Opening Sirk
Der Weltraum. Unendliche Weiten. Die Erde dreht sich rasend schnell. Dort, Europa! Im Hintergrund blinken die Sterne, Ozeane ohne Inseln, Amerika, „Universal Pictures“ flimmert über die große Leinwand, Musik, Melodie, die Erde verschwindet, schwarze Leere. Undurchdringlich auf dem Big Screen, Sekunden streichen durch das Nichts. Aber dann: schaut doch!, ein gelber Sportwagen rast über den Asphalt einer schmalen Straße, hunderte Bohrtürme neben der Straße, der Abendhimmel ist kaum zu sehen hinter diesen Gerippen, ein riesiger Hammer verdeckt kurz das Automobil, auf und nieder, eine Pumpe!, die Musik wie aus Stahl, BAAA-DAMM BAAA-DAMM, Telegraphenmasten, über denen sich Wolken im Zwielicht türmen, flache Häuser einer kleinen Stadt. Und der gelbe Wagen rast durch die Bilder, over and over again, keine Menschen, jetzt leuchten die Scheinwerfer direkt auf uns zu!
Eine Mauer am Straßenrand, dahinter das Oval eines stählernen Tanks. Hadley Oil Company, ein großes weißes H auf rotem Grund, ist das ein Flugzeug hinter dem H, eine Rakete gar in diesem Symbol? Und der Himmel wird immer düsterer, Bohrtürme in Reihen auch hinter den Häusern, wir sehen das Auto und die Stadt von weit oben, ein Betonmonument, ein kleiner Wolkenkratzer, nur zwei Fenster sind erleuchtet und ganz oben blinkt das H der Hadley Oil Company. Laub wirbelt über den Asphalt, und das Auto verschwindet zwischen den Häusern.
Doch da ist es wieder, fährt auf uns zu und aus der Stadt, am Ortseingangsschild vorbei, HADLEY Population Vierundzwanzigtausend und paar Zerquetschte, es schlägt unser Herz bis hoch zum Halse BAAA-DOUM BAAA-DOUM, wohin geht die rasende Fahrt? Und wer … Ein Mann. Ein Mann hinterm Steuer. Er beißt den Korken aus einer Schnapsflasche, spuckt ihn weg mit starrem Blick, er trinkt, oh wie gierig er trinkt!, dann drückt er die Flasche an seine Brust, klemmt sie unter seinen Arm, und fährt und fährt mit starrem leerem Blick. Ladys und Gentlemen, UNIVERSAL INTERNATIONAL PRESENTS: die Reifen quietschen in einer Einfahrt. Eine Villa, ein Herrenhaus. Säulenportal. (singt) A faithless lover’s kiss is written on the wind. Ein Mann steht am Fenster und schaut uns an. Ein schöner Mann. Schatten streichen über sein Gesicht. ROCK HUDSON Geschwungene Lettern on the Ssscreen. Eine Frau in Weiß liegt hinter ihm im Bett. Bewegt die Hände neben der Decke. Sorgenvoll stützt er sich auf den Fensterrahmen, er senkt den Kopf. Cut. Die lange Kühlerhaube des gelben Wagens unten vorm Haus. Der Mann steigt aus. Schmeißt die Tür zu, stolpert zum Haus. Und das große Scheinwerferauge starrt uns an. (singt) A night of stolen bliss is written on the wind.
Cut. Die Frau erhebt sich aus dem Bett. Ihr Nachthemd ist nicht weiß, sondern von einem matten Gelb. Roter Samt am Kopfende des Bettes. Ach wie traurig ihre Augen sind und wie gequält ihr Gesicht. Sie liegt noch halb und beugt den schmalen Körper und ihr braunes Haar wellt in ihren Namen LAUREN BACALL Cut. Der Mann steht vor dem Haus. Zertrümmert die leere Flasche an der dunklen Ziegelmauer. Ein Kellerfenster leuchtet plötzlich auf. ROBERT STACK taumelt zum Eingang, und die Laubblätter taumeln hinter ihm her. (singt) Just like the tide leaves … Cut.
Ein anderes Fenster, eine andere Frau. Schön und blond im Schatten. … our dreams we’ve calmly thrown away … DOROTHY MALONE. Hinterm Glas und zwischen den Fensterstreben … wir erbeben … Ihr Menschen ohne Licht! (singt) Now they’ve flown away … WRITTEN - ON - THE WIND. Cut.
Der Mann stolpert ins Haus, umweht von Blättern. WITH ROBERT KEITH GRANT WILLIAMS … Namen, Nebenrollen, kleine Stars … ihr seid nicht vergessen! The promises we made are whispers in the breeze … Wir stehen vor der offenen Tür, im Blätterwirbel, sehen Lauren Bacall die geschwungene Treppe hinunterschweben … rosa Pyjama, ein zartes Spiel der Farben … Das Haus, der Garten … PRODUCED BY ALBERT ZUGSMITH. They echo and they fade just like our memories … Das Haus, der Garten, der gelbe Wagen vorm Eingangsportal, leise weint der Wind DIRECTED BY DOUGLAS SIRK …
Vögel huschen durch die Bäume, zwei Katzen rascheln in den Büschen. Das sind Klärchen und Donald, die beiden Hauskatzen, die die Frau des Hausmeisters, die unten im Keller wohnt, einst mutterlos aus einem kleinen See aus Öl zog, sorgfältig säuberte und unter ihre Obhut nahm. (singt) Though you are gone from me / We never can really be apart. EIN SCHUSS FÄLLT. Stille. Nur der Wind, und die Kätzchen schauen mit großen Augen auf die Füße eines Mannes, die aus der Tür stolpern, ein Arm baumelt kraftlos an der Hosennaht, eine Pistole in der Faust. Die Waffe fällt, der Mann fällt. Cut.
Lauren Bacall am offenen Fenster, umweht von Seidengardinen, die sich durchsichtig auf und um sie legen, sinkt zu Boden. Ein Kalender rotiert. Der Sturm weht durch die Zeiten und Weiten, Weltall Erde Mensch. Neunzehnhundertsiebenundfünfzig, zwotausendelf, ölverschmierte Marmorklippen, langsam tropfen Tränen in ein Glas Pilsner. Sinken Sinken, der Weltraum, umständliche Zeiten. Donald und Klärchen rollen sich zusammen MIAU MIOH MIAH MIOH DIE GANZE WELT BRENNT LICHTERLOH, what’s written on the wind is written in my heart …
DIRECTED BY … Ladys und Gentlemen, we go back and forth with the Kalender! Geile Scheiße!
The Sirk
Dreiundvierzig in Hollywood, da fragten sie mich immer, wie war das mit dir und dem Goebbels, Douglas? Immer wenn ich den Selznick traf, wollte der die Geschichte hören. Keine große Sache, David, habe ich dann immer gesagt:
Als ich achtunddreißig nach Paris ging, schrieb mir Goebbels einen Brief. „Lieber Detlef, Sie sind ein großer Regisseur, das deutsche Volk braucht Ihre Filme. Sie sind ein guter Vertreter der arischen Rasse. Ich habe mit dem Führer selbst gesprochen, und er wünscht dringend, dass Sie zurückkehren.“
Das mit dem guten Vertreter der arischen Rasse fand der Selznick furchtbar komisch, und auch der Rainer Werner hat sich dreißig Jahre später richtig amüsiert, weil ich doch der Erste war, der mit „Hitler’s Madmen“ einen Anti-Nazi Film gedreht hat, für die MGM, da war ich grade mal fünf Jahre weg aus der Heimat. Und wie ich Hitler und Heydrich getroffen habe, wollte der Selznick immer wieder hören.
Er war damals schon alt und vom Winde verdreht und produzierte für MGM „Duel in the sun“, mit Greg Peck, der ganz am Anfang seiner Karriere stand. Da war ich schon bei der UA, aber der Selznick wollte wissen, was ich von dem Jungen halte. Mir war klar, dass der das Zeug zum Star hat. Ich hätte gerne mit ihm gedreht, so wie später mit Rock für die Universal, all die Hits, aber mit Rock war das anders. Keiner glaubte an Rock. Erst nach „Magnificent Obsession“ sind sie alle gekommen, „Haben wir doch immer schon gewusst, Doug, dass der Rock …“, Walk of Fame, so war das damals.
War eine seltsame Zeit anfangs in Hollywood. Alle waren sie drüben, Billy, Fritz, Robert, der Edgar Ulmer …, war nicht so einfach, da reinzukommen. Und bevor Selznick mich zur MGM holte, hatte ich eine kleine Farm im San Fernando Valley, eine Hühnerfarm. Dort lebte ich mit meiner Frau, hab geglaubt, das ist das Ende vom Lied und wir leben von den Eiern, und manchmal denke ich, das war meine glücklichste Zeit in Amerika, auch wenn es mir finanziell nicht besonders gut ging.
Kurz später habe ich Max Reinhardt getroffen, der betrieb eine Schauspielschule in Kalifornien. Das war schon tragisch, der große Max, der die zweitklassigen Hollywood-Dreamers ausbildete, fast alles Theaterschauspieler aus der Provinz. Max’ Frau fragte mich, ob ich die Schule nicht übernehmen wolle, aber das war zu deprimierend. Kurz darauf ist er gestorben. Vergessen.
Und die Scheinwerfer blendeten über die großen Bühnen, the big screen, Claudette Colbert war so schön wie Zarah Leander, persönlich hat sie sich dafür eingesetzt, dass ich diesen Noir-Streifen „Sleep, My Love“ mit ihr drehe, „ich und Sirk oder keiner von uns!“, sie war ein großer Star Ende der Vierziger und wusste genau, was ich für Zarahs Kariere bedeutet hatte. Als ich später Mary traf, die scheue Mary Monroe, ich weiß noch, wie ihr blondiertes Haar unter der Laterne leuchtete, als wären Glühwürmchen drin, das war in L.A. vor dem Haus dieses toten Brecht-Schauspielers, den Namen habe ich vergessen, obwohl er mal sehr berühmt war drüben in Deutschland, sie haben seine Bibliothek verscherbelt, und Mary hat ein paar Bücher gekauft, sie war wirklich klüger, als die meisten damals dachten, das war lange bevor sie Arthur kennenlernte, ich kannte sie aus diesem Huston-Film, in dem sie eine kleine Nebenrolle spielte, und Mary sagt zu mir, auf ihre stille scheue Art: „Mister Sirk, ich bewundere Sie für dieses Licht, in dem Claudette Colbert in ‚Sleep, My Love‘ saß, ganz zu Anfang in dem Zug.“
Ich habe sofort den alten Selznick angerufen, aber der sagte nur: „Mary who?“
Ich hätte alles gegeben, um Rock und Mary in einem Film zu haben. Die beiden waren gemacht fürs Melodram. Ich hab ja auch den jungen Dean besetzt, war nur eine winzige Nebenrolle in „Has anybody seen my Girl“, aber mir war klar, dass der Junge alles hatte, alles!, und ich und Zugmith hatten ein Treatment in der Schublade, „Hudson Dean Monroe“, ein großes Drama über zwei Freunde und ein Mädchen aus der … sagen wir Showbiz-Branche. Eine Art „Written on the wind“ in Vegas. Vegas war damals groß im Kommen, aber die Studios waren Skeptiker des Lichts, Minelli hat sich eine Weile dafür eingesetzt, aber dann starb Jimmy, und später Mary, und Minelli hat kaum noch gedreht, und dann bin ich auch gegangen, dreiundsechzig. Imitation of Life. Luis Trenker hat mich in die Schweizer Berge gerufen, so hat’s der Rainer Werner später immer ausgedrückt.
Und ich hatte sogar Erich schon so weit, dass er ein Drehbuch schreiben wollte für mich und Zugsmith und die beiden letzten unseres Star-Trios. Er kam gut an in Hollywood seit „Arc de Triomphe“. Als wir fünfundfünfzig beim Calvados saßen, oder war das siebenundfünfzig, als wir Jimmy schon umbesetzen mussten, Brando war schlecht zu kriegen, schon ein Riesen-Star, hab ich ja von Anfang an … Walk of Fame, aber ich hatte den jungen Newman im Fokus, aber Erich Maria hatte den Kopf nicht frei, sagte dann einmal beim Lunch: „Detlef, ich habe ein fürchterliches Problem.“
Ich trank meinen Calvados und fragte: „Worum geht’s denn, Erich?“
Und er erzählt von den beiden Frauen, die hinter ihm her sind. Und ich sage: „Aber Erich, das klingt ja entsetzlich, wer ist es denn?“
Und er sagt, das seien die Paulette Goddard und die Dietrich. Und wen er denn nun heiraten soll.
Und ich sage: „Mein Gott, Erich, da steckst du ja wirklich im Schlamassel-Massel! Das ist ein böses Dilemma, Erich!“
Und er sagt, so war er nun mal, der alte Knabe, dass die Marlene schon sehr attraktiv sei, aber die Paulette (wie „Palette“ CM) ein Ass in Aktiengeschäften.
„Na ja“, sage ich also, „Aktiengeschäfte sind sehr wichtig, gar kein Zweifel.“ Und wen hat er geheiratet? Paulette natürlich, und unser Drehbuch blieb Legende in Hollywood.
Und die Scheinwerfer blenden über die großen Bühnen. Und Rock taumelt mit George Nader, als wäre alles in den Wind geschrieben. Fahrt nach Paris, sage ich, dort hasst keiner die Liebe der Männer. Und ich bin verliebt in Babs Stanwyck, seit „There’s Always Tomorrow“, what a Lady!, wir sind zusammen an den blauen kalifornischen Stränden schwimmen gewesen, als wäre ich wieder jung, forty guns knallen in mein Herz, aber sie verschwindet im Schatten ohne mich und stirbt einsam und vergessen im Jahr neunzig, während ich mit jedem Film, den ich drehe, ihr meine Liebe zeige, wo bist du Babs?, what heaven allows, und ich liebe Rock und Rainer Werner wie ein Vater ohne Mutter, und weiß, dass auch auf sie Blut und Tränen warten, und die Schatten auf dem Sunset Boulevard.
Texte von Clemens Meyer für die Inszenierung
„Sirk the East – Der Traum von Hollywood“


