

Wir bohren uns durch hochgestielte Wälder,
Wir überholen Flächen, die sich endlos schienen.
Wir überfahren den Wind und überfallen die Dörfer, die flinken.
Aber verhasst sind uns die Gerüche der langsamen Städte.

Aus: Alfred Lichtenstein, Schwärmerei.

WER aber sind sie, sag mir, die Fahrenden, diese ein wenig
Flüchtigern noch als wir selbst, die dringend von früh an
wringt ein wem, wem zu Liebe
niemals zufriedener Wille? Sondern er wringt sie,
biegt sie, schlingt sie und schwingt sie,
wirft sie und fängt sie zurück; wie aus geölter,
glatterer Luft kommen sie nieder
auf dem verzehrten, von ihrem ewigen
Aufsprung dünneren Teppich, diesem verlorenen
Teppich im Weltall.
Aufgelegt wie ein Pflaster, als hätte der Vorstadt-
Himmel der Erde dort wehe getan.

Rainer Maria Rilke, Die fünfte Elegie, Duineser Elegien.

… auf der Landstraße fortwandernd, rufe ich, von unseren Handlungen nämlich verschlungen, das Abendlicht lange um ihre Gestalt, als hätten wir uns ohne es zu wissen in ungewöhnliche Zimmerzustände begeben, ja, als hätten wir entgegen einem unbestimmbaren Widerstand Einlass gefordert, mein plötzliches Erschrecken, der Tag könnte enden ehe wir Abschied genommen hatten, ein verwirrendes beklemmendes Gefühl, die Frist sei schon abgelaufen, es sei schon zu spät geworden …

Friederike Mayröcker, Abschiede, © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2002.

Da, sie verlangend zu sehn und besorgt, dass Kraft ihr gebreche,
Schaut er liebend sich um, und zurück gleich ist sie gesunken.

Ovid, Orpheus und Eurydice, Metamorphosen,
Übersetzung nach R. Suchier bearbeitet von E. Gottwein.

Soeben bist Du zweiundachtzig geworden. Und immer noch bist Du schön, anmutig und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich wieder von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag. Nachts sehe ich manchmal die Gestalt eines Mannes, der auf einer leeren Straße in einer öden Landschaft hinter einem Leichenwagen hergeht. Dieser Mann bin ich. Und Du bist es, die der Leichenwagen wegbringt. Ich will bei Deiner Einäscherung nicht dabei sein; ich will kein Gefäß mit Deiner Asche bekommen. Ich höre die Stimme von Kathleen Ferier, die singt: „Die Welt ist leer, ich will nicht leben mehr“, und ich wache auf. Ich lausche auf Deinen Atem, meine Hand berührt Dich. Jeder von uns möchte den anderen nicht überleben müssen. Oft haben wir uns gesagt, dass wir, sollten wir wundersamerweise ein zweites Leben haben, es zusammen verbringen möchten. 21. März – 6. Juni 2006

André Gorz, Brief an D., Geschichte einer Liebe,
© Rotpunktverlag Zürich 2007.