Der Verlust der Bilder ist der schmerzlichste der Verluste.
– Er bedeutet den Weltverlust.
Peter Handke,
Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos
Die Sprechstücke sind Schauspiele ohne Bilder, insofern, als sie kein Bild von der Welt geben. Sie zeigen auf die Welt nicht in der Form von Bildern, sondern in der Form von Worten, und die Worte der Sprechstücke zeigen nicht auf die Welt als etwas außerhalb der Worte Liegendes, sondern auf die Welt in den Worten selber. Die Worte, aus denen die Sprechstücke bestehen, geben kein Bild von der Welt, sondern einen Begriff von der Welt. Die Sprechstücke sind theatralisch insofern, als sie sich natürlicher Formen der Äußerung in der Wirklichkeit bedienen. Sie bedienen sich nur solcher Formen, die auch in der Wirklichkeit naturgemäß Äußerungen sein müssen, das heißt, sie bedienen sich der Sprachformen, die in der Wirklichkeit mündlich geäußert werden. Die Sprechstücke bedienen sich der natürlichen Äußerungsform der Beschimpfung, der Selbstbezichtigung, der Beichte, der Aussage, der Frage, der Rechtfertigung, der Ausrede, der Weissagung, der Hilferufe. Sie bedürfen also eines Gegenübers, zumindest einer Person, die zuhört, sonst wären sie keine natürlichen Äußerungen, sondern vom Autor erzwungen. Insofern sind die Sprechstücke Theaterstücke. Sie ahmen die Gestik all der aufgezählten natürlichen Äußerungen ironisch im Theater nach.
Es kann in den Sprechstücken keine Handlung geben, weil jede Handlung auf der Bühne nur das Bild von einer anderen Handlung wäre: die Sprechstücke beschränken sich, indem sie ihrer naturgegebenen Form gehorchen, auf Worte und geben keine Bilder, auch nicht Bilder in der Form von Worten, die nur die vom Autor erzwungenen Bilder eines inneren, naturgemäß nicht geäußerten, wortlosen Sachverhalts wären und keine natürlichen Äußerungen.
Sprechstücke sind verselbstständigte Vorreden der alten Stücke. Sie wollen nicht revolutionieren, sondern aufmerksam machen.
Peter Handke
Aus: Peter Handke, Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke, © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1996.
Das Publicum. – Von der Tragödie begehrt das Volk eigentlich nicht mehr, als recht gerührt zu werden, um sich einmal ausweinen zu können; der Artist dagegen, der die neue Tragödie sieht, hat seine Freude an den geistreichen technischen Erfindungen und Kunstgriffen, an der Handhabung und Vertheilung des Stoffes, an der neuen Wendung alter Motive, alter Gedanken. Seine Stellung ist die ästhetische Stellung zum Kunstwerk, die des Schaffenden; die erstbeschriebene, mit alleiniger Rücksicht auf den Stoff, die des Volkes. Von dem Menschen dazwischen ist nicht zu reden, er ist weder Volk noch Artist und weiss nicht, was er will: so ist auch seine Freude unklar und gering.
Artistische Erziehung des Publicums. – Wenn das selbe Motiv nicht hundertfältig durch verschiedene Meister behandelt wird, lernt das Publicum nicht über das Interesse des Stoffes hinauskommen; aber zuletzt wird es selbst die Nuancen, die zarten, neuen Erfindungen in der Behandlung dieses Motives fassen und geniessen, wenn es also das Motiv längst aus zahlreichen Bearbeitungen kennt und dabei keinen Reiz der Neuheit, der Spannung mehr empfindet.
Friedrich Nietzsche,
Menschliches, Allzumenschliches
Gerade uns Kritikern, die professionell so viel mit Theater zu tun haben, wäre es wahrscheinlich nicht unlieb, einmal im Theater wirklich die Aufhebung des Theaters zu erleben.
Henning Rischbieter
Kritik zur Uraufführung von Publikumsbeschimpfung,
in Theater heute 7/1966.
Peter Handke, geboren am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten), ist Schriftsteller und Übersetzer, Filmautor und -regisseur. Seit seinem Auftritt bei der Gruppe 47 im April 1966 gilt Handke als Enfant terrible der Literaturszene. Handke wurde mit nahezu allen wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem dem Büchner-Preis, dem Großen Österreichischen Staatspreis und dem Bremer Literaturpreis. Handke lebt in Paris.

