Global Fish
Erste Welle

Ich erwachte auf meiner Schreibtischunterlage. Diesen Büroartikel mit dem Motiv Strand von Waikiki hatte mir eine geschmacklose Nenntante zu Weihnachten geschenkt. Abwaschbares Plastik.
Jetzt hatte meine Backe Schweißabdrücke auf dem Sandstrand hinterlassen. Schon wieder war ich eingepennt, mein Schädel noch immer im Jetlag.
Wie viele Zeitzonen diesmal?
Eben war ich noch in Australien und hab mir die Oper in Sydney angesehn, die Aborigines gefragt, ob es lohne, länger bei ihnen zu bleiben, worauf die nur mit den Achseln gezuckt und gemeint haben, das müsse allein ich entscheiden. Bin dann über Thailand, das mir seinen unberührten Dschungel anbot, und die händeringend einladende Mongolei durch elf europäische Metropolen, die mir alle versicherten, Europa sei nichts ohne sein Erbe, kurz in Island weggenickt. Ein Isländer tippte mir auf die Schulter, hielt mir seine Ponyzucht vor die Nase, meinte, in solch urwüchsiger Umgebung reiten lernen, das könne man nirgends, seine Pferde seien reinrassig, mit sehr guter Töltveranlagung, natürlich auch Scheritt, Terab, Pass und Galopp, wollen Sie bitte gleich an die Longe, ich sagte: Moment, ich brauche Bedenkzeit, da versperrten mir Geysire den Weg und sagten: Wir sind hier die Klassiker. Konnte grad noch weiterblättern nach Grönland, das mir gleich sein Nordlicht auf die Netzhaut brannte, wenn du das nicht gesehen hast, verpasst du was in deinem Leben, eine Leben ohne Nordlicht ist kein Leben, fiepten überkolorierte Pinguine und Robben, einmal erlebt und nie vergessen, Schlittenhunde, Eisbären und die seltenen Seekühe, wo die Natur noch eine Heimat hat, was zögerst du? Ich verließ Grönland mit einem Vielleicht, tippte kurz auf Kanada und Alaska, auch hier das einmalige Nordlicht, das in jedem Land einmalige Nordlicht, mit Vollpension, Halbpension, Biwak, Kanu oder Wasserflugzeug. Entscheidungskrank driftete ich auf einer Eisscholle nach Waikiki, wo ich schweißnass erwachte.
So ging das nun seit Monaten, und es war kein Ende abzusehen. Juli war schon, bald kam der August. Und um den ging es doch. Seit einem halben Jahr plante ich diesen August, akribisch, wie ich alles plante, die große Reise nach dem Abitur, die wichtigste und längste Reise im Leben eines jungen Menschen. Vor allen anderen hatte ich begonnen mit der Planung, vorbereitet hatte ich mich wie auf eine wichtige Prüfung, für diesen August wollte ich fünfzehn Punkte.
Jetzt war ich der Letzte. Alle anderen hatten schon was. Machten Jobs, Praktika oder waren weg mit Rollkoffern, Rucksäcken oder ihrem ersten Golf. Ich saß in meinem Kinderzimmer vor verschwitztem Waikiki, auf dem Schreibtisch stapelten sich die Prospekte, und ich wusste nicht wohin. Woher dieses Loch? Der August wuchs sich aus zu einer Lebensbedrohlichkeit, lähmend lang wie ein Menschenleben. In meiner Verzweiflung schaute ich immer wieder über mein Bett. Dort hatte ich mein Abiturzeugnis eingerahmt. […] Ich war der Beste meiner Stufe. Mit Abstand. Und nun, wo die Schule vorbei war, versagte ich bei der Planung einer Sommerfrische. Ich begriff es nicht. 19 Jahre lang ohne Kopfschmerzen, im weißen Reihenhaus meiner Eltern, und jetzt das. […] Ich entschied mich für Nichtaufgeben. Weitersuchen. Wär doch gelacht. Ich war doch immer so sicher. Und systematisch. Ich starrte auf die rauen Mengen Kataloge, die abstoßende Vielfalt der Möglichkeiten: Neckermann Tui Reisen&Mehr Studiosus Dr. Tigges Globetrotter HolidayLand WorldTravel HapagLloyd AtlasReisen SindbadReisen Tourconsult Elantouristik Paradiesreisen MegaTours Alltours Interrailtours Rainbowtours UniversalReisen EuroReisen GlobalReisen.
Anfangs hatte ich alle noch fein sauber gestapelt, nach Rubriken sortiert, Individualreisen, Pauschalreisen, Bildungsreisen, Kultur&Natur, Sport&Fun. Jetzt lagen sie durcheinander wie ein aus der Hand geglittenes Kartenspiel.
Es half nichts. Reisewelle für Reisewelle schwappte über meinen Schreibtisch, je länger ich meine Nase in die Kataloge hielt, desto verwirrender wurde alles. Angebote tanzten vor meinen Augen wie ein fiebriges Kartenspiel, und ich legte wilde Patiencen, die nie aufgingen.
Die fünf Kontinente tauschten ihre Positionen und trieben verbotene Mathematik. Dividierten, addierten, subtrahierten, multiplizierten, potenzierten sich untereinander wie willkürliche Variabeln, zwischenzeitlich zählte ich 8 Afrikas, 32 Europas, 4 Amerikas, 44 Australiens und 95 Asiens. 193 Kontinente und alle entdeckt, im nächsten Moment war nur noch blaues Wasser und die Landmasse verschwunden. Als wäre nie etwas wichtig gewesen auf diesem Planeten …
Heideparks, Hauptstädte, Helsinki, Katzen, Lamas, Komodowarane, Galapagosschildkröten, Naturparks, Naherholungsgebiete, Esbitkocher, Blechtassen, Küchenkräuter, Baguettes, Eiffeltürme, Schnurrbärte, Zeitschriften, Leihwagen, Aschenbecher, Handyhalter, Handtücher, Bauernfenster, Strandkörbe, Frisbees, Reiserücktrittsversicherungen, Mammutbäume, Geisterdörfer, Sessellifte, Skistiefel, die Brennerpässe, die mediterrane Küche, Kreditkarten, Kleinbusse, Garagen für Kleinbusse, Hunde, Fahrräder, Schrebergärten, die Masurische Seenplatte, Zugvögel, Salzlecken, Fitnessstudios, Wellnesslandschaften, Rheinbrücken, Länder, Menschen, Abenteuer – das alles war nur noch Mus.
In meiner Verzweiflung riss ich die Fenster auf und schrie in die Reihenhaussiedlung: Wer hat den runden Globus platt gehauen, warum gibt es keine Täler und Tiefseen mehr, wer hat die Alpen entknittert und glatt gestrichen, warum sticht auf dieser Erde nichts heraus???
Keine Antwort.
Die Reiseziele der ganzen Welt lagen gleichgültig vor mir. Irgendwann tippte ich nur noch blind in das globale Egal.
Jetlag.
Leg dich nieder, müder Wanderer …
Voll von Nichts legte ich meine Birne auf den Plastikpazifik. Wie lange hockte ich da? Mein linkes Bein war schon eingeschlafen. Ich versuchte, mir einen runterzuholen, war aber einfach zu müde.

Rainald Grebe: Global Fish, S. Fischer Verlag, 2006

Lonely Planet

Ich hab Heu gemacht in Kasachstan
Ich war in Mexico City
Ich war Schneeschippen auf dem Kilimandscharo
Ich hab Zebras zugeritten
Ich fands funky

Ich war Tiefseetauchen auf Tuvalu
In Las Vegas war ich Zocken
Ich hab Kängurus Beton in den Beutel geschüttet
Die sind einfach nach vorne umgefalln
Ach wie schön das war

Und jetzt
Was soll ich sagen
Was soll ich sagen

Ich hab mich gut erholt
Der Urlaub war so toll
Mein Tank war leer
Jetzt ist der Tank wieder voll

Lonely Planet
Lonely Planet
Kleiner blauer Ball
Lonely Planet
Lonely Planet
Lonely lonely
Lonely Planet
Lonely Planet
Dreht sich da im All

Ich war auf Safari ich hab Fotos gemacht
Von Gnus
Irgendwann kam ich mir blöde vor
Und hab nur noch geschaut nur noch geschaut

Ich hab Sex gehabt an der Copacabana
Wir hatten so eine geile Zeit
Sonst hab ich gar nicht so viel gesehn
Aber so viel geträumt so viel geträumt
Da ist so viel hochgekommen

Und jetzt
Was soll ich sagen
Was soll ich sagen

Ich hab mich gut erholt
Ich danke Magellan
Und Vasco da Gama
Die warn ganz weit vorn

Lonely Planet
Lonely Planet
Kleiner blauer Ball
Lonely Planet
Lonely Planet
Lonely lonely
Lonely Planet
Lonely Planet
Dreht sich da im All

Ich war in Nepal im Kloster
Beten
Es soll in der Südsee eine Insel geben
Die hat noch keiner betreten
Früher kam der Nikolaus mit dem Schlitten
Und Gott hatte einen Bart
Jetzt steh ich hier auf dem Dach der Welt
Mit meiner Mastercard
Es ist in Ordnung

Lonely Planet
Lonely Planet
Kleiner blauer Ball
Lonely Planet….
Lonely Planet
Lonely lonely
Lonely Planet
Lonely Planet
Als Kind wollt ich immer ein Loch bohrn
Bis nach Australien

Rainald Grebe