Ich fahre grundsätzlich nicht mit einem Fahrwerk. Weder mit einem sogenannten Auto, noch mit einem sogenannten Bus, noch mit einem sogenannten Zug. Ich gehe zu Fuß. Und das hat einen guten Grund, denn durch die Geschwindigkeit, der man in diesen Gerätschaften, diesen rollenden Fahrwerken ausgesetzt ist, wird man betrogen, wird man der Erfahrung des Raumes beraubt, und dies führt zu einem enormen Realitätsverlust. Das ganze Desaster, das wir heute haben, ist von der Realität weit entfernt, von den wahren Problemen, die überall zu sehen, zu greifen sind. Und das Ganze, der ganze Betrug funktioniert ja nur, weil wir uns entfernen von dem, wie es ist, wie es wirklich ist. Die Realität ist etwas, was Schnelligkeit nicht verträgt, was bei Schnelligkeit langsam abnimmt. Wenn Sie schnell mit etwas in der Luft fuchteln, können Sie nicht mehr nachvollziehen, wo es ist, wie es sich bewegt, wo es sich in exakt dem Moment befindet. Wenn Sie genau hinschauen, sehen Sie, dass die, die sich am schnellsten bewegen, am wenigsten mit der Realität verbunden sind, aber diese Realitätsfernen sind diejenigen, die die meiste Macht in ihren Händen halten. Die ganze Welt soll Auto fahren, um verrückt zu werden, um einer vorgegebenen Realitätsverschiebung, Realitätsverleugnung gerecht zu werden, um die Illusion zu haben, zu einem scheinbaren Fortschritt zu gehören, aber um in Wirklichkeit unterjocht, verführt, gesteuert zu werden.

Aus: Paranoia wegen Verteilerkästen, von Roland Albrecht

1897 wurde auf dem Gelände des Clara-Zetkin-Parks während der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbe-Ausstellung die große „Deutsch-Ostafrikanische Ausstellung“ eröffnet. Auf 20.000 Quadratmetern wurde originalgetreu eine Kolonialstation nachgebaut. Ein Expeditionslager, eine evangelische Missionsstation und eine Straße in Dar es Salaam. Dazu gab es Souvenirläden mit afrikanischen Trommeln und Ketten, Straußeneier und ein echtes arabisches Café. Leutnant a. D. Kurt Blümcke plante und organisierte diese Völkerschau. Die größte Sensation war die Zurschaustellung von „47 echten schwarzen Negern“. Ein Jahr vorher, am 27. Dezember 1896, reiste der Beamte Karl Kaufmann, im Auftrag von Kurt Blümcke und mit ausdrücklicher Erlaubnis und Empfehlung der Kolonial-Abteilung des Auswärtigen Amtes, nach Dar es Salaam, um Eingeborene anzuwerben, mit ihm nach Leipzig zu kommen und sich ausstellen zu lassen. Am 16. April 1897 kam er mit 47 Ureinwohnern des Stammes Wadoe in Leipzig an. Kaufmann achtete sehr strikt darauf, dass die von ihm ausgesuchten echten Neger so wenig wie möglich Kontakt mit Weißen haben, um die Authentizität, das Echte, das Wilde beizubehalten. Kurt Blümcke stellte die 47 wirklichen Wilden gleich aus, wies ihnen ihre Wohnungen in den Rundhütten zu. Sie waren verpflichtet, ihr normales Leben weiterzuführen. Die Völkerschau wurde vom ersten Tag an ein voller Erfolg. Die wöchentlich erscheinende Ausstellungszeitung berichtete fast ausschließlich von den Wilden. Die ausgestellten Ureinwohner wurden als freundlich beschrieben, „vertrieben sie sich doch die Zeit mit Essen, Trinken, Tanzen und Schlafen“, hielten sich zu den gegebenen Zeiten in ihren zugewiesenen Häusern auf, zeigten keinerlei „Zudringlichkeit“ und „fühlten sich in ihrer Umgebung wohl und behaglich“. Nur einmal gab es eine Weigerung, einen Protest der Wilden, als sie nicht mehr mit den Händen essen wollten. Sie waren bis dahin gehalten, die in Schalen gebrachten Speisen mit den Fingern zu essen, um ihre wilden Tisch- bzw. Bodensitten darzustellen. Sie weigerten sich im dritten Monat der Zurschaustellung, weiterhin mit den Fingern zu essen, und wollten ebenfalls – wie sie es bei ihren Wärtern sahen – mit Messer und Gabel essen. Herr Kaufmann versuchte die Wilden zu überzeugen, dass sie weiterhin mit den Fingern essen, da sie dies ja gewohnt wären, und dass dies für die Zwecke der Völkererfahrung wichtig sei. Auch aus erzieherischen Gründen sei es geboten, mit den Fingern zu essen, so könne gerade Kindern anschaulich gezeigt werden, wie unzivilisiert es sei, mit den Fingern zu essen, dass dies nur die Wilden machten. Trotz allem guten Zureden, sie weigerten sich und wollten Gabel und Messer haben. Sie drohten, sich nicht mehr zu zeigen und in ihren Häusern, in ihren Hütten zu bleiben. Die Ausstellungsleitung gab dann nach. Ab da stand in jeder Ausstellungszeitung fett gedruckt der Spruch:

Immer hält der Menschenfresser
wenn er seine Menschen frisst
links die Gabel
rechts das Messer
weil er gut erzogen ist


Schon in der ersten Ausgabe der Ausstellungszeitung wurde berichtet, den Volksstamm Wadoe umgebe das Gerücht, dass er bei besonderen Festlichkeiten Menschen verspeise. So seien 1888, zur Zeit des Buschiri-Aufstandes, drei Matrosen von Sr. Majestät Schiff „Leipzig“, als sie sich vom Schiffe entfernten, verspeist worden. Herr Kaufmann befragte dazu seine mitgebrachten Ureinwohner. Sie erklärten, dass sie früher Menschen gegessen hätten, der drei Matrosen könnten sie sich aber nicht entsinnen. Das führte zu heftigen Debatten, ob es überhaupt richtig sei, Menschenfresser auszustellen. 635.000 Besucher zählte man bei dieser Völkerschau in Leipzig. Es war eine der erfolgreichsten in ganz Deutschland.

Aus: Völkerschauen, von Roland Albrecht

Der Leipziger Arzt und Musiker Mathias Klaus Xeller versuchte um 1870, Musik als Sprache zu begreifen. Ganz nach dem Motto seines Lehrers Moritz Schreber: „Ein Baum muss früh gebunden werden“, experimentierte Xeller mit Säuglingen. Er wollte die Sprachentwicklung bei Kleinkindern zu einer neuen Sprache führen, einer Sprache, die auf Musik basierte. Diese Musiksprache sollte zur Vervollkommnung des Menschen beitragen. Anlehnend an den damals viel diskutierten Fall Kaspar Hauser, der ohne Umwelteinflüsse in einem Keller aufwuchs, wollte Xeller Kinder von der Geburt an nur mit Musik aufwachsen lassen. Die Primärerfahrung sollte Musik sein, und nicht die gesprochene Sprache. Xeller experimentierte mit Findelkindern, die ihm als angesehenem Leipziger Arzt ohne Einschränkungen zur Verfügung standen. Den ersten zwei Säuglingen, die in seine Obhut kamen, gab er die Namen: Leonore und Leonhard. Vier geschulte Betreuerinnen mussten eine von ihm entwickelte musikalische Rudimentärsprache erlernen, in der keine Wörter vorkamen. Die verschüttete Ur-Sprache, oder Ur-Musik, würde sich in den beiden wiederfinden und entwickeln können. Keine der betreuenden Personen durfte mit Leonore und Leonhard sprechen, auch Singen war verboten, da Singen Worte beinhaltet. Nur wortloses Summen festgelegter Melodien war erlaubt.
Nach anfänglichen Erfolgen meinte Xeller schon, ein melodisches Summen gehört zu haben. Nach eineinhalb Jahren fingen Leonore und Leonhard jedoch an, die ersten Worte zu plappern. Xeller tobte. Schrie von Verrat. Er entließ sofort alle Beteiligten und gab die zwei Kinder wieder an das städtische Findelhaus zurück. Noch drei Versuche machte Xeller, wechselte jedes Mal komplett das Personal aus, das trotz strenger Ermahnungen mit den Kindern gesprochen hatte. Doch jedes dieser Kinder lernte verzögert Sprechen. Keines zeigte auch nur Ansätze, sich über Melodiefolgen zu verständigen. Xeller machte seine Betreuerinnen für die Misserfolge verantwortlich, denn das Experiment selbst musste bei Einhaltung aller von ihm aufgestellten Regeln gelingen. Als dann sozialdemokratische Flugschriften auftauchten, die ihn der Kindesmisshandlung bezichtigten, war ihm klar, woher der Wind wehte. Seine Betreuerinnen samt Ammen waren von den rückwärts gerichteten, dem Fortschritt im Weg stehenden Sozialisten gekapert worden. Xeller fand auf dem Südfriedhof seine letzte Ruhestätte.

Aus: Musikerziehung, von Roland Albrecht