Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
DFP: Die deutsche Klassik nährt sich aus 2 Quellen, aus den antiken Tragödien und den Stücken Shakespeares. Sie versucht Shakespeares Individualisierung mit dem Chor-Theater der Antike zu verbinden.
Die Aufspaltung des antiken Chores durch Shakespeare, seine Individualisierung, ist nicht bloßer schauspielfreundlicher Zugewinn, sondern ein bedeutender inhaltlicher Verlust, den kein Protagonist wettmachen kann. Der Gesamtzusammenhang der auf der Bühne agierenden Figuren ist zerstört. Damit ist jede Figur auf eigenes Leid zurückgeworfen, auch befreit von Verantwortung füreinander.
Hier beginnt der Monolog. Die Figur friert in der Ausstoßung, krümmt sich, empfindet körperlichen Schmerz. Sie kann ihn nicht beruhigen, sondern mit der Erkenntnis wächst der Schmerz, die Unmöglichkeit, den immer noch blutenden Riss zu korrigieren. Im Fieber spürt sie ein Gift, spürt, wie sich die Wunde entzündet. Bis der Faden reißt, Panik ausbricht.
DFP: Die vom Chor-Gedanken ausgehenden Stücke verbindet ein Thema, die Droge, ihre Definition und rituelle Einnahme in Gruppe. Grob gesagt, wird die Droge notwendig, um eine gesellschaftliche Utopie zu entwickeln, ihren Einflussbereich aufrecht zu erhalten, folglich die Zahl ihrer Konsumenten zu erhöhen. Dabei beruft sich die von den deutschen Autoren verwendete Drogeneinnahme auf die erste „chorische“ Drogeneinnahme unseres Kulturkreises: Das ist mein Leib. Das ist mein Blut.
Die deutschen Stücke variieren das Abendmahls-Motiv, die Notwendigkeit der Droge, analysieren Beschaffenheit und Menge der Droge, ihre Einnahme durch einen Chor und die Individualisierung eines Chormitglieds durch Verrat. Dieser Verrat wird mit „Blutgeld“ bezahlt. „Blutgeld“ verweist auf die Beschaffenheit der Droge, obwohl zunächst anderes gemeint ist. Die Droge ist Blut, und somit ist Blutverlust, Verlust des Lebens, Thema des Abendmahls, der christlichen Adaption heidnischer kannibalischer Riten, in der der Individualisierungsprozess der Selbstmord des Judas, der Selbstausschluss eines der Esser aus der Tischgemeinschaft, thematisiert wird.
DFP: Faust erlebt die Drogenwirkung hintereinander in STUDIERZIMMER und OSTERSPAZIERGANG, so dass nach dem 2. Rausch notgedrungen der Teufel kommen muss. Seine Vision eines Pudels, der ihn zunächst mit Feuerschweif auf dem Feld umkreist, später riesig hinter dem Ofen hervorkriecht, ist eng mit dem Phiole-Monolog verknüpft. Angesichts des Gifts erkennt Faust:
Ein Feuerwagen schwebt auf leichten Schwingen,
An mich heran! Ich fühle mich bereit,
Auf neuer Bahn den Äther zu durchdringen,
Zu neuen Sphären reiner Tätigkeit.
Danach hat Mephisto nichts Eiligeres zu tun, als Faust wieder zum Trinken zu bringen, folglich schließen sich AUERBACHS KELLER und HEXENKÜCHE an.
Ich ziehe mit von Kneipe zu Kneipe, irgendwie ist das immer so, halb angeekelt, aber doch froh, dass es noch einen Zusammenhalt gibt, der sich dann als ein Bumerang erweist, ich kehre um, meist mit wütenden Kopfschmerzen, weniger vom Alkohol, als daß mein Bett leer ist und bleibt, …, irgendwie fallenlassen kann ich mich nicht, was dann, da erweist sich jetzt vieles als unsinnig, ich krieche ganze Tage ins Bett, wie ein Kind mumme ich mich ein, schlafe trotzdem nicht gut, vermeine aber diese Ruhe zu brauchen, an den Tagen der Vorstellungen ist es besonders schlimm, der Tag ist wie tot, …(Einar Schleef: Tagebuch 1999-2001)
DFP: In Faust I ist die Drogeneinnahme szenengebunden. Der Drogenkonsum der Titelfigur steigert sich von Szene zu Szene. Eine eindeutige Droge kann nicht bestimmt werden, sie wechselt, scheint pharmazeutisch oft von Fausts Vater hergeleitet zu sein.
1. Sterbedroge STUDIERZIMMER
2. Adorationsdroge OSTERSPAZIERGANG und AUERBACHS KELLER
3. Potenzdroge/Jugenddroge HEXENKÜCHE
4. Naturdroge WALD UND HÖHLE
Zusätzlich erhält Margarethe in MARTHENS GARTEN von Faust die Sterbedroge für ihre Mutter, in DOM verlangt sie die Potenzdroge.
DFP: Wieviel Droge braucht der Mensch?
Texte aus: Einar Schleef: DROGE FAUST PARSIFAL. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1997 und TAGEBUCH 1999-2001. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2009. Johann Wolfgang von Goethe: FAUST. Der Tragödie erster Teil. Videobilder: Rebecca Riedel.



