Thomas Mann liest aus dem Zauberberg

Flash ist Pflicht!

Der unten stehende Diskurs der Herren Naphta und Settembrini wurde aus verschiedenen Kapiteln des Romans montiert. Er hat bei den Proben zum „Zauberberg“ als Material für den zweiten Teil des Abends gedient. In seiner Grundspannung begegnen sich beide Figuren. Auf einer Seite steht mit dem Humanisten und Aufklärer Settembrini ein individualistisch gesinnter Demokrat, auf der anderen mit Naphta der sophistische Intellektuelle einer zur Entstehungszeit des Romans – Anfang des 20. Jahrhunderts – in Mode gekommenen anarchisch-radikalen Verweigerung genau derselben bürgerlichen Prinzipien. Inspiration zu dieser Figur war für Thomas Mann der ungarische kommunistische Philosoph Georg Lukács.

Uwe Bautz

(Operationes Spirituales 1/Notwendiger Einkauf)

NA    Menschsein heißt Kranksein. Der Mensch ist wesentlich krank, sein Kranksein eben macht ihn zum Menschen. Und wer ihn gesund machen, ihn veranlassen will, seinen Frieden mit der Natur zu schließen - alles, was sich heute an Regeneratoren, Rohköstlern, Freilüftlern, Sonnenbademeistern herumtreibt - treibt nichts als Entmenschung und Vertierung. Der Geist ist es, was den Menschen vor allem übrigen organischen Leben auszeichnet.

SB    Sprechen Sie mir nicht von der „Vergeistigung“, die durch Krankheit hervorgebracht werden kann, um Gottes willen, tun Sie es nicht!

NA    Im Geist, also in der Krankheit beruht die Würde des Menschen und seine Vornehmheit. Als ob nicht der „Fortschritt“, soweit dergleichen existiert, einzig der Krankheit verdankt wird, das heißt: dem Genie - welches nichts anderes als eben Krankheit ist!

SB    Nein, Krankheit ist durchaus nicht vornehm, durchaus nicht ehrwürdig – diese Auffassung ist selbst Krankheit oder sie führt dazu. Sie ist betagt und hässlich und rührt aus abergläubisch zerknirschten Zeiten her, in denen die Idee des Menschlichen zum Zerrbild entartet und entwürdigt war.

NA    Als ob nicht die Gesunden allezeit von den Errungenschaften der Krankheit gelebt hätten!

SB    Vernunft und Aufklärung haben diese Schatten vertrieben, welche auf der Seele der Menschheit lagerten - nicht völlig, sie liegen noch heute im Kampf mit ihnen. Dieser Kampf aber heißt Arbeit, irdische Arbeit, Arbeit für die Erde, für die Ehre und die Interessen der Menschheit, und täglich aufs neue gestählt in solchem Kampfe, werden jene Mächte den Menschen vollends befreien und ihn auf den Wegen des Fortschrittes und der Zivilisation einem immer helleren, milderen und reineren Lichte entgegenleiten.

NA    Es hat Menschen gegeben, die bewusst und willentlich in Krankheit und Wahnsinn gegangen sind, um der Menschheit Erkenntnisse zu gewinnen, die zur Gesundheit geworden sind, nachdem sie durch Wahnsinn errungen wurden, und deren Besitz und Nutznießung nach jener heroischen Opfertat nicht länger durch - Krankheit und Wahnsinn bedingt ist. Das ist der wahre Kreuzestod …

NA    Die bürgerliche Gesittung weiß nicht, was sie will! Da schreien sie nach Bekämpfung des Geburtenrückganges, fordern, dass die Kosten der Kinderaufzucht und der Berufsvorbereitung verbilligt werden. Und dabei erstickt man im Gedränge und alle Berufe sind so überfüllt, dass der Kampf um den Essnapf an Schrecken alle Kriege der Vergangenheit in den Schatten stellt. Der Krieg wäre das Mittel gegen alles und für alles. Sogar gegen den Geburtenrückgang.

(Satana/Ewigkeitssuppe/Enzyklopädie)

SB    Wissen Sie nicht, dass es grauenhaft ist, wie hier mit den Monaten herumgeworfen wird? Grauenhaft, weil unnatürlich und ihrem Wesen fremd, nur auf der Gelehrigkeit ihrer Jahre beruhend. Ach, diese Gelehrigkeit der Jugend! Sie ist die Verzweiflung der Erzieher. Reden Sie nicht, wie es in der Luft liegt, junger Mensch! Hier liegt vor allem viel Asien in der Luft - nicht umsonst wimmelt es von Typen aus der moskowitischen Mongolei! Diese Leute, richten Sie sich innerlich nicht nach ihnen, lassen Sie sich von ihren Begriffen nicht infizieren, setzen Sie vielmehr Ihr Wesen, Ihr höheres Wesen gegen das ihre, und halten Sie heilig, was Ihnen, dem Sohn des Westens, dem Sohn der Zivilisation, nach Natur und Herkunft heilig ist, zum Beispiel die Zeit! Diese Freigebigkeit, diese barbarische Großartigkeit im Zeitverbrauch ist asiatischer Stil. Leicht zu denken, dass die Nonchalance dieser Menschen im Verhältnis zur Zeit mit der wilden Weiträumigkeit ihres Landes zusammenhängt. Wo viel Raum ist, da ist viel Zeit. Wir Europäer, wir haben so wenig Zeit, wie unser edler und zierlich gegliederter Erdteil Raum hat, wir sind auf genaue Bewirtschaftung des einen wie des anderen angewiesen, auf Nutzung, Nutzung! Carpe diem! Die Zeit ist eine Göttergabe, dem Menschen verliehen, damit er sie nutze – sie nutze im Dienste des Menschheitsfortschritts. – Halten Sie auf sich! Verlieren Sie sich nicht an das Fremde! Meiden Sie diesen Sumpf, dies Eiland der Kirke, auf dem ungestraft zu hausen Sie nicht Odysseus genug sind. Sie werden auf allen vieren gehen, Sie neigen sich schon auf Ihre vorderen Extremitäten, bald werden Sie zu grunzen beginnen - hüten Sie sich!

(Vom Gottesstaat und von übler Erlösung 1)

SB    Sie wissen selbstverständlich, dass nur diejenige Auflehnung des Geistes gegen das Natürliche ehrenhaft zu nennen ist, die Würde und Schönheit des Menschen im Auge hat, nicht diejenige, welche, wenn sie seine Entwürdigung und Erniedrigung nicht bezweckt, sie doch jedenfalls nach sich zieht.

NA    Ich erlaube mir, zu bemerken, dass alle Kirchenstrafen, auch der Scheiterhaufen, auch die Exkommunikation, verhängt wurden, um die Seele vor ewiger Verdammnis zu retten, dass jede Pein- und Blutjustiz, die nicht dem Glauben an ein Jenseits entspringt, viehischer Unsinn ist. Und was die Entwürdigung des Menschen betrifft, so fällt ihre Geschichte exakt mit der des bürgerlichen Geistes zusammen. Renaissance, Aufklärung und die Naturwissenschaft und Ökonomistik des neunzehnten Jahrhunderts haben nichts, aber auch nichts zu lehren unterlassen, was irgend tauglich schien, diese Entwürdigung zu fördern, angefangen mit der neuen Astronomie, die aus dem Zentrum des Alls, dem erlauchten Schauplatz, wo Gott und Teufel um den Besitz des beiderseits heiß begehrten Geschöpfes kämpften, einen gleichgültigen kleinen Wandelstern machte und der großartigen kosmischen Stellung des Menschen vorderhand ein Ende bereitete.

NA    Für ein paar hundert Jahre. Eine Ehrenrettung der Scholastik steht, wenn nicht alles täuscht, auch in dieser Beziehung bevor, sie ist schon im vollen Gange. Kopernikus wird von Ptolemäus geschlagen werden. Die Wissenschaft wird sich philosophisch genötigt sehen, die Erde in alle Würden wieder einzusetzen, die das kirchliche Dogma ihr wahren wollte.

SB     Wie? Wie? Philosophisch genötigt sehen? Und die
voraussetzungslose Forschung? Die reine Erkenntnis? Die Wahrheit, mein Herr, die mit der Freiheit so innig verbunden ist und deren Blutzeugen, aus denen Sie Beleidiger der Erde machen wollen, diesem Stern vielmehr zur ewigen Zierde gereichen?

NA    Guter Freund, es gibt keine reine Erkenntnis. Der Glaube ist das Organ der Erkenntnis und der Intellekt sekundär. Ihre voraussetzungslose Wissenschaft ist ein Mythos. Ein Glaube, eine Weltanschauung, eine Idee, kurz: ein Wille ist regelmäßig vorhanden, und Sache der Vernunft ist es, ihn zu erörtern, ihn zu beweisen. Es läuft immer und in allen Fällen auf das „Quod erat demonstrandum“ hinaus. Die großen Scholastiker des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts waren einig in der Überzeugung, dass in der Philosophie nicht wahr sein könne, was vor der Theologie falsch sei. Lassen wir die Theologie aus dem Spiel, wenn Sie wollen, aber eine Humanität, die nicht anerkennt, dass in der Naturwissenschaft nicht wahr sein kann, was vor der Philosophie falsch ist, das ist keine Humanität. Die Argumentation des heiligen Offiziums gegen Galilei lautete dahin, dass seine Salze philosophisch absurd seien. Eine schlagendere Argumentation gibt es nicht.

SB    Die Argumente unseres armen, großen Galilei haben sich als stichhaltiger erwiesen! Lassen Sie uns ernsthaft reden! Sie wissen, welche entmenschten Greuel die Epoche des Mittelalters gezeitigt hat. Ich brauche sie nur an den entsetzlichen Typ der Ketzerrichter, an die blutige Figur eines Konrad von Marburg etwa, zu erinnern und an seine infame Priesterwut gegen alles, was der Herrschaft des Übernatürlichen entgegenstand. Beantworten Sie mir lieber vor diesen aufmerksamen jungen Leuten die Frage: Glauben Sie an eine Wahrheit, an die objektive, die wissenschaftliche Wahrheit, der nachzustreben oberstes Gesetz aller Sittlichkeit ist und deren Triumphe über die Autorität die Ruhmesgeschichte des Menschengeistes bilden?!

NA    Ein solcher Triumph ist nicht möglich, denn die Autorität ist der Mensch, sein Interesse, seine Würde, sein Heil, und zwischen ihr und der Wahrheit kann es keinen Widerstreit geben. Sie fallen zusammen.

SB    Die Wahrheit wäre demnach –

NA    Wahr ist, was dem Menschen frommt. Er ist das Maß der Dinge und sein Heil das Kriterium der Wahrheit. Eine theoretische Erkenntnis, die des praktischen Bezuges auf die Heilsidee des Menschen entbehrt, ist dermaßen uninteressant, dass jeder Wahrheitswert ihr abzusprechen und ihre Nichtzulassung geboten ist.

SB    Sie lehren da einen Pragmatismus, den Sie nur ins Politische zu übertragen brauchen, um seiner ganzen Verderblichkeit ansichtig zu werden. Gut, wahr und gerecht ist, was dem Staate frommt. Sein Heil, seine Würde, seine Macht ist das Kriterium des Sittlichen. Schön! Damit ist jedem Verbrechen Tür und Tor geöffnet, und die menschliche Wahrheit, die individuelle Gerechtigkeit, die Demokratie - sie mögen sehen, wo sie bleiben.

NA    Ich bringe ein wenig Logik in Ihren Vorschlag. Entweder Ptolemäus und die Scholastik behalten Recht, und die Welt ist endlich in Zeit und Raum. Dann ist die Gottheit transzendent, der Gegensatz von Gott und Welt bleibt aufrecht, und auch der Mensch ist eine dualistische Existenz: das Problem seiner Seele besteht in dem Widerstreit des Sinnlichen und des Übersinnlichen, und alles Gesellschaftliche ist mit Abstand zweiten Ranges. Nur diesen Individualismus kann ich als konsequent anerkennen. Oder aber Ihre Renaissance-Astronomen fanden die Wahrheit, und der Kosmos ist unendlich. Dann gibt es eine übersinnliche Welt, keinen Dualismus; das Jenseits ist ins Diesseits aufgenommen, der Gegensatz von Gott und Natur hinfällig, und da in diesem Falle auch die menschliche Persönlichkeit nicht mehr Kriegsschauplatz zweier feindlicher Prinzipien, sondern harmonisch, und einheitlich ist, so beruht der innermenschliche Konflikt lediglich auf dem der Einzel- und der gesamtheitlichen Interessen. Eines oder das Andere.

SB    Die Errungenschaften von Renaissance und Aufklärung, mein Herr, heißen Persönlichkeit, Menschenrecht, Freiheit!

NA    Ich suchte Logik in unser Gespräch einzuführen, und Sie antworten mir mit Hochherzigkeiten. Ihre Ideale sind tot, sie liegen heute zum mindesten in den letzten Zügen, und die Füße derer, die ihnen den Garaus machen werden, stehen schon vor der Tür. Sie nennen sich, wenn ich nicht irre, einen Revolutionär. Aber wenn Sie glauben, dass das Ergebnis künftiger Revolutionen Freiheit sein wird, so sind Sie im Irrtum. Das Prinzip der Freiheit hat sich in fünfhundert Jahren erfüllt und überlebt. Eine Pädagogik, die sich heute noch als Tochter der Aufklärung versteht und in der Kritik, der Befreiung und Pflege des Ich ihre Bildungsmittel erblickt - eine solche Pädagogik mag noch rhetorische Augenblickserfolge davontragen, aber ihre Rückständigkeit ist für den Wissenden über jeden Zweifel erhaben. Alle wahrhaft erzieherischen Verbände haben von jeher gewusst, um was es sich in Wahrheit bei aller Pädagogik immer nur handeln kann: nämlich um den absoluten Befehl, die eiserne Bindung, um Disziplin, Opfer, Verleugnung des Ich. Zuletzt bedeutet es ein liebloses Missverstehen der Jugend, zu glauben, sie finde ihre Lust in der Freiheit. Ihre tiefste Lust ist der Gehorsam. Nicht Befreiung und Entfaltung des Ich sind das Geheimnis und das Gebot der Zeit. Was sie braucht, wonach sie verlangt, was sie sich schaffen wird, das ist – der Terror.

SB    Und darf man sich erkundigen, wen oder was – Sie sehen, ich bin ganz Frage, ich weiß nicht einmal, wie ich fragen soll – wen oder was Sie sich als Träger dieses – ich wiederhole ungern das Wort – dieses Terrors denken?

NA    Ich stehe zu Diensten. Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich unsere Übereinstimmung voraussetze in der Annahme eines idealen Urzustandes der Menschheit, eines Zustandes der Staat- und Gewaltlosigkeit, der unmittelbaren Gotteskindschaft, worin es weder Herrschaft noch Dienst gab, nicht Gesetz noch Strafe, kein Unrecht, keine fleischliche Verbindung, keine Klassenunterschiede, keine Arbeit, kein Eigentum, sondern Gleichheit, Brüderlichkeit, sittliche Vollkommenheit.

SB    Sehr gut. Ich stimme zu. Ich stimme zu bis auf den Punkt der fleischlichen Verbindung, die offenbar jederzeit stattgehabt haben muss, da der Mensch ein höchstentwickeltes Wirbeltier ist und nicht anders, als andere Wesen …

NA    Wie Sie meinen. Ich konstatiere unser grundsätzliches Einverständnis, was den anfänglichen paradiesisch justizlosen und gottesunmittelbaren Zustand betrifft, der durch den Sündenfall verloren ging. Ich glaube, dass wir noch ein weiteres Stück Weges Seite an Seite bleiben können, nämlich indem wir den Staat auf einen der Sünde Rechnung tragenden, zum Schutz gegen das Unrecht geschlossenen Gesellschaftsvertrag zurückführen und darin den Ursprung der herrschaftlichen Gewalt erblicken.

SB    Gesellschaftsvertrag! Das ist die Aufklärung, das ist Rousseau. Ich hätte nicht gedacht –

NA    Ich bitte. Unsere Wege scheiden sich hier. Aus der Tatsache, dass alle Herrschaft und Gewalt ursprünglich beim Volke war und dass dieses sein Recht an der Gesetzgebung und seine ganze Gewalt dem Staate, dem Fürsten übertrug, folgert Ihre Schule vor allem das revolutionäre Recht des Volkes vor dem Königtum. Wir dagegen, vielleicht nicht weniger revolutionär als Sie, haben daraus von jeher in erster Linie den Vorrang der Kirche vor dem weltlichen Staat gefolgert.

SB     Der Staat, mein Herr

NA    Ich weiß, wie Sie über den Staat denken. „Über alles geht die Vaterlandsliebe und grenzenlose Ruhmesbegier.“ Das ist Virgil. Sie korrigieren ihn durch etwas liberalen Individualismus, und das ist die Demokratie. Aber Ihr grundsätzliches Verhältnis zum Staat bleibt dadurch völlig unberührt. Dass seine Seele das Geld ist, ficht Sie offenbar nicht an. Oder wollen Sie es bestreiten? Das christliche Mittelalter hat den immanenten Kapitalismus des weltlichen Staates klar erkannt. „Das Geld wird Kaiser sein“, – das ist eine Prophezeiung aus dem elften Jahrhundert. Leugnen Sie, dass das wörtlich eingetroffen und dass die Verteufelung des Lebens damit restlos erreicht ist?

SB    Lieber Freund, Sie haben das Wort. Ich bin ungeduldig, mit dem großen Unbekannten, dem Träger des Schreckens, bekannt gemacht zu werden.

NA    Eine gewagte Neugier bei dem Sprecher einer Gesellschaftsklasse, welche Träger der Freiheit ist, die die Welt zugrunde gerichtet hat. –

NA    Ich kann auf Ihre Widerrede zur Not verzichten, denn die politische Ideologie der Bürgerlichkeit ist mir bekannt. Ihr Ziel ist das demokratische Imperium, die Selbstübersteigerung des nationalen Staatsprinzips ins Universelle, der Weltstaat. Der Kaiser dieses Imperiums? Wir kennen ihn. Ihre Utopie ist grässlich, und doch, – wir finden uns an diesem Punkt gewissermaßen wieder zusammen. Denn Ihre kapitalistische Weltrepublik hat etwas Transzendentes, wir stimmen überein in dem Glauben, dass einem vollkommenen Anfangszustande der Menschheit ein in Horizontferne liegender vollkommener Endzustand entsprechen soll. Seit den Tagen Gregors des Großen, Gründers des Gottesstaates, hat die Kirche es als ihre Aufgabe betrachtet, den Menschen unter die Leitung Gottes zurückzuführen. Der Herrschaftsanspruch des Papstes wurde nicht um seiner selbst willen erhoben, sondern seine stellvertretende Diktatur war Mittel und Weg zum Erlösungsziel, Übergangsform vom heidnischen Staat zum himmlischen Reich. Sie haben diesen Lernenden hier von Bluttaten der Kirche, ihrer strafenden Unduldsamkeit gesprochen, – höchst törichterweise, denn Gotteseifer kann selbstverständlich nicht pazifistisch sein, und Gregor hat das Wort gesprochen: „Verflucht sei der Mensch, der sein Schwert zurückhält vom Blute.“ Dass die Macht böse ist, wissen wir. Aber der Dualismus von Gut und Böse, von Jenseits und Diesseits, Geist und Macht muss, wenn das Reich kommen soll, vorübergehend aufgehoben werden in einem Prinzip, das Askese und Herrschaft vereinigt. Das ist es, was ich die Notwendigkeit des Terrors nenne.

SB    Der Träger! Der Träger!

NA    Sie fragen? Sollte Ihrem Manchestertum die Existenz einer Gesellschaftslehre entgangen sein, die die menschliche Überwindung des Ökonomismus bedeutet und deren Grundsätze und Ziele mit denen des christlichen Gottesstaates genau zusammenfallen? Die Väter der Kirche haben Mein und Dein verderbliche Worte und das Privateigentum Usurpation und Diebstahl genannt. Sie haben den Güterbesitz verworfen, weil nach dem göttlichen Naturrecht die Erde allen Menschen gemeinsam sei und daher auch ihre Früchte für den gemeinschaftlichen Gebrauch aller hervorbringe. Sie waren human genug, wirtschaftliche Tätigkeit überhaupt eine Gefahr für das Seelenheil, das heißt: für die Menschlichkeit zu nennen. Sie haben das Geld und die Geldgeschäfte gehasst und den kapitalistischen Reichtum den Brennstoff des höllischen Feuers genannt. Das ökonomische Grundgesetz, dass der Preis das Ergebnis des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage sei, haben sie von ganzem Herzen verachtet und das Ausnutzen der Konjunktur als zynische Ausbeutung einer Notlage des Nächsten verdammt. Es gab eine noch frevelhaftere Ausbeutung in ihren Augen: das Unwesen, sich für den bloßen Zeitverlauf eine Prämie zahlen zu lassen und auf diese Weise eine allgemein göttliche Einrichtung, die Zeit, zum Vorteil des einen und Schaden des anderen zu missbrauchen. Diese menschlichen Geister haben den Missbrauch einer selbsttätigen Vermehrung des Geldes als ekelhaft empfunden, alle Zins- und Spekulationsgeschäfte unter den Begriff des Wuchers fallen lassen und erklärt, dass jeder Reiche entweder ein Dieb oder eines Diebes Erbe sei. Sie sind weiter gegangen. Sie betrachteten, wie Thomas von Aquino, den Handel überhaupt, das reine Handelsgeschäft, das Kaufen und Verkaufen unter Einziehung eines Nutzens, aber ohne Bearbeitung, Verbesserung des wirtschaftlichen Gutes, als ein schimpfliches Gewerbe. Ehrenwert war ihnen der Ackerbauer, der Handwerker, nicht der Händler, nicht der Industrielle. Denn sie wollten, dass die Produktion sich nach dem Bedürfnis richte, und verabscheuten die Massengütererzeugung. Nun denn, – alle diese wirtschaftlichen Grundsätze und Maßstäbe halten nach jahrhundertelanger Verschüttung ihre Auferstehung im Kommunismus. Die Übereinstimmung ist vollkommen bis hinein in den Sinn des Herrschaftsanspruchs, den die internationale Arbeit gegen das internationale Händler- und Spekulantentum erhebt, das Weltproletariat, das heute die Humanität und die Kriterien des Gottesstaates der bürgerlich-kapitalistischen Verrottung entgegenstellt. Die Diktatur des Proletariats, diese politisch- wirtschaftliche Heilsforderung der Zeit, hat nicht den Sinn der Herrschaft um ihrer selbst willen, sondern den Sinn der Weltüberwindung durch das Mittel der Weltherrschaft, den Sinn des Überganges, der Transzendenz. Das Proletariat hat das Werk Gregors aufgenommen, sein Gotteseifer ist in ihm, und so wenig wie er wird es seine Hand zurückhalten dürfen vom Blute. Seine Aufgabe ist der Schrecken zum Heile der Welt und zur Gewinnung des Erlösungsziels, der staats- und klassenlosen Gotteskindschaft.

SB    Erstaunlich. Gewiss, ich gestehe meine Erschütterung, ich hätte das nicht erwartet. Roma locuta. Und wie hat es gesprochen! Vor unseren Augen hat er ein hieratisches Saltomortale vollführt – wenn das ein Widerspruch im Beiwort ist, so hat er ihn „zeitweilig aufgehoben“, ah ja! Blicken wir allen Konsequenzen ins Auge … Mit der Industrie verneint der christliche Kommunismus die Technik, die Maschine, den Fortschritt. Mit dem, was Sie Händlertum nennen, dem Gelde und Geldgeschäft, verneint er die Freiheit. Denn es ist ja klar, es beißt in die Augen, dass dadurch, wie im Mittelalter, alle privaten und öffentlichen Verhältnisse auf den Grund und Boden gebunden werden, auch die – es fällt mir nicht eben ganz leicht, es auszusprechen – auch die Persönlichkeit. Kann nur der Boden ernähren, so ist er es allein, der Freiheit verleiht Handwerker und Bauern, als so ehrenwert sie immer gelten mögen – besitzen sie keinen Boden, so sind sie Hörige dessen, der welchen besitzt. Sie haben im Gange des Gesprächs dies und das von menschlicher Würde verlauten lassen. Unterdessen verfechten Sie eine Wirtschaftsmoral, an der die Unfreiheit und Würdelosigkeit der menschlichen Persönlichkeit hängt.

NA    Sie stellen fest, dass die christliche Wirtschaftsmoral in ihrer Schönheit und Menschlichkeit Unfreie schafft. Ich stelle dagegen, dass die Sache der Freiheit, höchst sittlich, wie sie immer sei, historisch verbunden ist mit der unmenschlichsten Entartung der Wirtschaftsmoral mit allen Greueln des modernen Händler- und Spekulantentums, mit Satansherrschaft des Geldes.

SB    Ich muss darauf bestehen, dass Sie sich nicht hinter Zweifel und Antinomien zurückziehen, sondern sich klar und unzweideutig zur schwärzesten Reaktion bekennen!

NA    Der erste Schritt zu wahrer Freiheit und Humanität wäre, sich der schlotternden Furcht vor dem Begriff „Reaktion“ zu entschlagen.

SB    Nun, es ist genug. Es ist genug für heute, wie mir scheint. – Meine Herren, ich möchte Sie warnen. Es ist meine Pflicht, Ihre Jugend wenigstens auf die geistigen Gefahren hinzuweisen, die sie im Umgang mit diesem Manne läuft, und Sie übrigens zu bitten, den Verkehr mit ihm in weisen Grenzen zu halten. Seine Form ist Logik, aber sein Wesen ist Verwirrung. - Ich lebe mit diesem Herrn unter einem Dach, Begegnungen sind unvermeidlich, ein Wort gibt das andere, man macht Bekanntschaft. Herr Naphta ist ein Mann von Kopf – das ist selten. Er ist eine diskursive Natur – ich bin es auch. Verurteile mich, wer will, aber ich mache Gebrauch von der Möglichkeit, mit einem immerhin ebenbürtigen Gegner die Klinge der Idee zu kreuzen. Ich habe niemanden weit und breit … Es ist wahr, ich komme zu ihm, er kommt zu mir, wir promenieren miteinander. Wir streiten. Wir streiten aufs Blut, fast jeden Tag, aber ich gestehe, die Gegensätzlichkeit und Feindseligkeit seiner Gedanken bildet einen Reiz mehr für mich, mit ihm zusammenzutreffen. Ich bin in meinen Gesinnungen gefestigt, Sie sind ungewappnet gegen intellektuelles Blendwerk. Sie sind der Gefahr ausgesetzt, unter den Einwirkungen dieser halb fanatischen und halb boshaften Rabulistik Schaden zu nehmen an Geist und Seele.

Prägen Sie sich ein, dass der Geist souverän ist, sein Wille ist frei, er bestimmt die sittliche Welt. Isoliert er den Tod, so wird derselbe durch diesen geistigen Willen wirklich und zur eigenen, dem Leben entgegengesetzten Macht, zur großen Verführung, und sein Reich ist das der Wollust. Sie fragen mich, warum der Wollust? Ich antworte Ihnen: weil er löst und erlöst, weil er die Erlösung ist, aber nicht die Erlösung vom Übel, sondern die üble Erlösung. Wenn ich Sie warne vor dem Manne, wenn ich Sie auffordere, im Verkehr und Diskurs mit ihm Ihre Herzen dreimal mit Kritik zu umgürten, so geschieht es, weil alle seine Gedanken wollüstiger Art sind, denn sie stehen unter dem Schutze des Todes – einer höchst liederlichen Macht, einer gegen Gesittung, Fortschritt, Arbeit und Leben gerichteten Macht, vor deren mephitischem Hauch junge Seelen zu schützen des Erziehers vornehmste Pflicht ist.

NA    Bereits im Mittelalter sah man fromme Ausschreitungen der Liebestätigkeit. Ich kenne erstaunliche Fälle von Fanatismus und Verzückung in der Krankenpflege: Königstöchter hatten die stinkenden Wunden Aussätziger geküsst, hatten sich geradezu mit Absicht an Leprosen angesteckt und die Schwären, die sie sich zugezogen, dann ihre Rosen genannt, hatten das Wasser ausgetrunken, womit sie Eiternde gewaschen und danach erklärt, nie habe ihnen etwas so gut geschmeckt.

SB    Weniger das physisch Ekelhafte an diesen Vorstellungen kehrt mir den Magen um, als vielmehr der monströse Irrsinn, der sich in einer solchen Auffassung von tätiger Menschenliebe bekundet. Im hellen Gegensatz zu jenen Schrecknissen erstrahlen die neuzeitlich fortgeschrittenen Formen der humanitären Fürsorge, die siegreiche Zurückdrängung der Seuchen, Hygiene, Sozialreform und die medizinische Wissenschaft.

NA    In Herrn Settembrinis unerbittlicher Pädagogik, dieser hochnäsigen Vernunftmoralisterei, mit der unser höchstleuchtender Sonnenritter und Vikarius Salomonis der Gesundheit grundsätzlich alle Ehre zu geben und die Krankheit tunlichst zu verkleinern sucht – tut sich eine bemerkenswerte und fast löbliche Selbstentäußerung kund, da Herr Settembrini selbst ja krank ist. Seine Haltung aber ergibt sich aus einer Achtung und Andacht vor dem Leben, die gerechtfertigt doch nur wäre, wenn der Leib sich noch in seinem gottesursprünglichen Zustande statt in dem der Erniedrigung – in statu degradationis – befinden würde. Denn unsterblich erschaffen, war er vermöge der Verschlimmerung der Natur durch die Erbsünde der Verderbtheit und Abscheulichkeit anheim gefallen, sterblich und verweslich, nicht anders denn als Kerker und Strafzwinger der Seele zu betrachten, und nur geeignet, das Gefühl der Scham und Verwirrung, pudoris et confusionis sensum, wie der heilige Ignatius sagte, zu erwecken. – Die Ehrfurcht, die das christliche Mittelalter dem Elend des Leibes gewidmet hatte, ist aus der religiösen Zustimmung abzuleiten, die es dem Anblick fleischlichen Jammers gezollt hatte. Denn die Schwären des Körpers machten nicht nur dessen Gesunkenheit augenfällig, sondern entsprachen auch der venenosen Verderbtheit der Seele auf eine erbauliche und geistliche Genugtuung erweckende Weise – während Leibesblüte eine irreführende und das Gewissen beleidigende Erscheinung war, welche durch tiefe Erniedrigung vor der Bresthaftigkeit zu verleugnen man äußerst gut tat. Quis me liberabit de corpore mortis hujus? Wer wird mich befreien aus dem Körper dieses Todes? Das war die Stimme des Geistes, welche auf ewig die Stimme wahrer Menschheit ist.

SB    Nein, das war eine nächtige Stimme! Die Stimme einer Welt, der die Sonne der Vernunft und Menschlichkeit noch nicht erschienen war. Obgleich venenos für meine leibliche Person, habe ich meinen Geist gesund und unverpestet genug erhalten, um dem pfäffischen Herrn in Sachen des Körpers die Spitze zu bieten. Der Menschenleib ist der wahre Tempel Gottes.

(Enzyklopädie 3)

SB    Humanist, ich bin es. Asketischer Neigungen werden Sie mich niemals überführen. Ich bejahe, ich ehre und liebe den Körper, wie ich die Form, die Schönheit, die Freiheit, die Heiterkeit und den Genuss bejahe, ehre und liebe – wie ich die „Welt“, die Interessen des Lebens vertrete gegen sentimentale Weltflucht. Ich denke, meine Stellungnahme ist eindeutig. Wie sehr ich es verabscheue, irgendein verdächtiges Mondscheingespinst und -gespenst, das man die Seele nennt, gegen den Leib ausgespielt zu sehen. Ich bin ein Freund des Menschen, wie Prometheus es war, ein Liebhaber der Menschheit und ihres Adels. Dieser Adel aber ist beschlossen im Geiste, in der Vernunft. Wissen Sie, dass vom großen Plotinus die Äußerung überliefert ist, er schäme sich, einen Körper zu haben? Eine absurde Äußerung, wenn Sie wollen. Aber das Absurde, das ist das geistig Ehrenhafte, und nichts kann im Grunde ärmlicher sein als der Einwand der Absurdität, dort, wo der Geist gegen die Natur seine Würde behaupten will, sich weigert, vor ihr abzudanken … Man muss den Körper ehren und verteidigen, wenn es sich um seine Emanzipation und Schönheit handelt, um die Freiheit der Sinne, um Glück, um Lust. Man muss ihn verachten, wofern er als Prinzip der Schwere und der Trägheit sich der Bewegung zum Lichte entgegensetzt, ihn verabscheuen, sofern er gar das Prinzip der Krankheit und des Todes vertritt, sofern sein spezifischer Geist der Geist der Verkehrtheit ist, der Geist der Verwesung, der Wollust und der Schande.

(Operationes spirituales 2)

NA    Hier von Menschenwürde zu faseln, ist absurd, denn unsere wahre Würde beruht im Geiste, nicht im Fleisch … Das Züchtigungsmittel der Schläge als etwas Schmähliches anzusehen, ist mir ein recht alberner Vorwurf. Die heilige Elisabeth war von ihrem Beichtiger, Konrad von Marburg, aufs Blut gezüchtigt worden, wodurch „ihre Seel“, wie es in der Legende hieß, „entzückt“ worden war „bis in den dritten Chor“. Will man im Ernst die Selbstgeißelungen, denen die Angehörigen gewisser Orden und Sekten sowie überhaupt tiefer angelegte Personen sich unterzogen haben, um das Prinzip des Geistigen stark in sich zu machen, barbarisch und unmenschlich nennen? Dass die gesetzliche Abschaffung der Schläge in den Ländern, die sich vornehm dünken, ein wirklicher Fortschritt sei, ist ein Glaube, der durch seine Unerschütterlichkeit nur an Komik gewinnt. Wie soll man renitente Verbrecher denn anders bändigen als durch Bock und Stock. … Da Gott unseren Leib zur Strafe der Sünde der grässlichen Schmach der Verwesung anheim gibt, ist es kein Majestätsverbrechen, wenn derselbe Leib auch einmal Prügel bekommt. Die Folter ist ein Ergebnis rationalen Fortschritts gewesen. Auf Grund von Vernunfterwägungen wurde Gott aus der Rechtspflege ausgeschaltet. Das Gottesgericht war gefallen, weil man hatte bemerken müssen, dass der Stärkere siegt, auch wenn er im Unrecht ist. … Doch wie soll man die Wahrheit über allen bloßen Verdacht hinaus ermitteln? Wie einem Menschen, der sie verhehlt, verweigert, ins Herz, ins Hirn blicken? Die Folter, als Mittel, das unentbehrliche Geständnis herbeizuführen, war und ist vernunftgeboten. Wer aber den Geständnisprozess verlangt und eingeführt hatte, das war Herr Settembrini gewesen, und also ist er auch Urheber der Folter.

SB    Niemand, schon gar nicht der Staat – wenn es ihm um Veredelung und nicht um Gewalt zu tun ist – darf Böses mit Bösem vergelten. Ich verwerfe den Begriff der „Strafe“ und bekämpfe den Begriff der „Schuld“ vom Boden des wissenschaftlichen Determinismus.

NA    Sie arbeiten darauf hin, dem Leben alle schweren und todernsten Akzente zu nehmen. Auf die Kastration des Lebens geht sie aus, auch mit dem Determinismus ihrer sogenannten Wissenschaft. Aber die Wahrheit ist, dass der Begriff der Schuld durch den Determinismus nicht abgeschafft wird, sondern sogar durch ihn noch an Schwere und Schaudern gewinnt.

SB    Verlangen Sie etwa, dass das unselige Opfer der Gesellschaft sich ernstlich schuldig fühlt und den Weg zur Blutbühne aus Überzeugung geht?

NA    Allerdings. Der Verbrecher ist von seiner Schuld durchdrungen wie von sich selbst. Denn er ist, wie er ist, und kann und will nicht anders sein, und dies ist eben die Schuld …

Im Tun, im Handeln gibt es keine Freiheit, wohl aber im Sein. Der Mensch ist, wie er hat sein wollen und bis zu seiner Vertilgung sein zu wollen nicht aufhören wird. Er hat „für sein Leben“ gern getötet und bezahlt folglich mit seinem Leben nicht zu hoch. Er möge sterben, da er die tiefste Lust gebüßt hat.

SB        Die tiefste Lust?

NA        Die tiefste.

SB    Man sieht, es gibt eine Art, zu verallgemeinern, die den Gegenstand persönlich färbt. Sie hätten Lust, zu töten?

NA    Das geht Sie nichts an! Hätte ich es aber getan, so würde ich einer humanitären Unwissenheit ins Gesicht lachen, die mich bis zu meinem natürlichen Ende mit Linsen füttern wollte. Es hat keinerlei Sinn, dass der Mörder den Gemordeten überlebt. Sie haben, unter vier Augen, allein miteinander, wie zwei Wesen es nur bei einer zweiten, verwandten Gelegenheit noch sind, der eine duldend, der andere handelnd, ein Geheimnis geteilt, das sie auf immer verbindet. Sie gehören zusammen … Religion hat mit Vernunft und Sittlichkeit überhaupt nichts zu tun … Denn sie hat nichts mit dem Leben zu tun. … Das Entscheidende in meinem Weltbild ist, dass ich Gott und den Teufel zu zwei verschiedenen Personen oder Prinzipien mache und „das Leben“, übrigens nach streng mittelalterlichem Vorbilde, als Streitobjekt zwischen sie lege. In Wirklichkeit aber sind sie eins und einig dem Leben entgegengesetzt, der Lebensbürgerlichkeit, der Ethik, der Vernunft, der Tugend – als das religiöse Prinzip, das sie gemeinsam darstellen.

SB    Was für ein ekelhafter Mischmasch! Gut und Böse, Heiligkeit und Missetat, alles vermengt! Ohne Urteil! Ohne Willen! Ohne die Fähigkeit, zu verwerfen, was verworfen ist! Wissen Sie denn überhaupt, was Sie leugnen, indem Sie vor den Ohren der Jugend Gott und Teufel zusammenwerfen und im Namen dieser wüsten Zweieinigkeit das ethische Prinzip verneinen?! Sie leugnen den Wert – jede Wertsetzung! Schön, es gibt also weder Gut noch Böse, sondern nur das sittlich ungeordnete All! Es gibt auch nicht den einzelnen in seiner kritischen Würde, sondern nur die alles verschlingende und ausgleichende Gemeinschaft, den mystischen Untergang in ihr! Das Individuum.

NA    Köstlich, dass Sie sich wieder einmal für einen Individualisten halten. Wo das Leben stupiderweise als Selbstzweck angenommen und nach einem darüber hinausgehenden Sinn und Zweck gar nicht gefragt wird, da herrscht Gattungs- und Sozialethik, Wirbeltiermoralität, aber kein Individualismus – welcher einzig und allein im Bereich des Religiösen und Mystischen, im sogenannten „sittlich ungeordneten All“, zu Hause ist. Was ist sie denn, die Sittlichkeit des Herrn Settembrini?! Sie ist lebengebunden, also nichts als nützlich. Sie ist dazu da, dass man alt und glücklich, reich und gesund damit wird und damit Punkt. Diese Vernunft- und Arbeitsphilisterei gilt ihm als Ethik. Was dagegen mich betrifft, so erlaube ich mir, sie als schäbige Lebensbürgerlichkeit zu kennzeichnen.

SB    Ich ersuche um Mäßigung in Ihrer Unerträglichkeit, in der sie beständig von „Lebensbürgerlichkeit“ in einem, Gott weiß warum aristokratisch wegwerfenden Tonfall reden, als ob das Gegenteil – man weiß ja, was das Gegenteil des Lebens ist – etwa gar das Vornehmere sei!

NA    Der Geist ist es, was den Menschen, dies von der Natur in hohem Grade gelöst, in hohem Maße sich ihr entgegengesetzt fühlende Wesen vor allem übrigen organischen Leben auszeichnet.

SB    Die Gestalt!

NA     Der Logos!

SB     Die Vernunft!

NA     Die Passion!

SB     Das Objekt!

NA     Das Ich!

SB     Die Kunst!

NA     Die Kritik!

SB     Die Natur!

NA     Der Geist!