GUT 1
Die sanfte Kompetenz
Die Bundesrepublik blieb ein Land, in dem die Politik immer glaubwürdig und die Wirtschaft grundsätzlich ethisch ist, ein Staat, der keine Bürger, sondern nur noch „Menschen“ kennt, „alte Menschen“ oder „junge Menschen“, nicht mehr aber böse Menschen: eine einzigartige Gesellschaft mit sensiblen Managern und nachdenklichen Präsidenten, eine moralische Provinz, die das Gute nie dem Zufall überläßt, die im Lauf der Jahre vielmehr immer klarer im schlechthin Guten ihre wahre Identität zu erkennen scheint. Dieser Gesellschaft droht schon längst ein umgekehrtes Theodizee Problem: Wie ist nur so viel Gutes über die Welt gekommen? Ethik Fonds verheißen Investitionsmöglichkeiten auf Feldern fern aller Rüstung und Tierversuche. Eine Zeitschrift namens „Charity“ hat sich gar auf die Wohltätigkeit schlechthin spezialisiert: „Das gute Magazin“ läßt gute Prominente (Otto Schily, Günther Jauch, Wolfgang Joop) honorarfrei schreiben, um den Erlös etwa dem tropischen Regenwald zukommen zu lassen. „In Zeiten wie dieser, da jedermann wunderbar ist, tut die Suche nach dem Bösen not“, schrieb Walker Percy über die amerikanische Gesellschaft der siebziger Jahre. „Das Kennzeichen dieses Zeitalters ist, daß schreckliche Dinge passieren, daß aber nichts ,Böses‘ dabei im Spiele ist. Die Menschen sind entweder verrückt oder elend oder wunderbar, aber, wo ist das ,Böse‘?“ Solche Fragen sind das Vorrecht weltfremder Schriftsteller. Im wirklichen Leben bereitet die Übermacht des Guten schon Probleme genug. Schon Max Weber, der die Wurzeln des modernen Wirtschaftens in der protestantischen Ethik zu entdecken meinte, fragte sich, was mit dem Erwerbsstreben passiere, wenn es seines „religiös ethischen Sinnes“ entkleidet sein werde. „Niemand weiß noch, wer künftig in jenem Gehäuse wohnen wird und ob am Ende dieser ungeheuren Entwicklung ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale stehen werden oder aber – wenn keins von beiden – mechanisierte Versteinerung, mit einer Art von krampfhaftem Sichwichtignehmen verbrämt.“ Auch Werner Sombart, der den kapitalistischen Geist anders als Weber schon von Anfang an aus allen lästigen moralischen und religiösen Bindungen gelöst wähnte, sah schwarz für die seelische Entwicklung des Kapitalisten. Wenn der Unternehmer, schrieb er, „immer wieder nichts tut als Geschäfte machen, so muß seine Seele schließlich verdorren. Um ihn herum verödet alles, stirbt alles Leben ab, gehen alle Werte unter, entsteht schließlich eine Umgebung, wie sie das Kolonialland von Natur aufweist. Die Heimat wird für den Unternehmer zur Fremde. Natur, Kunst, Literatur, Staat, Freunde: alles verschwindet in ein rätselhaftes Nichts für den, der keine Zeit hat, sich ihnen zu widmen.“ Erst Kultur, Geist und Moral scheinen dem schwerelosen Kapitalisten den nötigen Rückhalt zu geben, um sich in immer neue Weiten hin aufzumachen. „Je unruhiger die Zeiten, desto notwendiger die Visionen“, sagte der Volkswagen Vorstand Daniel Goeudevert auf dem „Chef Symposium“ eines großen Verlags, der mit einschlägigen Beratungsbüchern sein Geld verdient. Goeudevert, der für „weiche Führungseigenschaften“ plädiert, eröffnete auch die von Volkswagen begründete „International School of Integrated Management GmbH“ (ISIM), die sich dem vernetzten und globalen Denken verschrieben hat. Auch die als „freie Unternehmensberaterin“ tätige Literaturprofessorin Gertrud Höhler sieht den Bedarf solcher „Wärmelieferanten“ und „Sinnagenturen“ für die Menschen in der Wirtschaft. Denn immer dringender werde „die Sehnsucht nach dem Sinn des ganzen Treibens“. „Die neue Manager Persönlichkeit“, sagte der Unternehmensberater Roland Berger auf einer Ethik Tagung in Davos, „gewinnt ihre Stärke aus der sanften Kompetenz.“ Das scheint der allgemein akzeptierte Stand der Diskussion zu sein. Ein effektives Management sei nur noch mit „Ethik Programmen“ vorstellbar, sagt Professor Charles McCoy von der Universität Berkeley. Er ist ein gesuchter Mann bei einschlägigen Tagungsveranstaltern. Der „Continental“ Konzern, ein Gummi Hersteller, überraschte seine Führungskräfte damit, daß er sie auf einem Workshop nicht mit Umsatzzahlen, sondern mit ihrem Selbst konfrontierte. Ziel war, „mehr Mensch sein zu können“. Längst beeinflußt der Trend zum „kreativen Altruismus“ auch das Marketing, die Produktplanung. Ethik als Markenartikel ist eine Art Metaphysik Ersatz. Sie stillt den Seelenhunger, ohne die Existenz einer Seele überhaupt für möglich zu halten.
Aus: Mark Siemons: Schöne Neue Gegenwelt. Über Kultur, Moral und andere Marketingstrategien. © Campus Verlag Frankfurt/Main 1993
GUT 2
Das Böse denken
Alles besteht im Spiel der Dualität. Der Dualität des Anderen, dessen Universum eng an uns vorbeistreift, ohne uns je zu berühren – wie in jenem Duell im Dunkel der Pekingoper, wo zwei Körper sich ganz nah beieinander bewegen und ihre Waffen kreuzen, wobei sie mit ihren Gesten und ihrer stillen Konfrontation den symbolischen Raum des Konflikts beschreiben. Der Dualität des Spiels, dessen Regel von woanders her zu kommen scheint, ohne Rechtfertigung, ganz so wie der glückliche Zufall (chance), das ewige ungerechtfertigte Prinzip. Der Dualität des Weiblichen und des Männlichen – der Evidenz ihres Duells – wobei jeder der beiden dasjenige ist, worin der andere sich seiner Bestimmung nach zu verlieren hat. Der Dualität von Gut und Böse. Am schwierigsten ist es, das Böse zu denken, die Hypothese des Bösen aufzustellen. Sie ist bisher nur von Häretikern – von den Manichäern und den Katharern – aufgestellt worden, und zwar in der Vision einer antagonistischen Koexistenz zweier ewiger und gleichwertiger, untrennbarer und gleichzeitig unversöhnlicher kosmischer Prinzipien: dem Guten und dem Bösen. In dieser Perspektive kommt die Dualität als erstes, sie ist die ursprüngliche Form – genauso schwer zu denken wie die Hypothese des Bösen. Die duale Hypothese mußte sehr mächtig sein, um durch die gesamte Geschichte hindurch derart verfolgt zu werden. Seit sie – zunächst aus der Theologie, dann aber auch aus der gesamten modernen Philosophie – verschwunden ist, ist alles, was auf dem Prinzip des Bösen beruht, in einem grundlegenden Sinne irreal und marginal geworden. Jede andere Idee einer finalen Bestimmung als die des Guten verschwand aus dem Bereich der Analyse. Die Idee des Guten ist zum wahren Einheitsdenken geworden, und das Böse spielt hienieden nur eine intelligente Nebenrolle, ins Denken verbannt und darauf wartend, auf der Ebene der Fakten ausgelöscht zu werden. Dennoch scheinen sein Prinzip intakt und seine Radikalität uneinnehmbar zu sein, scheint es, zumindest in unserer Welt, über einen gewissen Vorsprung zu verfügen. Die Philosophen fragen sich nie: Warum eher das Böse als das Gute? Der Grund dafür ist, daß sie, wie die Theologen auch, nicht an die Realität des Bösen glauben. Oder vielmehr: Sie glauben nicht an die Dualität von Gut und Böse. Sie postulieren das Böse nur, um es in einer finalen Versöhnung, einer dialektischen Synthese zu absorbieren. Das Böse ist stets irreal, es steht immer in Diensten des Guten – es ist im Grunde genommen allegorisch. Aus manichäischer Sicht hingegen besitzt das Böse ein eigenes Schicksal, das nur aus ihm selbst hervorgeht und ewig rätselhaft ist. Aus ihm gehen die Welt, die Materie und alles Geschaffene hervor. In einer von der kategorischen Instanz des Bösen dominierten Welt ist es das Gute, das als Allegorie auftritt. Das Böse ist unerbittlich, da es Prinzip, Motor und Zweck zugleich ist. Und die Anerkennung des Bösen ist bereits ein Teil des Bösen. Wenn nun aber das Böse die Regel und das Gute die Ausnahme ist, wenn das konkrete Heil die Form einer beschleunigten Zerstörung annimmt und das Spiel bereits aus ist – warum dann noch über Gut und Böse disputieren? Doch das Spiel ist noch nicht aus, und wir sind gefesselt von all den Weisen, wie das Böse vor dem Hintergrund einer allgemeinen Hegemonie des Guten in Erscheinung tritt und durch es hindurchscheint. Wer von beiden hält das Steuer der Selbstmord Lokomotive in Händen?
Gut und Böses sind nämlich nicht einander entgegengesetzt, ihr Wesen ist asymmetrisch. Sie entspringen nicht derselben Bewegung und sind unterschiedlicher Natur. Zwischen ihnen herrscht eine Art antagonistisches Gleichgewicht. Wenn sie nur unterschiedlich und gegensätzlich wären – so daß die Wahl zwischen ihnen, die die Grundlage unserer Moral bildet, möglich wäre –, dann spräche nichts dagegen, daß beide autonom werden und sich jeweils für sich entwickeln, und daß die Welt auf diese Weise entweder durch das Gute oder durch das Böse homogen wird. Dazu scheinen wir übrigens gegenwärtig verurteilt zu sein: zur Homogenisierung der Welt durch das Gute und dazu, das Böse in ein imaginäres Museum wegzuschließen. Ohne dieses antagonistische Gleichgewicht wären wir der Gnade der Mächte des Guten ausgeliefert. In diesem Sinne schützt uns das Böse vor dem Schlimmsten, das in der automatischen Vermehrung und Verbreitung des Glücks bestünde – was wiederum ganz dem automatischen Wuchern der Zellen entspricht, wenn der Mechanismus ihres programmierten Todes nicht mehr wirkt. Wir sind traditionellerweise nur für jene Bedrohung sensibel, die die „Mächte des Bösen“ für das Gute darstellen, während doch gerade die Bedrohung, die die Mächte des Guten ausüben, für unsere künftige Welt fatal ist. Dennoch ist das Ganze damit noch nicht zu Ende, und ihre Komplizenschaft ist noch seltsamer. Denn es ist das Böse, welches das Gute (die Akkumulation positiver Kräfte) zum Exzeß und zur Deregulierung treibt, und es ist die Verbreitung des Guten, die das Schlimmste freisetzt. Durch all unsere Techniken der uneingeschränkten Realisierung des Guten hindurch zeichnet sich das absolut Böse ab. Das Böse ist zu einer bestimmenden Wirklichkeit geworden, schreibt C. G. Jung. „In den Abgründen des Bösen, aus denen die Vergangenheit der Menschheit besteht, Seuchen, Heimsuchungen, Kriegen, Hungersnöten, Krankheiten, war das Böse trotz allem nicht die bestimmende Wirklichkeit. Der Zugang zu einer höheren Idee des Menschlichen, zu einer entgegengesetzten Realität, war ihm verwehrt, und so konnte sich etwas aus dem Flammenmeer retten.“ Jung fügt hinzu: „Ein sogenanntes Gut, dem man verfällt, verliert seinen moralischen Charakter“ (eine wunderbare Formulierung: von nun an ist es nicht mehr das Böse, sondern das Gute, dem wir verfallen sind). „Und was ist ein Gut ohne moralischen Charakter, wenn nicht ein Aspekt der Legislation des Bösen? (...) Und so haben wir hier, inmitten von Radio, Telefon, hervorragenden Krankenhäusern, heißen Bädern, prompter Erster Hilfe, religiöser Toleranz, milden Gesetzen, Kriegslosigkeit (im Falle der mächtigeren Teile des Planeten ...), eine Flut von amoralischem Gutem, das unaufhörlich produziert wird von der Institution des Bösen, der Finsternis, die an der Macht ist – eine sagenhafte, zerstörerische, schreckliche Neuigkeit unserer Zeit“ (Ceronetti). Eine noch unmoralischere Hypothese: Gut und Böse sind umkehrbar. Sie sind nicht nur nicht gegensätzlich, sondern können sich ineinander verwandeln, und im äußersten Falle macht ihre Unterscheidung keinen Sinn mehr. Natürlich handelt es sich hierbei nicht um den unschuldigen Zustand von vor der Unterscheidung von Gut und Böse: In unserer Welt handelt es sich um eine Konfusion von Gut und Böse, die das Zeichen des Bösen ist, so wie die Ununterscheidbarkeit von Wahr und Falsch das Zeichen der Simulation ist. Das ist die Eisberg Hypothese: Das Gute ist nur der über die Wasseroberfläche hinausragende Teil des Bösen, das Böse der unter der Wasseroberfläche befindliche Teil des Guten (ein Zehntel / neun Zehntel!). Zwischen ihnen gibt es keine beständige Lösung, nur eine Wasserlinie. Ansonsten bestehen sie insgeheim aus ein und derselben Substanz, aus ein und derselben Masse, die übrigens gelegentlich umkippt: dann wird das Gute zum Bösen und das Böse tritt an die Oberfläche. Und wenn die Wärme den Eisberg zum Schmelzen bringt, kehrt alles zur flüssigen Masse des Weder Gut noch Böse zurück. Nur den über die Oberfläche hinausragenden Teil des Phänomens (das Gute) zu berücksichtigen, heißt eine tödliche Kollision mit dem verborgenen und unter der Oberfläche befindlichen Teil der Wirklichkeit (dem Bösen) zu riskieren, dessen Masse ungleich größer ist. Der Fall der Titanic machte dies deutlich (man hat niemals erfahren, was aus dem Eisberg, der „lebendigen“ Verkörperung des Bösen, geworden ist). Wir haben nicht die Wahl zwischen Gut und Böse, da diese nur die Transfusion oder die Transfiguration des jeweils anderen sind, im buchstäblichen Sinne, in dem jeder von beiden die Figur des anderen annimmt, und zwar gemäß einer Krümmung des moralischen Universums, die der Krümmung des Raums der nicht euklidischen Physik entspricht. Der unwiderstehlichen Neigung des Guten, negative Gegeneffekte zu produzieren, kommt nur die heimliche Neigung des Bösen gleich, letztendlich das Gute hervorzubringen. Die beiden rivalisieren mit auf mehr oder weniger lange Sicht gegensätzlicher Wirkung. Diese Unmöglichkeit, das Böse zu definieren und als solches zu setzen, verlangte nach einem Ausweg. Diesen fand man in der Vermischung des Bösen (le Mal) mit dem Unglück (le malheur). Das Unglück (Elend, Gewalt, Unfall, Tod) wird zur Transkription der geistigen Instanz des Bösen in die Realität. Da man dem Bösen in all seiner Ambivalenz, all seiner (glücklichen oder unglücklichen) Fatalität nicht als „dominierender Wirklichkeit“ entgegentritt, da man das Böse nicht ins Visier nehmen kann, hält man sich an das Unglück als Ersatzlösung.
Aus: Jean Baudrillard: Der unmögliche Tausch. Übers. von Markus Sedlaczek © Merve Verlag Berlin 2000
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GUT 3
Der Nicht-Wahrheit Raum geben
Der Sinn der Ethik geht einem erst auf, wenn man versteht, dass das Gute weder eine gute Sache, noch eine Möglichkeit neben oder über einer jeden schlechten Sache oder Möglichkeit ist, noch sein kann; wenn man begreift, dass das Authentische und das Wahre keine realen Prädikate eines Gegenstands sind, die dem Falschen und Unauthentischen (wenn auch mit entgegengesetztem Vorzeichen) völlig entsprechen. Ethik beginnt dann, wenn sich herausstellt, dass das Gute nichts anderes als die Erfassung des Bösen ist, und dass das Authentische und das Eigentliche keinen anderen Inhalt haben als das Unauthentische und das Uneigentliche. Genau das besagt der alte philosophische Ausspruch veritas patefacit se ipsam et falsum. Die Wahrheit kann nur zu Tage treten, wenn sie das Falsche zu Tage treten lässt, und das nicht irgendwo, von sich geschieden und an einen anderen Ort verwiesen … Die Wahrheit zeigt sich nur insofern sie der Nicht Wahrheit Raum gibt, d. h. als Statt Finden des Falschen, als die Zurschaustellung der ihr innewohnenden Uneigentlichkeit. In diesem Sinn ist auch die freigeistige oder gnostische Lehrmeinung zu verstehen, derzufolge der Vollkommene ohne Sünde ist. Anders als die üblen Verleumdungen der Eiferer und Inquisitoren glauben machen wollten, bedeutet das nicht, dass der Vollkommene noch die abstoßendsten Verbrechen begehen darf, ohne sich zu versündigen (was zu allen Zeiten nichts als eine perverse Phantasie der Sittenwächter war); es bedeutet hingegen, dass der Vollkommene sich alle Möglichkeiten des Bösen und der Uneigentlichkeit zueigen gemacht hat und infolgedessen nichts Schlechtes mehr übrig bleibt, das begangen werden könnte.
Aus: Giorgio Agamben: Die kommende Gemeinschaft. Übers. von Andreas Hiepko © Merve Verlag Berlin 2003


