I. Deutschland im Zeitalter der Nervosität
Das Nervensystem ist es allein, das die Einheit des thierischen und menschlichen Organismus begründet und alle seine Lebensvorgänge vermittelt: alle Freude und jeder Genuss, alles Leid und jeder Schmerz, die wir erfahren, gelangen nur durch das Nervensystem zu unserm Bewusstsein, alle Thätigkeit, die wir entwickeln, geschieht durch das Nervensystem; alle Höhen der geistigen Entwicklung, alle Fortschritte der Cultur, alle künstlerischen und ethischen Gestaltungen, alle Tiefen der Leidenschaft, wie alle Höhen genialen Geistesfluges, welche die Menschheit erreicht hat und je erreichen wird, haben in einer gesunden und kraftvollen Beschaffenheit des Nervensystems ihre unerlässliche Vorbedingung. Was Wunder also, wenn auch Störungen in diesem staunenswerthen Gebilde von weittragendster Bedeutung sind und also auch das Interesse weitester Kreise der Gebildeten erregen und verdienen!
Schon ein flüchtiger Blick auf die politischen und socialen Ereignisse des 19. Jahrhunderts lässt uns sehr verschiedene Entwicklungsstadien erkennen; und wenn es nicht zweifelhaft sein kann, dass die politischen, socialen, culturellen Verhältnisse und alles, was darunter zu begreifen ist, einen hervorragenden Einfluss auf das Nervensystem der Menschen haben, so ergibt sich von selbst, dass das 19. Jahrhundert an demselben ganz bedeutende, wenn auch nicht immer glücklich zu nennende Spuren hinterlassen haben muss. Es sind nicht allein grosse kriegerische Ereignisse, grosse völkervernichtende, staatenumwälzende oder culturzerstörende Vorgänge gewesen, die sich vor unsern Augen abspielten, sondern in der Hauptsache culturelle Fortschritte, grosse Entdeckungen und Erfindungen, die einen mächtigen Einfluss auf die ganze Culturwelt und damit auch auf das Nervensystem der Culturvölker haben mussten. Eingeleitet wird die Reihe durch die, von einer staunenswerthen Entwicklungen der Naturwissenschaften getragene, ausgiebige Verwendung der Naturkräfte im Dienste der Menschheit: gegen die Mitte des Jahrhunderts dämmert das Zeitalter des Dampfes herauf und es tritt die unendliche Verwertbarkeit der wunderbaren Kraft der Elektrizität hinzu: Dampfschifffahrt und Eisenbahn, Maschinen aller Art, Telegraph und Telefon werden von den rapide fortschreitenden mechanischen und technischen Wissenschaften der Menschheit zur Verfügung gestellt: es entwickelt sich in den folgenden Jahrzehnten ein die ganze Welt umspannender Verkehr, von dessen Schnelligkeit, Sicherheit und Ausdehnung die ausschweifende Fantasie früherer Jahrhunderte sich wohl kaum eine Vorstellung gemacht hat: Zeit und Raum scheinen überbrückt, wir fliegen mit der Geschwindigkeit des Windes durch ganze Weltteile, wir sprechen direkt oder indirekt mit unseren Antipoden: zugleich entsteht eine mächtige, mit gewaltigen Kräften und Massen arbeitende, unzählige Menschen beschäftigende und eine gewaltige Werte produzierende Industrie; damit auch ins Ungemessene gesteigerte Konkurrenz auf allen Gebieten; ein ganzer Weltteil – Amerika – tritt mit seiner rastlosen Tätigkeit, mit seinen unerschöpflichen Hülfsquellen in den Wettbewerb mit der alten Welt und droht sie auf vielen Gebieten zu überflügeln: und der Einzelne sowohl wie ganze Nationen sehen sich zu gewaltig vermehrten Anstrengungen in dem Kampfe um ihr Dasein genötigt. Aber damit nicht genug: Gewaltige Kämpfe, unerhörte Kriege und Siege, politische Umwandlungen bedeutendster Art sind die Folge; das Deutsche Reich entsteht in neuer, ungeahnter Machtfülle und wird fortan die Vormacht Europas; eine allgemeine Verschiebung der wirksamen politischen und sozialen Mächte, aber auch gewaltige finanzielle, industrielle und Handelskrisen mit ihren verderblichen Folgen treten ein. So ist denn die Zunahme der Nervosität in unseren Tagen nur allzu begreiflich und dass das Ende des 19. Jahrhunderts nicht ohne Grund die Signatur der „Nervosität“ trägt, liegt auf der Hand.
Wilhelm Erb, Über die wachsende Nervosität unserer Zeit, 1893
II. Die Deutschen und der Rausch
Ein Deutscher ist grosser Dinge fähig, aber es ist unwahrscheinlich, dass er sie thut: denn er gehorcht, wo er kann, wie dies einem an sich trägen Geiste wohlthut. Wird er in die Noth gebracht, allein zu stehen und seine Trägheit abzuwerfen, ist es ihm nicht mehr möglich, als Ziffer in einer Summe unterzuducken – so entdeckt er seine Kräfte: dann wird er gefährlich, böse, tief, verwegen, und bringt den Schatz von schlafender Energie an’s Licht, den er in sich trägt und an den sonst Niemand (und er selber nicht) glaubte. Wenn ein Deutscher sich in solchem Falle selbst gehorcht – es ist die grosse Ausnahme –, so geschieht es mit der gleichen Schwerfälligkeit, Unerbittlichkeit und Dauer, mit der er sonst seinem Fürsten, seinen amtlichen Obliegenheiten gehorcht: so dass er, wie gesagt, dann grossen Dingen gewachsen ist, die zu dem „Schwachen Charakter“, den er bei sich voraussetzt, in gar keinem Verhältniss stehen. Für gewöhnlich aber fürchtet er sich, von sich allein abzuhängen, zu improvisiren: desshalb verbraucht Deutschland so viel Beamte, so viel Tinte. – Der Leichtsinn ist ihm fremd, für ihn ist er zu ängstlich; aber in ganz neuen Lagen, die ihn aus der Schläfrigkeit herausziehen, ist er beinahe leichtsinnig; er geniesst dann die Seltenheit der neuen Lage wie einen Rausch, und er versteht sich auf den Rausch!
Friedrich Nietzsche, Morgenröte. Gedanken über moralische Vorurteile, 1881
Der Wolfsmensch mit Radio und Elektrizität
Am 19. Dezember 1924 endet einer der berühmtesten Kriminalfälle der deutschen Prozessgeschichte. In 24 Fällen des Mordes überführt, wird der 1879 in Hannover geborene Fritz Haarmann zum Tode verurteilt. Die Grausamkeit seines Vorgehens und die offensichtliche Willkür bei der Auswahl seiner Opfer machten ihn berühmt, sie erklären konnten aber weder Polizei noch Psychiatrie. Der Philosoph Theodor Lessing begleitete den Prozess und zeichnete ein Psychogramm Haarmanns, das in ihm nicht nur einen wahnsinnigen Einzeltäter, sondern ebenso das logische Produkt unserer Kultur sah: „[S]obald der Geist sich losreißt vom Naturschoß und als wachbewußte Zweckwelt heraustritt aus dem träumenden Element des Vorbewußten, so wandelt er sich zum schrecklichen Dämon, zum kalten Witz, darin keinerlei Seelisches mehr gedeihen kann und der alles Dumpfe und Schlafende aufzuzehren bemüht ist und wohl am Ende aller Enden auch aufzehren wird. Dies ist nun das ganze schreckliche Rätsel unseres Zeitalters, unseres Menschenschicksals, unserer Kultur: Die Loslösung und Unverbundenheit beider ist da! Der Mensch als ein Stück Naturseele und der Mensch als zweckesetzender Geist sind auseinander getreten! Das Schauspiel unserer Erdhälfte ist die Tragödie einer Seele, die nicht mehr Schritt halten kann, mit Werken und Werten, die sie aus sich selber herausgestellt hat. Die Werke sind größer und edler geworden als der Mensch selbst. Oder wie ich vorhin sagte: ›Der Wolfsmensch mit Radio und Elektrizität‹; das ist die Signatur unseres Lebenszeitalters. Solche Unverbundenheit des Naturelements mit dem Geistigen zeugt aber nach zwei Seiten hin eine unvermeidliche Entartung: Entgeistigte, sinnlose, irrsinnige Natur auf der einen Seite! – Naturlose, seelenlose Geistigkeit auf der anderen! Dort, wo im ›modernen Menschen‹ noch Naturtriebe durchbrechen, entbehren sie der eingeborenen Vernunft und sinnvollen Schönheit, welche überall dort das Leben durchgeistigen, wo die Wesen noch einverschlungen blieben im kosmischen Ring. Dort aber, wo der ›moderne Mensch‹ aus dem Naturelement heraus in maßloser Selbstüberhöhung der Erde übermächtigend gegenübertrat, da ist er zum Teufel geworden.“
Theodor Lessing: Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs, Berlin: Verlag Die Schmiede, 1925
Die Maschinerie des Vorurteils
Vorurteil nennt ursprünglich einen harmlosen Tatbestand. In alten Zeiten war es das auf frühere Erfahrung und Entscheidung begründete Urteil, praejudicium. Später hat die Metaphysik, Descartes, Leibniz zumal, eingeborene Wahrheiten, Vorurteile im strengen Sinne, zur höchsten philosophischen Wahrheit erklärt. Sätze ›a priori‹, der Erfahrung logisch vorgeordnet, bilden nach Kant die reine Wissenschaft.
Daß Abbreviaturen eigener Erlebnisse und dessen, was vom Hörensagen stammt, im Vollzug des Lebens eine Rolle spielen, ist offenbar. Was einmal gelernt und aufgenommen ist, wird in allgemeinen Vorstellungen aufgestapelt. Bewußt und halbbewußt, automatisch und absichtlich wird jeder neue Gegenstand mittels des so erworbenen Arsenals begrifflich eingeschätzt. Die Verhaltensweisen der Individuen in den Situationen des Alltags haben auf Grund von bruchstückhaftem Wissen sich eingeschliffen, sind Reaktionen aus Vorurteilen. Im Dschungel der Zivilisation reichen angeborene Instinkte noch weniger aus als im Urwald. Ohne die Maschinerie der Vorurteile könnte einer nicht über die Straße gehen, geschweige denn einen Kunden bedienen. Nur muß er imstande sein, die Generalisierung einzuschränken, wenn er nicht unter die Räder kommen will. Jenseits des Kanals fahren Autos auf der linken Straßenseite, und hierzulande wechseln die Kunden in immer rascherem Tempo den Geschmack: Man kann sie nicht stets nach demselben Schema zufriedenstellen. Solche Vorurteile näher zu bestimmen, zwingt das eigene Interesse. Der Trieb zur Selbsterhaltung ist nur eine der Ursachen von Vorurteilen. Eigenliebe, Bedürfnis nach Prestige sind in der Gesellschaft mit ihm aufs engste verknüpft. Jeder muß nicht bloß so handeln, sondern so auftreten und sprechen, daß die Menschen ihm glauben und ihren Vorteil in ihm sehen. Er bedarf der positiven Vorurteile über sich selbst. Sie zu korrigieren, fällt schwerer als wenn es nicht um Stolz und Selbstbewußtsein, sondern unmittelbar um Selbsterhaltung geht.
Von der Kindheit der Völker an fordert Zivilisation die schmerzhafte Bewältigung chaotischer Regungen, jeder hat den Prozeß verkürzt zu wiederholen, um in die Kultur hineinzuwachsen, der er zugehört. Selten geschieht es, daß die Institutionen der entfalteten Gesellschaft im Verein mit hellsichtiger Erziehung Menschen zu Erwachsenen machen, die ohne Rückhalt sich der eigenen Arbeit und dem Glück des Ganzen widmen können. Zumeist bleiben seelische Narben zurück. […]
Vorurteil im destruktiven Sinn, wie es an den großen Eroberungen und Katastrophen der Geschichte beteiligt war und in der Gegenwart selbst bei blühender Wirtschaft keineswegs geschwunden ist, gehört zu jenem zu Verändernden. Es macht das verdinglichte Bewußtsein zum Gericht, bei dem das Verdikt schon vorher feststeht, was der Angeklagte immer vorbringen mag. Rede und Gegenrede, Anklage und Verteidigung, das ganze Verfahren ist Schein. Die Beziehung zwischen Menschen wird leer, wie sehr sie auch funktioniert. Wenn die Wahrheit das Ziel ist, dem das Denken, wie einst Kant es meinte, in unendlichem Prozeß sich nähern soll, hat sie im verhärteten Urteil ihr schwerstes Hindernis.
Max Horkheimer, aus: Über das Vorurteil. In: ders., Gesammelte Schriften. Band 8: Vorträge und Aufzeichnungen 1949–1973. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1985


