Liebe härter als Beton.
Sophie Rois im Gespräch mit Alexander Kluge

Kluge: Ist Medea einfach von sich aus ein Drache, der seine Kinder umbringt?

Rois: Nein, gar nicht, das ist ein ganz kalt kalkulierter politischer Akt, kein emotionaler, da wo man die Frauen so gerne hinschiebt: in den Bereich der Natur, in den Bereich des Emotionalen. Als der Mensch zur Frau wurde … Vorher waren Frauen auch Menschen, und dann gibt es einen traumatischen Einschnitt, seitdem sind die Frauen keine Menschen mehr, sondern sind Frauen. Was der Mensch heutzutage sein soll, das sehen Sie ganz klar auf der Bühne: Faust kommt auf die Bühne und ist der Mensch. Er steht für uns alle. Hamlet kommt auf die Bühne und vertritt die Menschheit. Medea kommt auf die Bühne und hat ein Damenbindenproblem, sie vertritt nicht die Menschheit. Sie hat ein Frauenproblem, sie hat das Problem eines untreuen Liebhabers. Sie hat aber für mich nicht das Problem eines untreuen Liebhabers, sondern sie hat das Problem, dass sie kein ganzer Mensch mehr ist. Und an ihr sehen wir: Sie will es aber sein, sie lässt sich das nicht gefallen.

Kluge: Sie fordert ihr Menschenrecht ein – zu jedem Preis.

Rois: Ja, denn sie hat kein Gebiet mehr, auf dem sie sich bewegen kann. Sie ist ja raus aus ihrem politischen Wirkungskreis, sie ist keine Königin mehr, sie ist nurmehr die Frau von diesem Mann, was anderes ist sie nicht mehr.

Kluge: Landverschleppt.

Rois: Genau. Und sie wird ja auch nurmehr als Ehefrau behandelt und nurmehr als Ehefrau verstoßen. Aber auch sie möchte als ganzer Mensch in Ruhm und Ehre leben und mit ihrer Würde – mit ihrer Menschenwürde. Und deswegen bringt sie diese Kinder um, um ihren Mann tödlich zu verletzen. Das heißt, sie überlegt sich das vorher, sie macht einen glasklaren Vertrag, sie ist ein strategischer Politiker. Und steht dann auf Helios’ Wagen, sie ist ja immerhin Nachkomme des Sonnengottes …

Kluge: Und fährt zurück zum Vater und fängt noch mal neu an.

Rois: Ja. Und ich sage Ihnen, das würde ich so gern mal spielen, aber so richtig auf diesem Wagen da oben, und ich möchte es eben nicht in einer Einbauküche spielen als DIE FRAU, ich möchte nicht die Ehe aus dem 19. Jahrhundert spielen und ich möchte auch nicht die Emigrantin spielen, weil, das ist keine Emigrantin, darum geht es nicht. Es geht um die politische Sache.

Mythos Medea

Die Argonautenfahrt stellt sich als eines der Abenteuermärchen dar, wie sie zu vielen Zeiten und bei vielen Völkern erzählt sind. Ein böser König schickt einen Helden in die fabelhafte Ferne in der Hoffnung, ihn damit los zu werden; die Aufgabe selbst hat weiter keinen Zweck. Der Held gelangt ans Ziel und löst die Aufgabe, aber nur weil ihm ein freundliches Mädchen im feindlichen Lager behilflich ist, die er zum Danke als sein Weib mit sich nimmt. Ob Iason und Medea oder Hüon und Rezia, Kolchis oder Bagdad, ob ein Schaffell oder die Backenzähne des Kalifen, das macht im Grunde nichts aus. In diesem Sinne haben die thessalischen Herren sich schon um 700 v. Chr. die Geschichte erzählt.

Die Seefahrt der Argo (der „Schnellen“) war schon berühmt, als die Ionier den Odysseus zum Helden einer abenteuerlichen Fahrt machten, denn unsere Odyssee hat auf ihn eine Anzahl Abenteuer von der Fahrt der Argo übertragen und verweist selbst auf diese. Daraus folgt, dass die Geschichte von den thessalischen Auswanderern schon in die ionischen Städte mitgebracht worden ist. Sie kann es an Alter und Reichtum mit den troischen Sagen aufnehmen. Homer allein hat die Kämpfe vor Ilios über alle anderen Heldengeschichten erhoben.

Als im siebten Jahrhundert Korinth jene mächtige Handelsstadt ward, die an den von wilden Nordbarbaren der hellenischen Kultur entrissenen Küsten seines Golfes und dann weiter im Ionischen Meere Pflanzstädte gründete, und dann hinüberzog und mit Syrakus den Westhellenen ihre Hauptstadt gab, blühte dort auch das Homerische Epos, und wie populär die Heldensage war, bezeugen die Gemälde der korinthischen Vasen. Damals ist mit vielen anderen Heroen auch Medea nach Korinth gezogen worden. Den Anlass bot ein Kult des Sonnengottes auf dem hohen Berg Akrokorinth; Medea war ja Enkelin der Sonne. Nun sollte sie eine korinthische Königstochter sein, und der Zug Iasons war ein Zug zu ihrer Heimholung.

Mehrere Heiligtümer Korinths rühmten sich von Medea gestiftet zu sein; es gab keine Descendenz, also bedurfte man einer Motivierung ihres Verschwindens. Dazu nahm man den Kultus irgend welcher uns unbekannter Heroen, die im heiligen Bezirke der Hera begraben sein sollten, und denen sieben Knaben und sieben Mädchen der Korinther alljährlich an einem bestimmten Feste dienten, ihre Seelen zu versöhnen. Diese Heroen wurden für Kinder Medeas erklärt. Man nannte sie später „die Halbbarbaren“; das gehört schon zu der Sage, dass die Korinther sich von der Kolcherin trotz ihrem Erbrechte nicht hätten beherrschen lassen wollen und daher ihre Kinder umgebracht hätten, worauf Medea nach Asien entwich. Älter und besser ist es, dass Hera oder auch Medea die Kinder in dem Tempel unsterblich machen wollte, aber, von Iason dabei gestört, auf immer von ihm geschieden wäre; die Kinder sind dann nach ihrem Tode dort bestattet.

Medea war also seit Jahrhunderten den Griechen eine wohlbekannte Figur; auch auf der athenischen Bühne war sie häufig aufgetreten. Erst mit Euripides’ frei erfundener Version seiner Medea wurde sie zur Kindsmörderin. Seither trägt sie den Stempel, den ihr der Dichter aufgedrückt hat, und kein anderer, sei er noch so groß, wird dies Bild wieder rein zu waschen vermögen.

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Griechische Tragödien, Berlin: Weidmannsche Buchhandlung 1906

Drache der Vernichtung

Wer will behaupten, die Sonne könne nicht mit mir sprechen? Die Sonne hat ein großes, flammendes Bewußtsein, und ich habe ein kleines, flammendes Bewußtsein. Gelingt es mir, den Plunder persönlicher Gefühle und Vorstellungen abzustreifen und mein nacktes Sonnenselbst zu erreichen, dann können die Sonne und ich stundenlang eins werden, der flammende Austausch findet statt, und sie gibt mir Leben, Sonnenleben; und ich sende der Sonne ein klein wenig neuen Glanz aus der Welt des leuchtenden Blutes. Wie ein böser Drache haßt die große Sonne das starke, persönliche Bewußtsein in uns. Das müssen alle erfahren, die heute in der Sonne baden; denn die Sonne, die sie bräunt, läßt sie zerfallen. Wie ein Löwe aber liebt die Sonne das helle rote Blut des Lebens und kann es unendlich bereichern, wenn wir ihre Gabe nur richtig zu empfangen wissen. Aber das tun wir nicht. Sie scheint auf uns herab und zerstört uns, zersetzt etwas in uns: ist der Drache der Vernichtung statt der Spender des Lebens.

D. H. Lawrence, Apokalypse, Leipzig

Rache

Meine Wut brütet ungeheure Drohungen aus. Wohin mich meine Wut führen wird, werde ich folgen! Vielleicht wird mich die Tat reuen – es reut mich ja auch, einem treulosen Mann geholfen zu haben. Mag der Gott zusehen, der jetzt mein Herz quält! Ich weiß nicht was, doch mein Kopf plant etwas Ungeheures!

Ovid, Brief der Heroiden: Medea an Jason, Ditzingen

Hass

Der Hass entsteht weder durch Zufall noch durch Irrtum. Es handelt sich um zerstörerischen Rachedurst, der einen dicht unter der Oberfläche liegenden Abgrund aufreißt. Er betrifft uns hautnah, liegt nicht hinter uns, sondern ist in uns und umgibt uns. Er ist subversiv, radikal verneinend, er steht am Anfang jeden Lebens und beweist seine Wirksamkeit , indem er hartnäckig an das Urchaos appelliert.

André Glucksmann, Hass: Die Rückkehr einer elementaren Gewalt, München