Der Hunger
ist das Dienstmädchen des Genies.
Mark Twain
Doch schreiben konnte ich nicht. Nach ein paar Zeilen wollte mir nichts mehr einfallen; meine Gedanken waren anderswo, ich konnte mich zu keinem entschlossenen Bemühen aufraffen. Alle Dinge wirkten auf mich ein und lenkten mich ab, alles, was ich sah, vermittelte mir neue Eindrücke. Fliegen und kleine Mücken setzten sich auf dem Papier fest und behinderten mich; ich pustete, um sie wegzuscheuchen, pustete immer kräftiger, doch vergebens … Dann fing ich an, nach einer bestimmten Frage zu suchen, die ich behandeln konnte, einen Mann, eine Sache, auf die ich mich stürzen konnte, und ich fand nichts. Während dieser fruchtlosen Anstrengungen begann wieder Unordnung in meine Gedanken zu kommen, ich spürte, wie mein Hirn förmlich aussetzte, mein Kopf wurde leerer und leerer, und zuletzt blieb er leicht und ohne Inhalt auf meinen Schultern zurück. Ich empfand diese starrende Leere in meinem Kopf mit dem ganzen Körper, ich kam mir wie von ganz oben bis ganz unten ausgehöhlt vor.
Herr, mein Gott und Vater!, schrie ich vor Schmerz, und ich wiederholte diesen Schrei viele Male hintereinander, ohne etwas hinzuzufügen.
Aus: Knut Hamsun: Hunger. Claasen (Ullstein) Berlin, 2009 (Aus dem Norwegischen von Siegried Weibel)
Ich bin fürs Schreiben zugleich zu groß und zu schwach: ich stehe daneben, stehe neben einem Schreiben, das immer knapp und bündig, gewaltsam ist, gleichgültig neben meinem Kinder-Ich, das es umwirbt.
… als Schriftsteller oder jemand, der sich dafür hält, täusche ich mich fortgesetzt über die Effekte der Sprache: ich weiß nicht, dass das Wort „Leiden“ keinerlei Leiden ausdrückt und dass es benutzen folglich nicht nur nichts mitteilen, sondern sogar sehr rasch auf die Nerven gehen bedeutet (von der Lächerlichkeit einmal ganz zu schweigen) …
Ich lege mir eine Rolle zurecht: ich bin derjenige, der weinen wird; und diese Rolle spiele ich mir selbst vor, und sie bringt mich zum Weinen: ich bin mir selbst mein eigenes Theater. Und wenn ich mich so weinen sehe, weine ich umso schöner; und wenn die Tränen versiegen, sage ich mir ganz rasch das ätzende Wort vor, das sie wieder zum Strömen bringt. Ich habe zwei Gesprächspartner in mir, die darum bemüht sind, von Replik zu Replik die Stimme zu heben wie in den alten Stichomythien: es gibt eine Wolllust der verdoppelten, verstärkten, bis zum Schlussspektakel (Clownsszene) gesteigerten Sprache.
Aus: Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Suhrkamp Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 1988
Der Schatten: Da ich dich so lange nicht reden hörte, so möchte ich dir eine Glegenheit geben.
Der Wanderer: Es redet; – wo? und wer? Fast ist es mir, als hörte ich mich selber reden, nur mit noch schwächerer Stimme als die meine ist.
Der Schatten (nach einer Weile): Freut es dich nicht, Gelegenheit zum Reden zu haben?
Der Wanderer: Bei Gott und allen Dingen, an die ich nicht glaube, mein Schatten redet; ich höre es, aber glaube es nicht.
Der Schatten: Nehmen wir es hin und denken wir nicht weiter darüber nach, in einer Stunde ist alles vorbei.
Der Wanderer: Ganz so dachte ich, als ich in einem Walde bei Pisa erst zwei und dann fünf Kamele sah.
Der Schatten: Es ist gut, daß wir beide auf gleiche Weise nachsichtig gegen uns sind, wenn einmal unsere Vernunft stille steht: so werden wir uns auch im Gespräche nicht ärgerlich werden und nicht gleich dem andern Daumenschrauben anlegen, falls sein Wort uns einmal unverständlich klingt. Weiß man gerade nicht zu antworten, so genügt es schon, etwas zu sagen: das ist die billige Bedingung, unter der ich mich mit jemandem unterrede. Bei einem längeren Gespräche wird auch der Weiseste einmal zum Narren und dreimal zum Tropf.
Aus: Friedrich Wilhelm Nietzsche: Der Wanderer und sein Schatten.
Wenn mich jetzt nur ein einziger brausender Gedanke machtvoll ergreifen und mir die Worte in den Mund legen wollte! Das war doch schon vorgekommen, es war tatsächlich vorgekommen, dass solche Momente über mich gekommen waren, in denen ich mühelos ein langes Stück schreiben konnte und es geradezu begnadet hinbekam.
Aus: Knut Hamsun: Hunger.
Aber es wird ein Tag kommen, da meine Hand weit von mir sein wird, und wenn ich sie schreiben heißen werde, wird sie Worte schreiben, die ich nicht meine. Die Zeit der anderen Auslegung wird anbrechen, und es wird kein Wort auf dem anderen bleiben, und jeder Sinn wird wie Wolken sich auflösen und wie Wasser niedergehen. Bei aller Furcht bin ich schließlich doch wie einer, der vor etwas Großem steht, und ich erinnere mich, dass es früher oft ähnlich in mir war, eh ich zu schreiben begann. Aber diesmal werde ich geschrieben werden. Ich bin der Eindruck, der sich verwandeln wird. Oh, es fehlt nur ein kleines, und ich könnte das alles begreifen und gutheißen. Nur ein Schritt, und mein tiefes Elend würde Seligkeit sein. Aber ich kann diesen Schritt nicht tun, ich bin gefallen und kann mich nicht mehr aufheben, weil ich zerbrochen bin. Ich habe ja immer noch geglaubt, es könnte eine Hülfe kommen. Da liegt es vor mir in meiner eigenen Schrift, was ich gebetet habe, Abend für Abend. Ich habe es mir aus den Büchern, in denen ich es fand, abgeschrieben, damit es mir ganz nahe wäre und aus meiner Hand entsprungen wie Eigenes. Und ich will es jetzt noch einmal schreiben, hier vor meinem Tisch kniend will ich es schreiben; denn so habe ich es länger, als wenn ich es lese, und jedes Wort dauert an und hat Zeit zu verhallen.
Aus: Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.
Der Genius ist uns aber als wachsamer Beschützer in der Weise beigegeben, dass er sich auch nicht den kleinsten Augenblick weiter entfernt, sondern uns von der Übernahme vom Mutterleibe an bis an den letzten Tag des Lebens begleitet.
Aus: Censorinus: Betrachtungen zum Tage der Geburt. De Die Natali.

